12.7.2026 · 6. So. nach Trinitatis · Ruth Misselwitz

Jesaja 43, 1 – 7

Liebe Schwestern und Brüder,
sie haben es vielleicht schon an den Texten und Liedern gehört – der heutige 6. Sonntag nach Trinitatis steht ganz im Zeichen der Taufe. Die meisten von uns sind sicherlich als Kinder getauft worden und haben von daher keine Erinnerung an ihre Taufe.
Deshalb werden den Sonntagen im Kirchenjahr thematisch und inhaltlich besondere Schwerpunkte verliehen,um uns zu erinnern.
Die Taufe ist das Sakrament der Aufnahme in die christliche Kirche – in das Volk Gottes. Wir werden als Söhne und Töchter – als Kinder Gottes in der Taufe bezeichnet. Wir orientieren uns an der Taufe Jesu, die Johannes der Täufer an Jesus im Jordan vollzogen hat, in der von der Stimme Gottes erzählt wird, die Jesus als geliebten Sohn bezeichnet hat:
„Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
So hören wir es in jeder Taufe bei Kindern oder Erwachsenen: Du bist mein lieber Sohn, meine liebe Tochter, an dir habe ich Freude.
Wir sprechen in der Taufe auch von einem Bund – ein Versprechen, der Treue und der Fürsorge,
das Gott dem Menschen gibt und das weit weit zurückgeht in die Geschichte Israels.
Wir hören den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja im 43. Kapitel:
„Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. 3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich gebe Ägypten für dich als Lösegeld, Kusch und Seba an deiner statt. 4 Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe, gebe ich Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben. 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, 6 ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, 7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.“

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text kommt aus dem 2. Buch des Propheten Jesaja, dem
sogenannten Deuterojesaja, das in der Zeit nach der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels
entstanden ist.
Das Volk Israel ist zerstreut in alle Himmelsrichtungen. Ein großer Teil ist in der babylonischen Gefangenschaft und deren Schriftgelehrte überlegen, warum ihnen dieses Unglück widerfahren ist.
Ist denn der Gott Israels nun wirklich der größte und erhabenste unter allen Göttern, oder gibt es noch stärkere Götter als er? Wie konnte er zulassen, dass sein auserwähltes, sein geliebtes Volk und seine Stadt Jerusalem so verstreut und zerstört wurde?
Die Antwort darauf ist:
Nicht Gott hat sein Volk verlassen, sondern sein Volk hat Gott verlassen.
Sie haben den Bund, den er mit Mose am Berge Sinai geschlossen hat, gebrochen.
Gott hat Israel Treue und Fürsorge versprochen – im Gegenzug hat er die Einhaltung der Gebote verlangt.
Diese aber wurden immer und immer wieder verletzt. Die Einhaltung von Recht und Gesetz, der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, die Fürsorge der Witwen, Waisen und Fremdlinge, die Abkehr von anderen Göttern, die Macht und Erfolg versprochen haben, das alles haben die Könige, Propheten und Priester nicht eingehalten, und das Volk ist ihnen blind gefolgt.
Deshalb hat sich Gott abgewandt und es ist zu dieser Katastrophe gekommen.
Und nun in dem großen Jammer, klagen und zweifeln sie an ihrem Gott, werfen ihm vor, sie verlassen zu haben, ja vielleicht sogar gar nicht so allmächtig zu sein, wie sie geglaubt hatten und sie suchen nach anderen Göttern, die stärker, effektiver, mächtiger sind.
Und da hinein spricht der Prophet die ermahnenden und aufbauenden Worte:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei
deinem Namen gerufen; du bist mein!

