6.9.2026 · 14. So. nach Trinitatis · „Zachäus“ · Michael Hufen

14. Sonntag nach Trinitatis                          Predigt

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag hat ein ganz klaren inhaltlichen Fokus: “Lobe den Herrn meine Seele“ – Loben und Danken für Gottes Begleitung und seine Wohltaten. Wir haben es bei Jesaja gehört: Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils.

Und wer von euch und ihnen hat nicht bei der ersten Worten der Evangeliumslesung „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus …“ innerlich schon gesagt: ja, kenn ich, der krabbelt vom Baum, Jesus geht zu ihm nach Hause und hinterher gibt Zachäus seinen unrecht erworbenen Besitz zurück.

Ja klar, Zachäus, der Zöllner, ist ein gern gesehener Gast im Kindergottesdienst. Die Geschichte gewinnt durch ihre Detailfülle große Anschaulichkeit und ist gut geeignet für Nacherzählung oder Inszenierung. Das komische Bild vom kleingewachsenen Reichen im Baum ragt aus den Jesus-Geschichten heraus. Angesichts der bewegten Handlung gerät die Pointe indes nicht selten recht moralisierend: Der auf fragwürdige Weise erworbene Reichtum des Zöllners steht dabei oft im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Auftreten Jesu bewirkt dann den Sinneswandel zurück zur Redlichkeit: „Betrüge nicht und teile deinen Reichtum!“, – so lautet oft die simple Moral der Geschichte.

Wie viele Superreiche fallen uns ein, denen wir einen solchen Besuch Jesu mal wünschten. Versprochen, wir würden auch nicht so scheel wie die Bewohner Jerichos auf Jesus schauen, wenn er in eine Villa am Heiligen See in Potsdam, München Grünwald oder in Beverly Hills einkehrt oder sollten wir lieber sagen, sie heimsucht ….

Der Evangelist Lukas entwickelt die Geschichte von Zachäus aber dann doch etwas spannender und vor allem so, dass man sich, egal von wo man schaut, nicht einfach zurücklehnen kann.

Lasst uns mal auf Lukas hören und dann vielleicht von da, wo wir stehen, einen Schritt näher kommen.

Lukas entwickelt den Weg Jesu hinauf nach Jerusalem als Stationengeschichte. Direkt bevor er in Jericho Zachäus trifft, hat er seinen Begleiterinnen und Begleitern zum dritten Mal seinen Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung angekündigt „und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“

Und dann passiert folgendes: Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre.Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Lukas zeichnet das Sittengemälde einer Stadtgesellschaft. Zwei Menschen am Wegesrand, die unterschiedlicher nicht sein könnten, denen wendet sich Jesus zu. Jesus, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen, zu finden und zu retten. Der Bettler und der stinkreiche Zollpächter – größer kann man sich den Kontrast nicht denken – den Kontrast der Menschen, denen sich Jesus zuwendet. Solchen Menschen gilt die Rettung, die mit Jesus, durch und in ihm kommt.

Den Rand der Gesellschaft stellen wir uns häufig recht einseitig vor und identifizieren immer wieder Gruppen, die dazugehören: ich zähle jetzt keine Menschen oder Gruppen von Menschen auf, aber mindestens ist klar, der Rand der Gesellschaft, dem Jesus sich demonstrativ und immer wieder zuwendet, ist überaus divers besetzt. Dort finden sich nicht nur Arme, Unterprivilegierte und körperlich Eingeschränkte, sondern eben auch ökonomisch gutsituierte und mächtige Zöllner. Das Rettungshandeln Jesu gewinnt dadurch neue Facetten hinzu. Es gilt nicht nur Krankheit und Elend, sondern auch schuldbehaftetem Reichtum. Denn auch das bleibt ja festzuhalten: Zachäus war sicher kein Unschuldslamm. Und das Verhalten der Menschen, die weder dem Blinden helfen, noch Zachäus durchlassen wollen, basiert nicht nur auf Gleichgültigkeit. Dem Blinden wird aktiv der Mund verboten und vor dem kleinwüchsigen Zachäus macht so mancher doch gerne die Schultern breiter als sie sind und stellt sich selbst auf die Zehenspitzen.

In beiden Geschichten ist die Menge ganz offensichtlich davon überzeugt, dass sie entscheiden kann, wer Jesus begegnet, wer solcher Begegnung würdig ist. Also wer richtig oder falsch, gut oder böse ist. Beide Male widerspricht Jesus dieser bornierten Weltsicht auf aufsehenerregende Weise. Sein rettendes Handeln durchbricht etablierte Sitten und Denkmuster zugunsten solcher Menschen, die unter den gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten leiden. Denn Jesus macht seine Zuwendung nicht von Status oder Ansehen abhängig, nach denen sich Gesellschaften üblicherweise sortieren und an denen sie ihr Handeln orientieren.

Hier der blinde Bettler in seinem Elend und seiner Armut und dort der reiche und ganz offensichtlich nicht nur durchtriebene, sondern echt skrupelose Zachäus – Mitleid und Empörung sind da doch ganz klar verteilt.

Aber wo bleibt bei allem Mitleid ein kreativer Handlungsimpuls, wo bleibt er bei aller Empörung. Wir haben Rollen festgelegt und das wars.

