1960-2005 in Alt-Pankow

Zusammengefasst und aufgeschrieben von Sabine Brauns,
abgestimmt mit Klaus Grothe im März 2022


Das 45 jährige Wirken des Kirchenmusikers Klaus Grothe in der Alten Pfarrkirche zu Pankow ist in seiner Vielfalt und seinem Ausmaß sowohl zahlenmäßig als auch inhaltlich kaum zu erfassen, trotz seiner akribisch geführten Unterlagen, die uns einen ungefähren Überblick in sein Schaffen ermöglichen.
Desto mehr ist es an uns, seine Arbeit zu würdigen und ihm voller Hochachtung dafür zu danken. Im Nachhinein wird uns bewusst, dass er seine berufliche Tätigkeit als GOTTESDIENST im ursprünglichen Sinne lebte.

Klaus Grothe ( 11. September 1932 – 9. April 2022)

Klaus Grothe war 45 Jahre lang Kantor in Alt-Pankow. Die Stelle war seine Lebensstelle, er kam unmittelbar nach dem Studium und blieb bis über das Pensionsalter hinaus. Klaus Grothe prägte die Kirchenmusik und das musikalische Leben in unserer Gemeinde nachhaltig.

  • Studium der Kirchenmusik an der Kirchenmusikschule Greifswald und an der Hochschule für Musik in Berlin
  • 1960 Antritt der A-Kirchenmusikerstelle in der Alten Pfarrkirche in Berlin Pankow
  • Verheiratet, vier Kinder
  • 1997 nach 37 Jahren Eintritt in das Pensionsalter – ehrenamtliche Weiterarbeit bis 2005
  • 1997 Umzug nach Berlin-Biesdorf
  • 2005 Ende seiner Tätigkeit als Kirchenmusiker

Diese Instrumente standen in Alt-Pankow zur Verfügung bzw. wurden während seiner Dienstzeit angeschafft:

Im Rahmen der Pflege und Beschaffung von Instrumenten wurde

  • die alte desolate Sauer (urspr. Buchholz)-Orgel ersetzt, aus finanziellen Gründen durch eine gebrauchte Orgel von der Firma Jehmlich mit 19 Registern auf 2 Manualen und Pedal. (1972)
  • Cembalo von der Firma Ammer mit 2 Registern und Lautenzug (Baujahr 1963)
  • Orgelpositiv mit 4 Registern von der Firma Böhm/Gotha (Baujahr 1980)
  • 2 Flügel von der Firma Blüthner (Baujahr um 1895)
  • Blechblasinstrumente

Von Kantor Klaus Grothe weitergeführte und gegründete Musikensembles:

  • Kirchenchor
  • Orchester »collegium instrumentale« Alt-Pankow
  • Kinderchor
  • Oratorien-Chor (Mitglieder Westberliner Chöre, die durch die Errichtung der Berliner Mauer 1961 heimatlos geworden sind)
  • Kammerchor/Madrigalchor
  • eine Blechbläsergruppe
  • und Solisten

Musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste


Großen Wert legte Kantor Klaus Grothe auf die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste, Andachten etc. So wurde beispielsweise allsonntäglich über viele Jahre das Graduallied von mindestens drei Chormitgliedern gesungen. Dafür verfasste er selbst, in Ermangelung entsprechender Literatur, im Laufe der Zeit für 32 Wochenlieder dreistimmige Sätze, die bis heute dem Chor zur Verfügung stehen. Leider liegt diese Sammlung der Lieder bisher nicht in gebundener Form für eine größere Öffentlichkeit vor.

Musikalische Vespern


Auch die seit 1965 durchgeführten Musikalischen Vespern an jedem ersten und dritten Sonnabend im Monat entwickelten sich nach anfangs lose aufeinanderfolgenden Konzerten allmählich zu einer festen Institution. In 38 Jahrgängen gestaltete er 629 Vespern (Orgelkonzerte, Kammermusiken, Soloprogramme, Chor- und Orchesterkonzerte, Kantaten- und Oratorien-Aufführungen). Viele interessierte Musizierende in und außerhalb Pankows – vom Profi bis zum Anfänger – boten Kantor Grothe zahlreiche Auswahlmöglichkeiten zur Gestaltung der Programme. Allerdings auch enorm viel Arbeit und persönlichen Einsatz. Nur in begrenzter Zahl und im Rahmen eines engen finanziellen Budgets konnten Profimusiker verpflichtet werden.