Und Gott bekräftigt seine Liebe zu seinem Volk, er steht zu seinem Wort der Treue und der Fürsorge. Er erinnert an die Geschichte, in der er das Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit, und sie in ihre Heimat geführt hat, und er verspricht, alle Verstreuten wieder zurückzuführen. Die Stadt Jerusalem und der Tempel soll wieder aufgebaut werden und Frieden soll einziehen in die Tore der Heiligen Stadt.
Im Gegenzug aber erwartet Gott von seinem Volk eine Abkehr von ihren bösen Wegen und die Einhaltung der Gesetze. Das Wort „Buße“ also Umkehr ist ein zentraler Begriff, ein Richtungswechsel wird gefordert, weg von den lebenszerstörenden Wegen hin zu den lebenserhaltenden Wegen.
Gott wird dann die Sünde vergeben und einen Neuanfang ermöglichen.

Liebe Schwestern und Brüder,
und nun komme ich zurück zu unserer Taufe.
Wir glauben, dass durch Jesus uns, den Heiden, der Zugang zum Volk Gottes ermöglicht worden ist.
In das Volk Israel wird man durch die Geburt geboren und die Jungen bekommen durch die Beschneidung das besondere Ritual. Der Apostel Paulus hat nun in seinen Briefen die Lehre entwickelt, dass durch die Taufe die Heiden, also die nichtjüdischen Gläubigen, in das Volk Gottes aufgenommen werden.
Innerhalb der Kirchengeschichte hat es von Anfang an Konkurrenz zwischen Juden und Christen gegeben. Das ging soweit, dass die Christen den Juden ihre Zugehörigkeit zum Volk Gottes abgesprochen und dies nur auf sich bezogen haben. Das hat zu schweren Zerwürfnissen zwischen Juden und Christen geführt.
Doch Gott ist ein treuer Gott, der sein Wort nicht zurücknimmt.
Uns Christen gilt also auch die Verheißung der Treue und der Fürsorge Gottes, aber uns gilt auch die Erwartung der Einhaltung der Gebote Gottes. Und diese sind für uns Christen in besonderer Weise noch einmal durch Jesus aktualisiert worden, wie sie uns in der Bergpredigt und in seinem Leben überliefert wurden.
Bei Erwachsenentaufen wird in der Taufliturgie auch in unserer Kirche die Absage an das Böse vorgeschlagen mit den Worten:
Willst du von der Macht des Bösen frei werden und dich durch Jesu Wort und Geist bestimmen lassen?
Woraufhin der Täufling antwortet: Ja, ich will.
So ist auch unsere Taufe ein Bündnis, das Gott und Mensch miteinander eingehen.
Aus den Texten der Bibel wird uns versichert, dass Gott zu seinem Wort steht, dass er ein treuer, ein barmherziger Gott ist, was auch immer geschieht.
Wir Menschen aber sind das nicht.
Wir gehen unsere eigenen Wege, verlassen uns weniger auf ihn als auf unsere Stärke, suchen immer nach neuen Göttern, die uns Macht und Einfluss ermöglichen, erliegen unseren egoistischen und unbarmherzigen Trieben und kommen so immer weiter von dem Weg ab, den uns Jesus gezeigt hat.
Das Ergebnis ist Zerstörung und Chaos.
Aber auch wenn wir uns aus dem Bund der Taufe entfernen – Gott tut das nicht.
Eine Umkehr zu ihm ist jederzeit und unter allen Umständen möglich.
Eine Rettung der Welt ist uns zugesagt.

Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt manchmal Situationen im Leben, da glauben wir uns von Gott und der Welt verlassen, da schauen wir auf den Zustand dieser Welt und uns überkommt das Grauen, gibt es noch Hoffnung, gibt es noch Rettung?
Ja, wenn wir umkehren von unseren bösen Wegen, dann gibt es Zukunft, und die Umkehr ist jederzeit möglich.
Von dem Apostel Paulus haben wir vorhin die Worte aus dem Römerbrief gehört, dass wir in den Tod Jesu Christi getauft wurden und mit ihm wieder auferstehen werden. Der Tod hat also keine Macht mehr über uns.
Und so möchte ich schließen mit den Worten des Propheten Jesaja:
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott,
Amen.