Für Jesus war es das nicht: Nicht die richtige Haltung rettet, sondern allein die aktive Zuwendung, die bereit ist, die eingeübten gesellschaftlichen Rollenmuster zu überwinden. Im Fall von Zachäus wird Rettung möglich durch den Vertrauensvorschuss, den Jesus ihm gewährt, als er sich zu ihm einlädt. Rettung ist die Erfahrung: Ein Neubeginn ist möglich. Dabei ist die Parallele der beiden Geschichten besonders aufschlussreich: Natürlich ist es ein Wunder, wenn ein Blinder plötzlich sieht – aber es ist eben auch ein Wunder, wenn einer bereit ist, auf Reichtum, Macht und Privilegien zu verzichten.

Liebe Gemeinde,

Bei den Protagonisten der Geschichte erkennt man trotz oder gerade wegen der Möglichkeit sie bestimmten Gruppen zuzuorden, sie zu „schubladisieren“ aber noch mehr. Sie bleiben nicht in ihren „Rollen“ als blinder Bettler oder skrupelloser Geldeintreiber. Sie erfahren das, was wir ganz klassisch als „Gnade“ bezeichnen können – als unverfügbare Möglichkeit eines Neubeginns. Sie kommen aus ihren Rollen heraus und fangen neu an. Mit sich selber, aber dann eben auch mit ihren Mitmenschen. Die zentrale Rolle, die Jesus dabei spielt, ist überdeutlich.  Und mit seinen beiden Worten „muss“ und „heute“, wird die Dringlichkeit seiner Sendung deutlich. „Zachäus, steig schnell runter, denn heute muss ich in deinem Haus einkehren.“

Jesus sprengt in Jericho festgefügte Rollenmuster auf. Gegen den Widerstand der Umstehenden geht er auf die beiden Menschen zu und setzt sich damit ja auch der Gefahr aus, Abwehrreaktionen der Umstehenden zu provozieren – neudeutsch würde man sagen: er begibt sich in den Bereich der Kontaktschuld. Er macht sich in gewisser Weise mit denen am Rand gemein, den abgeschrieben Armen und Kranken den verachteten Geldmenschen, mit denen die in der Mehrheitsgesellschaft keinen Platz haben.

Mit dem Soziologen Hartmut Rosa könnte man sagen, dass Jesu Handeln und das, was von ihm schon bekannt ist, bei Zachäus (und auch dem Bettler) ein „hörendes Herz“ geweckt haben. Beide sind offen für die Welt um sich herum. Sie sind „anrufbar“ und verharren nicht an dem Platz, den ihnen die Gesellschaft zugewiesen hat. Sie verharren nicht – und das interpretiere ich mal ganz modern – in einer fertigen Weltdeutung. Sie sind im doppelten Wortsinn, und bei Zachäus wird das besonders deutlich, bereit, „aufzuhören“. Im doppelten Wortsinn, weil es nicht nur um „stoppen“ und „beenden“ geht, sondern auch um „aufwärts hören“, sich anrufen lassen.

Der reiche Oberzöllner Zachäus klettert auf einen Baum und macht sich dabei lächerlich. Er macht sich aber zugleich auch für einen Moment unabhängig von allen gesellschaftlich bestimmenden und bestimmten Faktoren. Diese Chance – in den Worten des Soziologen: „diese offene vertikale Resonanzachse“ – nutzt Jesus: Und sein Zuspruch trifft wirklich – das zeigt die Reaktion des Zachäus – auf ein hörendes Herz.

So gelesen ist die Geschichte vom kleingeratenen Oberzöllner eine Lehrerzählung über das Potenzial, das die rettende Zuwendung Jesu für die individuellen Veränderung birgt – aber auch über die Voraussetzungen, die es dazu braucht. Sie führt am Rand aber auch vor Augen, dass religiöse Narrative – z.B. indem einer als hoffnungsloser Fall und Sünder eingetütet wird und man sich lautestmöglich von ihm distanziert – gesellschaftliche Missstände stabilisieren können.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ein Buch geschrieben, das heißt „Demokratie braucht Religion“ und er reiht sich da in eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, Soziologen und Philosophen ein, die in den letzten Jahren mit Nachdruck auf die Bedeutung von Religion für unsere Gesellschaft hinweisen. (Und sie gehen da weit über das sogenannte Böckenförde-Diktum hinaus – Böckenförde ein Verfassungsrechtler, der in den 60er Jahren feststellte „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ und damit natürlich für Deutschland ganz deutlich und klar die Grundlehren, – wahrheiten, – überzeugungen und Traditionen des Christentums meinte.)

Rosa beschreibt unsere Gesellschaft als eine durch den ungebremsten Profitdrang und den dauernden Leistungsdruck des immer aggressiver werdenden Kapitalismus von sich selbst entfremdete Gesellschaft. Den Menschen fehlt allzuoft ein Gefühl der Resonanz, das sich einstellen würde, wenn man eigene Selbstwirksamkeit erfährt, im Kontakt mit anderen und bei der täglichen Arbeit und sich Umstände tatsächlich ändern.

Resonanz ist aber mehr als ein Gefühl, sondern eine Weltbeziehung, die auch eine veränderte Haltung zur Welt erfordert. Die entscheidenden Begriffe dabei sind Berührung, Antwort, Transformation und eben „Unverfügbarkeit“ – Gnade. Resonanz lässt sich also nicht herstellen, sondern wird geschenkt, wenn man sich darauf einlässt und hofft.

Ein südamerikanischen Befreiungstheologe hat einmal gesagt „Hoffnung, die das Risiko scheut, ist keine Hoffnung. Hoffen heißt, den Sprung ins Ungewisse wagen, an das Abenteuer der Liebe glauben und sich ganz Gott überlassen.“

Oder um es mit dem Bettler an der Straße ach Jericho zu sagen: “Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“

Amen