Das wiederum eröffnete besonders jungen talentierten Menschen die Chance, sich musikalisch zu entwickeln und an neuen Aufgaben zu wachsen. Mit ihnen arbeitete Klaus Grothe intensiv und ausdauernd. Sie förderte und forderte er beispielhaft, wie es wohl in dieser Art und Weise nur selten zu finden ist.


Die Durchführung allerdings war dennoch alles andere als einfach. Die begrenzten finanziellen Mittel legten Grenzen fest. Die Erhebung von Eintrittskarten lehnte er ab, um JEDEM die Teilnahme zu ermöglichen.
Zu DDR-Zeiten war der Verkauf von Eintrittskarten aber die Voraussetzung zur Genehmigung der Konzerte. Die Lösung: Durch die Einbettung der Musiken in eine liturgische Andacht wurde der gottesdienstliche Charakter gewahrt.


Alle Vierteljahre verschickte Kantor Grothe persönliche Einladungen zu den Vesperreihen. Die Mitglieder der Musizierkreise verteilten handgeschriebene Plakate zu der jeweils anstehenden Musik zum Aushängen in Geschäften und anderen Orten. Die Zahl der Plakatkopien war aus Papierersparnisgründen streng limitiert und überstieg nur selten die Zahl von 20 Stück.


In der fünfundvierzigjährigen Tätigkeit Klaus Grothes und seinem Bestreben, vielfältige und den vorhandenen Möglichkeiten entsprechende musikalische Arbeit praktizieren zu können, hat er eine enorme Vielzahl an Notenliteratur angeschafft, die er wohlgeordnet und archiviert seinen Nachfolgern als großen Schatz überlassen konnte.


Der Brief an den Chor im September 1969 spiegelt unmissverständlich die hohe Erwartungshaltung an die Durchführung seiner musikalischen Arbeit wider. Die Vielzahl der Termine, Aufführungen und Ausführenden ist beeindruckend, lässt aber auch die Schwierigkeiten bei der Umsetzung und den Anspruch an den Chor erahnen.

Kooperationen


Die Kirchenmusik in Alt-Pankow gewann an Farbigkeit, Vielfältigkeit und oftmals auch an Qualität durch Kontakte und gemeinsames musikalisches Tun mit anderen Musizierkreisen.

In erster Linie sei hier die Heinersdorfer Kantorei unter seinem Leiter Kantor Wolfgang Hensel genannt, mit der uns eine jahrzehntelange und freundschaftliche Beziehung verband und eine feste Größe im Leben und Wirken beider Chöre mit engen persönlichen Kontakten bis zum heutigen Tag prägte. Besonders große oder doppelchörige Werke konnten durch den Zusammenschluss beider Chöre und Orchester zur Aufführung gebracht werden.

Ungeahnte Möglichkeiten eröffneten sich nach der Grenzöffnung im Jahr 1990. Wir empfingen nicht mehr nur Besuche der Partnergemeinde Steinfurt/Westfalen in Pankow, sondern auch Gegenbesuche waren nun möglich. Alte Kontakte wurden aufgefrischt und gemeinsame Konzerte mit dem Steinfurter Chor begeisterten Ausführende und Zuhörer hüben wie drüben. Unser erstes Chorkonzert im September 1990 in Steinfurt wurde überschwänglich in der dortigen Presse gewürdigt.

Die Reisefreudigkeit unseres Chores war – neben der Freude am Kennenlernen neuer Orte und Menschen – auch immer mit dem ehrgeizigen Ziel verknüpft, Konzerte intensiv vorzubereiten und in hoher Qualität darzubieten. Höhepunkte waren auch Konzertreisen nach Schweden (1997) und Ungarn (2001).


