13.9.2026 · 15. So. nach Trinitatis · 25 Jahre Gemeindehaus · Ruth Misselwitz

1. Mose 2,4b-9,15

Liebe Schwestern und Brüder,

Es ist genau 25 Jahre her, als ich am 11. September 2001 in die neu umgebaute Superintendentur kam, um nach dem Rechten zu schauen. Zum Erntedankfest am 30. September sollte unser neues Gemeindezentrum eingeweiht werden und überall im Haus gab es noch etliche Baustellen. Ich erwartete den Lärm von Handwerkern, die emsig die letzten Arbeiten ausführen – aber das Haus war komplett leer und beunruhigend still. Nirgends sah ich einen Menschen, weder oben noch unten im Keller. Und dann hörte ich aus dem Gemeindesaal eine aufgeregte Radiostimme. Ein kleines Transistorradio stand auf dem Fußboden des großen leeren Raumes und sendete für mich völlig unverständliche Nachrichten  aus: Zwei Flugzeuge wären in das World Trade-Center in New York geflogen, ein weiteres würde auf das Pentagon in Washington DC zufliegen. Islamistische Selbstmordattentäter hätten die Flugzeuge entführt. Ängstlich lief ich zum Telefon, um zu erfahren, ob meine Töchter und mein Mann in Sicherheit wären. Was dann folgte, wissen wir alle. Die Welt hat sich seitdem stark verändert. Unsicherheit und Angst haben sich überall verbreitet.

Hier in unserer Gemeinde aber haben wir 3 Wochen später unser neues Gemeindehaus eingeweiht. Viele Jahre haben wir an dem Konzept gearbeitet. Der Gemeindekirchenrat, die verschiedenen Ausschüsse und zahlreiche Gemeindemitglieder haben sich an diesem Prozess beteiligt. Stellvertretend für viele seien hier drei Menschen genannt: der damalige GKR-Vorsitzende Dr. Winfried Kleinau, Armin Burger aus dem Finanzausschuss und der Architekt Heinz E. Hoffmann. Es sollte ein Haus für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte werden. Sie alle sollten einen Raum haben, in dem sie sich zu Hause fühlen konnten. Der Kindergarten lag uns dabei besonders am Herzen, er sollte im Dachgeschoss sein Zuhause finden . Gemeinsam mit Eltern und Erzieherinnen wurde das Konzept erarbeitet und ausgeführt. Gut begehbare, funktionstüchtige und ansprechende Räume im Erdgeschoss waren für die Kirchenmusik und für die Erwachsenenarbeit gedacht und die Kellerräume sollten die Christenlehrekinder, Konfirmanden und Ju gendlichen füllen. Die gleich gegenüberliegende Kirche sollte das geistliche Zentrum und Bindeglied für alle Gruppierungen sein, in ihr sollte das Evangelium Jesu Christi allen Menschen verkündigt werden. Mitten in Pankow steht nun seit 25 Jahren das Gemeindehaus gegenüber der seit mehr als 600 Jahre alten Kirche. Unzählige Kinder wurden hier getauft, viele Kinder sind durch unseren Kindergarten gegangen, haben die Christenlehre besucht, wurden in der Kirche konfirmiert, trafen sich in der Jungen Gemeinde, wurden danach in der Kirche getraut, haben aktiv die Gemeinde im Gemeindekirchenrat oder in der Kirchenmusik gestaltet, trafen sich im Alter im Seniorenkreis und wurden am Ende unter dem Segen Gottes aus dem Leben verabschiedet.

Aber das Gemeindehaus und die Kirche sind nicht nur Mitgliedern unserer Gemeinde vertraut – beide Häuser stehen offen für alle Menschen, die in Veranstaltungen oder Konzerten Halt und Orientierung suchen in einer Welt, die von Angst und Unsicherheit geplagt ist. Und hier in unserer Kirche und im Gemeindehaus gab es auch 2006 Veranstaltungen mit der muslimischen Ahmadiyya -Gemeinde, die eine Moschee in Pankow-Heinersdorf bauen wollte und dafür bitter bekämpft wurde. Heute steht die Moschee und die Ängste sind weitgehend verflogen.

»Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
«
(2. Timotheus 1,7)

Dieser Spruch aus dem 2. Brief an Timotheus steht über den Leitlinien unserer Gemeinde. In diesem Geist haben die Gemeindemitglieder  in Alt-Pankow, die ehrenamtlichen wie die hauptamtlichen, damals wie heute ihre Arbeit getan.  

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben vorhin in der alttestamentlichen Lesung die Geschichte von der Schöpfung der Welt gehört.Wir haben in der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten, die eine, in der Gott aus seinem Wort in 7 Tagen das Weltall schöpft, die andere, in der er wie ein Handwerker und Gärtner den Garten Eden bepflanzt und mitten hinein den Menschen setzt, den er aus Erdenstaub modelliert. Um den Menschen herum werden Bäume und Sträucher, Flüsse und Tiere gesetzt, damit er im Paradies alles hat, was er braucht. Am Ende bekommt er den Auftrag, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Es gibt eine alte Erzählung: Als Gott die Welt schuf, fragte er die Tiere nach ihren Wünschen. Gott hörte sie alle an und erfüllte sie. Dem Igel wurden Stacheln gegeben, damit er sich besser verteidigen kann. Der Storch bekam lange Beine für die Nahrungssuche in den sumpfigen Wiesen. Und die Feldmaus erhielt eine kleine und flinke Gestalt, so dass sie mühelos in jedes Loch passte, um sich dort vor ihren Angreifern zu verstecken. Als die Menschen davon erfuhren, wurden sie unwillig, weil sie nicht gefragt worden waren.   „Wir können mit dieser deiner Welt so nicht zufrieden sein“, stellten sie hart und unmissverständlich fest! „Das sollt ihr auch gar nicht“, erwiderte Gott, „denn eure Heimat ist nicht diese Erde, hier seid ihr nur Gäste auf Zeit.“ Seit dieser Zeit tragen die Tiere ihre Augen zur Erde, der Mensch aber geht aufrecht und schaut zum Himmel.

Liebe Schwestern und Brüder, diesen aufrechten Gang mit dem Blick zum Himmel, wünsche ich allen Menschen, die sich in unserem Gemeindehaus und in unserer Kirche versammeln. Wir dürfen dankbar sein für alles, womit uns Gott beschenkt hat  – dem Gemeindehaus, dem Garten und der Kirche und vor allen Dingen mit den vielen jungen und alten Menschen, die sich hier versammeln. Wir haben den Auftrag, all das zu bebauen und zu bewahren, dafür zu sorgen, dass der Lebensraum für Mensch und Tier erhalten bleibt, dass die Seelen der kleinen und großen Menschen, die uns anvertraut sind, keinen Schaden nehmen, und dass die frohe Botschaft des Friedens, den Gott für diese Welt vorgesehen hat, unermüdlich verkündigt wird, auch oder gerade in Zeiten, in denen wieder Kriegsgeschrei zu hören ist und dunkle Wolken zu sehen sind.

In welche Richtung schauen unsere Augen ? – gen Himmel oder nur auf die Erde? Auf Zahlen und Gewinnspannen, auf Wachstum und Effektivität?

Oder gen Himmel – der über alle Menschen aufgeht, über Große und Kleine, über Gute und Böse. Gott hat uns in diese Welt gesetzt, dass wir sie bewahren und nicht zerstören. Mögen wir diesem Auftrag gerecht werden – hier in dieser kleinen Pankower Gemeinde, in unseren Familien, in dieser Stadt und auf dieser Erde, die uns für eine kurze Zeit als Übergang anvertraut wurde, um dann in unsere eigentliche Heimat einzukehren – dem Reich Gottes. Amen.