Liebe Gemeinde
Heinrich Schütz schrieb 1657 die Musik zu einem Vers aus Psalm 145. In dieser Vertonung wurde dieser zu einem der bekanntesten Tischgebete aller Zeiten: „Aller Augen warten auf dich, Herre, und du gibst ihnen ihre Speise, zur rechten Zeit. Du tust deine milde Hand auf und sättigst alles, was da lebt mit Wohlgefallen.“
Neun Jahre nach dem 30-jährigen Krieg, nach Morden, Zerstörung, Krankheit, Hunger und Tod. Schütz hätte ganz sicher genügend Anlässe dafür gefunden, ganz anders zu dichten: Kein Dankgebet, sondern reine, heiße Klage.
Heinrich Schütz aber dankt.
Auch Mose mahnt zur dankbaren Erinnerung an Gottes gute Taten – trotz allem – im 5. Buch Mose (Kap.8) heißte es: „Und wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn deinen Gott vergisst, der dich aus der Knechtschaft geführt und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war“
Mose webt dem Volk vor dessen innerem Auge die Wege seiner Geschichte. Dann legt er ihnen den Stoff vor: Den Stoff ihrer Geschichte, den Stoff, der sie kleidet und wärmt, ihnen Würde verleiht und sie schön macht: Bäche und Quellen, Berge und Auen sind eingewebt. Weizen und Gerste, Weinstöcke und Obstbäume, Gold und Silber ergeben ein fantastisches Muster.
Heinrich Schütz und Mose danken Gott auf Zukunft hin! Das gute Leben ist Mitte des 17. Jahrhunderts in Deutschlands Häusern und Hütten ebenso weit entfernt, wie beim wüstenwandernden Gottesvolk. Der Dank geschieht wortwörtlich in Spe – auf Hoffnung hin! Gott möge Gutes, nein, ganz sicher: Gott wird Gutes tun. Und dafür danke ihm bereits jetzt.
Danke für die guten und schönen Dinge des Lebens, diesen herrlichen Spätsommer, Früchte und Blüten, Farben, Freude und Feste. So lässt es sich danken.
Aber im Voraus? Das heißt doch, auch in schweren Situationen danken, auf dass es einmal wieder besser sein werde. Vielleicht. Hoffentlich.
Liebe Gemeinde, ich habe Menschen getroffen, die ihren Dank bereits im Augenblick ihrer Tränen formuliert haben. Abgerungen, nur stammelnd ausgesprochen: Dank für das Leben trotz des plötzlichen Todes eines Nächsten; Dank mitten in der Krankheit, weil sie um Orientierung rangen; Dank trotz der x-ten Absage auf die Bewerbung, weil sie fest darauf vertrauten, dass Gott den Weg schon für sie wisse… Von einer solchen Haltung bin ich oft selbst weit entfernt. Und doch ahne ich, was ich gewinnen würde, wäre sie mir eigen…
Paulus schreibt an die Korinther (2.Kor 9):„Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen“.
Der Predigttext geht mit uns sofort in mittenrein. „Was soll den wachsen, wenn du nichts ausstreust?“ Wenn wir so weitermachen, wie momentan in unserem Land, werden wir kärglich ernten! Denn wir säen kärglich, weniger als kärglich. Und wir säen, wenn überhaupt, da, wo nichts wachsen wird. Auf steinigem Grund und unter den Disteln. Vor 200 Jahren hat E.M.Arndt gedichtet, dass Gott Eisen wachsen ließ – Säbel und Spieße. Und wir hatten gedacht, das gibt es nicht mehr. Sowohl die Kriegsbegeisterung – ob nun zum Befreiungskrieg, zu dem gegen den Erbfeind im Westen oder den neuerdings ewigen Feind im Osten. Heute wächst im friedlich wiedervereinten Deutschland nichts so schnell wie der Rüstungsetat. In unserer Stadt Berlin – der Stadt des Friedens – wie es noch immer am Westgiebel des Nikolaiviertels steht ……. Gibt es Rüstungsrhetorik statt bezahlbarer Mieten, militärisch gesicherte Rüstungsfabriken statt Obdachlosenunterkünften und Deutschlandpläne zur Vernetzung von Armee, Krankenhäusern und der christlichen Seelsorge, denn irgendjemand wird ja die Witwen und Waisen trösten müssen.
Knauserig zählen wir unsere Vorräte und kommen stets auf ein Ergebnis, dass es nicht mehr für alle reicht – für die Profite der Rüstungsunternehmen und Mineralölfirmen ja klar, aber eben nicht mehr für stabile soziale Sicherungssystem, nicht mehr für ordentliche Schulen und schon gar nicht für alle die am sogenannten Rand der Gesellschaft, der schon lange nicht mehr der Rand ist, sondern sich Stück für Stück in die Mitte der Gesellschaft bewegt.
Kleinlich rechnen wir nach und die Summe ist immer und immer wieder nicht groß genug. Unser ABER ist so übersteigert, dass wir kaum noch darüber hinwegsehen können. Wenn wir Gutes erinnern und erzählen, relativieren wir dies in dem Atemzug, indem es ausgesprochen ist. Nicht vom Sommer, von Farben, von Freude und Festen sprechen wir, nicht vom Glück des Friedens und den Möglichkeiten der Freiheit, sondern von deren Bedrohung, von deshalb notwendigem Verzicht und Einschränkungen und überreichen Friedenpreise an ein Militärbündnis.
