3.4.2026 · Karfreitag · Ruth Misselwitz

Johannes 16,33

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Joh. 16,33b
Liebe Schwestern und Brüder,
das sind Worte Jesu, die der Evangelist Johannes in die Abschiedsreden Jesu stellt, kurz bevor er gefangen genommen wird.
Diese Abschiedsreden sind das Vermächtnis Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger.
Sie feiern das Passahmahl – das große Fest der Juden, das an die Befreiung aus dem Sklavenhause Ägyptens erinnert.
Ganz aktuell scheint es wieder zu sein – wieder wird das Volk Israel von einem mächtigen Herrscher
unterdrückt, wieder stöhnen sie unter dem Joch der Abgaben und Steuern und der Knute der Demütigungen.
Diesmal sind es die Römer.
Furcht und Schrecken haben sie über das Land gezogen, Willkür, Gewalt und Korruption und überall Kriege, die die Länder ausbluten.
Das Volk Israel sehnt sich nach Freiheit und Frieden, sie erwarten den Messias, der sie befreien sollte
und schon durch die Propheten versprochen wurde.
Und nicht wenige glaubten, dass Jesus, der Wanderprediger und Heiler aus Nazareth, dieser Messias wäre.
Mit großem Jubel hat die Bevölkerung ihn in Jerusalem empfangen:
„Hosianna! Gelobt sei der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel.“
Ja, der König von Israel sollte er sein, sich an die Spitze der Befreiungsarmee, der Zelloten, stellen
und das Land mit Kraft und Gewalt von den Römern befreien.
Aber wie kam er daher geritten – auf einem Esel, das Tier des armen Mannes.
Auf einem Streitwagen mit einem blitzenden Schwert und einem feurigen Ross hätten sie ihn lieber gesehen.
Da gab es wohl schon die ersten Irritationen.
Später dann, als er gefangen genommen wurde, ohne, dass er sich
gewehrt hat, ja nicht einmal von seinen Anhängern befreit werden wollte
und dann gefoltert und gemartert vor ihnen stand, erbärmlich und lächerlich anzusehen,
da war ihnen der Barabbas schon lieber, der ihnen von dem römischen Statthalter Pilatus zur Freigabe angeboten wurde.
Der hatte wenigstens Rückgrat gezeigt, bei einem Aufstand in Jerusalem tapfer auf die Römer eingeschlagen und dabei auch den einen und den anderen Römer niedergestreckt.
Dieser jämmerliche Wanderprediger Jesus aber zeigte ja rein gar nichts an Kraft und Stärke.
Anfangs überzeugte er ja durch seine Wunder und ungewöhnlichen Reden, jetzt aber, wo er Führungsstärke und Entschlossenheit zeigen sollte, versagte er jämmerlich.
Er faselte von Feindesliebe und Barmherzigkeit, von Buße und Vergebung und hatte noch nie ein Schwert in der Hand, der konnte doch unmöglich König und Heerführer von Israel sein.
Die höhnischen Gesichter der römischen Soldaten konnten sie nun schon gar nicht ertragen.
Und enttäuscht schlug das Hosianna um in „kreuziget ihn, kreuziget ihn.“
Dann, als er am Kreuz hing und seine engsten Vertrauten das Weite gesucht hatten
und nur noch ein paar Frauen um ihn weinten, waren alle Hoffnungen gestorben.
Da mussten sie wohl auf einen anderen warten.
Später dann, als die schrecklichen Tage vorbei waren, in denen nur noch der Tod das letzte schien, was die Jünger und Jüngerinnen erwarten konnten, gab es diese total unerwartete und überwältigende Wende.
Er war nicht tot – er lebte.
Sie sahen, sie spürten, sie begegneten ihm.
Und sie erkannten – nichts war umsonst, kein Wort, kein Gedanke, keine Tat war verloren.
Und sie erinnerten sich an seine Worte, sammelten sie und schrieben sie auf.
„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Ja, Angst hatten sie, Angst vor den Soldaten, Angst vor der wütenden Menschenmenge,
Angst vor den spöttischen Blicken der Römer und dem Tuscheln der Nachbarn hinter ihrem Rücken.
Angst vor der Zukunft und vor der Leere.
Doch diese Angst war nun wie durch ein Wunder verflogen – er lebt, er ist bei ihnen, seine Worte und Taten haben Gültigkeit.
Und nichts auf der Welt kann sie davon abhalten, an diese Worte zu glauben und sie zu leben,
denn er hat diese Welt besiegt.
Er hat sie befreit aus den Fängen von Hass und Gewalt – sie können vergeben und lieben.
Er hat sie befreit aus der Todesspirale von Vergeltung und Rache, denn auch ihnen wurde vergeben.
Er hat sie befreit von der Angst vor Leiden und Tod, denn er hat den Tod überwunden.
Mitten in dieser unerlösten Welt erleben sie Befreiung, denn ihr Blick geht weiter als nur bis zum Kreuz.
Und das gibt ihnen die Kraft weiter zu leben, aber nicht wie bisher, sondern anders, mit einem weiten Herzen und einem zuversichtlichen Schritt.
Die Welt ist nicht mehr nur ein Jammertal oder ein Kampfplatz, sondern sie ist ein Geschenk Gottes, das voller Wunder ist.
Sie erleben das Wunder der Gemeinschaft, die nicht mehr nach Blutsbanden, sondern nach Hoffnungsbanden fragt und weit über die engen Grenzen der Nachbarschaft hinausgehen, ja sogar über die territorialen und ethnischen Grenzen hinweg, weil sie erkennen, dass sie alle Söhne und Töchter Gottes sind, vereint im Glauben und in der Hoffnung.
„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“