Nach dem offiziellen Ausscheiden Kantor Grothes und während seiner ehrenamtlichen Tätigkeit gründete sich 1997 der Verein FREUNDE DER KIRCHENMUSIK ALT-PANKOW unter dem Vorsitz von Robert Dietrich. Der Verein hatte sich das Ziel gestellt, die finanziell schwierige Situation, in der sich die Kirchenmusik befand, zu verbessern. Geld war z.B. nötig zur Instrumentenpflege und -anschaffung und zur Bereitstellung notwendiger Mittel für die Musikalischen Vespern. 2001 wurden dringend 35 000 DM zur Restaurierung der schwergeschädigten Jehmlich-Orgel benötigt. Also wurden Sponsoren und Fördermitglieder gesucht; jede kleine und große Spende war willkommen.

Diesem Anliegen dienten auch zwei CD´s, die für jeweils 20 DM erhältlich waren. Sie präsentieren Höhepunkte des Schaffens unserer Musizierkreise, also geistliche Chorwerke und Instrumentalmusik:
MUSIKALISCHE VESPERN I (Dokumente aus vier Jahrzehnten Kirchenmusik) und
MUSIKALISCHE VESPERN II (Musik zur Weihnachtszeit aus Alt-Pankow).

Familie, Gemeinde- und Chorfreizeiten


Sein gesamtes Leben ordnete er dieser Aufgabe unter. Auch das seiner Familie war Teil davon. Nach der Hochzeit mit Eva-Maria geb. Schliepe am 28.07.1962, die bedingungslos treu an seiner Seite stand und ihm in jeglicher Hinsicht „den Rücken freihielt“, wurde er Vater von einer Tochter und drei Söhnen. Die drei Söhne, so seine Interpretation, waren nötig, um den chronischen Mangel an Männerstimmen zu mindern. So sollte es auch sein: alle drei verstärkten den Tenor im Chor! Diese und ähnliche humorvolle Bemerkungen waren typisch für ihn und prägten das Miteinander mit all seinen Mitstreitern.

Nicht nur die Arbeit mit den Musizierkreisen, sondern auch der zwischenmenschliche Zusammenhalt, das fröhliche und ersprießliche Wirken waren ihm wichtig.

In den 60er Jahren zog es den Chor einmal im Jahr mit Singen und Spielen ins Grüne. Abgelöst durch allseits beliebte Dampferfahrten mit dem Dampfer Joachim.

Als eine feste Größe etablierten sich schließlich regelmäßige Chorwochenenden im Seminar für kirchlichen Dienst in Dahme, die gleichzeitig der Vorbereitung und Erarbeitung von Literatur dienten. So auch unter Einbeziehung von Orchestermitgliedern.

Alljährlich lud man zur obligatorischen Weihnachtsfeier ein. Gern wurden die Pfarrerinnen und Pfarrer der Gemeinde als Gäste in der fröhlichen Runde gesehen; ebenfalls Ehemalige und Angehörige. Lange Zeit wurde „gewichtelt“ und der jeweilig Beschenkte fühlte sich über ein beigelegtes mehr oder weniger gelungenes „poetisches Kunstwerk“ persönlich angesprochen und geehrt.

Über eine bleibende Erinnerung an die Mitgliedschaft im Kirchenchor konnten sich Sängerinnen und Sänger erfreuen, wenn sie mindestens 10 Jahre aktiv mitgewirkt hatten. 1975 wurden sie beschenkt mit einem Chorteller, gestaltet vom Keramiker Christian Richter, der ein guter Freund und Unterstützer der Kirchenmusik war.
Der eingravierte Notentext des Chorals „Ich singe dir mit Herz und Mund“ könnte als Überschrift über der Kirchenmusik in Alt-Pankow stehen und ganz bestimmt als Lebensmotto von Kantor Klaus Grothe.

Alle Bildrechte liegen bei Sabine Brauns.