Unser „Aber“ ist wie die Motte, die den wunderbar – gewebten Stoff zerfrisst. War sie ungehindert am Werk, bleiben nur Fetzen übrig: Fäden hängen lose herab und das einst so wärmende, kleidsame Gewand, lässt uns wie abgerissene Bettler dastehen.
Aus DAnken dagegen wächst neues DEnken. Danken gebiert Freigiebigkeit. Loslassen des ewigen „Aber“. Paulus schreibt: „Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.“
Wie gern würde ich diesen Satz heute laut hinausbrüllen in unser Land, nach Europa und in die Welt: „Teilt, denn ihr habt genug!“, würde ihn gern denen entgegenhalten, die es normal finden, dass das reichste 1% der Weltbevölkerung so viel besitzt wie die ärmeren 50% zusammen, denen, die es nicht weiter bedenklich finden, wenn die Zahl der Milliardäre auch in unserem Land kontinuierlich steigt – genauso wie die Zahl der Menschen, die von sozialer Not und Ausgrenzung betroffen sind.
Als Evangelium haben wir heute von der Speisung der – beim Evangelisten Markus – 4000 gehört. Markus berichtet wie auch Matthäus von einer wundersamen Speisung einer übergroßen Menschenmenge. Und er berichtet von Jesus und benutzt dafür ein ganz besonderes Wort: σπλαγχνίζομαι ἐπὶ τὸν ὄχλον – die Menge jammerte ihn. Splanchnizomai – kommt von den splanchna, den Eingeweiden. Sein Mitgefühl geht Jesus durch und durch, es geht ihm an die Nieren. Er sieht diese Menschen und leidet mit an ihrem Hunger und an ihrer Erschöpfung.
Was geht uns denn an die Nieren?, geht uns durch und durch, so dass wir es gar nicht mehr aushalten: die Toten – Ukrainer wie Russinnen, Palästinenserinnen wie Israelis. Wir halten es ganz gut aus – finden ABER und Erklärungen und erleben, wie die Decke der Geschichte, die uns gewirkt wurde und die wir uns inzwischen immer weiter über den Kopf gezogen haben, immer fadenscheiniger wird.
Wer dankt, denkt anders, bedenkt alles in einem anderen Licht: Den Menschen, mit dem wir es vielleicht schwer haben; die Situation, die kaum auszuhalten ist.
Wer dankt, denkt in Zusammenhängen, die ihm vorher nicht deutlich waren: „Du tust deine Hand auf“, lässt Heinrich Schütz mitten im Hunger singen. „Der Herr, dein Gott führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen dort und Öl und Honig wirst du finden.“ ruft Mose dem Volk Israel zu, die von Wüstensand, Hitze, Durst und Skorpionen die Nase gestrichen voll haben. „So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Lauterkeit, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.“, schreibt Paulus. Denn Mose und Paulus und Heinrich Schütz wissen: Zu danken verändert das Hier und Jetzt. Wer dankt, wird großzügig. Wer dankt, wird innerlich frei und seine Hände öffnen sich.
Liebe Gemeinde
Ein alter jüdischer Lehrer sagt: „Das Stück Brot, das ich habe, gehört sowohl Dir wie mir“. Und weiter „Ja, ihr habt recht gehört, dass das Wort ‚Dir‘ vor dem Worte ‚mir‘ steht, woraus zu folgen ist, dass die Pflicht, sein Brot mit anderen zu teilen, noch Vorrang vor den eigenen Bedürfnissen hat.“
So soll es geschehen, um die Gerechtigkeit, die Gott für diese Erde will, aufblitzen zu lassen.
Ganz in diesem Sinne warnt uns Mose: „Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen, sondern gedenke an den Herrn, deinen Gott, denn er ist`s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen.“ Und Paulus schreibt: „Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.“ Und Heinrich Schütz singt „Aller Augen warten auf dich“.
Nein, wir sind es nicht! Und weil wir es uns nicht selbst gegeben haben, deshalb haben wir nur ein Recht darauf, wenn unser Nächster dasselbe Anrecht hat. Dies zu ermöglichen, ist unsere Aufgabe: Zu organisieren, dass es eine solidarische Verteilung gibt, damit keiner leer ausgeht. Mitzuhelfen, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich minimiert werden und von seiner Hände Arbeit jeder leben kann. Veränderungen zu erwirken, damit Zugänge zu Bildung, zu Wissenschaft und Kunst ebenso zu lebenserhaltenden Maßnahmen zählen, wie medizinische Hilfe. Ja, das macht Mühe. Und ja, das wird auch Probleme bereithalten. Da braucht es Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl ebenso wie selbstbewusstes Auftreten und einen langen Atem.
Und es braucht Mut – den Mut sich und andere daran zu erinnern, dass die eigene Freiheit nur mit der Freiheit meines Nächsten zu denken und zu realisieren ist, ja meine Sicherheit immer nur gewahrt ist, wenn ich die Sicherheit meines Nachbarn mitdenke.
Den Weg vom Danken zum Denken können wir heute beginnen, die ersten Schritte setzen. Mose sieht es schon vor sich: das neue Land, die gelobte Welt, in der alle in Gerechtigkeit und Frieden leben. Und Paulus schickt sein „Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!“ zum Himmel. „…und sättigst alles, was da lebt mit Wohlgefallen“, jubelt Schütz. Der Anfang ist gemacht. Das Ziel ist vorbereitet. Das Dazwischen wartet auf uns…
Amen