Liebe Schwestern und Brüder,
auch heute geht wieder die Angst um, die Angst vor einem Krieg, die Angst vor wirtschaftlichem
Niedergang, die Angst vor den Fremden und den Andersdenkenden.
Wir Christen haben aber auf diese Ängste eine andere Antwort, als die Welt um uns herum anbietet.
Sie bietet uns Sicherheit durch Stärke an, Sicherheit durch Abschreckung und Abgrenzung, Sicherheit durch Macht und Durchsetzungsvermögen, Sicherheit durch Besitz und Einfluss.
Der Sieg, den Jesus aber über diese Welt errungen hat, ist durch keines dieser Begehrlichkeiten erreicht worden, sondern durch die Werte, die uns Jesus gelehrt hat:
Demut und Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit und Feindesliebe, Glaubensstärke und Einfühlsamkeit, Glaube, Liebe und Hoffnung.
Der Frieden, den uns Jesus geben will, ist abgesichert durch Gerechtigkeit und Achtsamkeit, durch gemeinsame Sicherheit, die nach den Ängsten des Gegenübers fragt und diese durch vertrauensbildende Maßnahmen und den Abbau von Feindbildern zu verringern sucht.
Liebe Schwestern und Brüder,
in diesem Jahr feiern wir mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern gemeinsam das Passahfest und das Osterfest.
Gemeinsam danken wir Gott für die Befreiung aus den Ketten der Sklaverei und den Ketten der Todesangst.
Gemeinsam danken wir für die Treue Gottes auf dem Weg durch Meer und Wüste, durch Angst und Schrecken – hin zum Licht der Gegenwart Gottes.
Möge Gott seine Hand über uns halten, dass wir nicht leichtfertig die Gaben, die er uns geschenkt hat, verspielen, möge er uns zurechtweisen, wenn wir vom Weg des Friedens und der Gerechtigkeit abweichen und damit unserer Bestimmung zuwiderlaufen, gebe er uns die nötige Glaubensstärke und Liebe zueinander, bei Ungehorsam gegenüber seinen Geboten uns gegenseitig zu ermahnen und zurechtzuweisen und schenke er uns und unseren Kindern mit allen, die uns umgeben, Freunden und Feinden, eine gemeinsame friedliche Zukunft.
Amen.