14.6.2026 · 2. Sonntag nach Trinitatis · Ruth Misselwitz

Matthäus 11, 25 – 30

In jener Situation hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen hast, und dies enthüllt hast den Unmündigen. Ja, Vater, denn so geschah Wohlgefälliges vor dir. Alles ist mir überliefert von meinem Vater, und niemand erkennt den Sohn denn nur der Vater; und niemand erkennt den Vater, denn nur der Sohn, und wem der Sohn es will enthüllen. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, – ich werde euch aufatmen lassen. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanft und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Mein Joch ist nämlich gut, und meine Last ist leicht.

Liebe Schwestern und Brüder,

vor kurzem hörte ich im Radio eine Sendung über die Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR und in der Bundesrepublik. Obwohl der Strafrechtsparagraph gegen Homosexualität in der DDR schon früher abgeschafft wurde als in der Bundesrepublik, fanden sich gleichgeschlechtliche Paare auch in der DDR einem erheblichen Druck ausgesetzt von Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung. In den 1980 Jahren fanden sie Zuflucht im Raum der evangelischen Kirche. Eine Pfarrerin aus Leipzig öffnete ihre Kirche diesen Gruppen, nachdem sie hörte, dass ihnen überall die Türen verschlossen wurden mit den Worten:  „Jesus hat gesagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ In den heutigen Interviews mit den Betroffenen erzählten sie, wie dankbar sie damals waren, als sie in den Räumen der Kirche aufgenommen und akzeptiert waren. Sie konnten sich ungestört mit Gleichgesinnten treffen, ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig stärken. Die meisten von ihnen haben zum ersten mal eine Kirche betreten, sie war ihnen fremd, doch mit der Zeit fühlten sie sich zu Hause, das war eine völlig neue Erfahrung und das hat ihr Bild von der Kirche entscheidend und nachhaltig geprägt.

Viele Menschen in Friedens- und Menschenrechtsgruppen fanden damals ein Dach in der Kirche – so auch hier in Pankow. Die meisten trieb die Angst vor einen Krieg um durch die geplante Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen, andere sorgten sich um die Umwelt, wieder andere wehrten sich gegen Bevormundung und kämpften für Meinungsfreiheit und Demokratie.

Die evangelische Kirche in der DDR hat damals das Stöhnen der Mühselig und Beladenen gehört und sie eingeladen in ihr Haus. Das war für die Gemeinden oftmals nicht einfach, auch wir haben hier in Pankow sehr umeinander und miteinander gerungen. Die Kirche aber war am Ende ein Garant dafür, dass es eine friedliche Revolution gab und  keine Gewalt angewendet wurde.

Liebe Schwestern und Brüder, die evangelische Kirche in der DDR hat damals den Auftrag Jesu gehört und sich ihm gestellt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Das ist die ureigenste Aufgabe der Kirche, das gehört zu ihrer Arbeit in und an der Welt.

Und diese Arbeit kann ganz unterschiedliche Formen und Bereiche einnehmen. Da gibt es den großen Bereich der Diakonie, der in der Kranken- und Altenpflege einen enorm wichtigen sozialen Beitrag in unserer Gesellschaft leistet. Da gibt es die vielen Gemeinden, die im Kirchenasyl für Schutz und rechtliche Hilfe von Geflüchteten sorgen in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Einzelpersonen. Da gibt es die vielen Kinder und Jugendlichen, die in den Kindergärten, Christenlehre-  und Jugendgruppen Halt und Orientierung finden, wie das auch in unserer Gemeinde geschieht.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ so sagt es Jesus.

Viele Menschen treibt heute auch wieder Angst und Sorge um. Angst vor dem sozialen Abbau, der sich in dem Wort „Reformen“ versucht zu verkaufen. Angst vor dem immer lauter werdenden Kriegsgeschrei und Aufrüstungswahn, der alle Ressourcen verschlingt, die dringend für den Schutz der Umwelt, der sozialen Gerechtigkeit und den Ausbau der Infrastruktur benötigt wird. Die Last der Einsamkeit, die immer mehr junge und alte Menschen um uns herum bedrückt. Das alles und noch viel mehr sind die schweren Steine, die uns bedrücken und die wir gerne loswerden wollen.

Abnehmen und beseitigen können wir diese Steine nicht, aber wir können versuchen, uns gegenseitig zu stützen und zu ermutigen. Wir können versuchen, diese Steine gemeinsam zu tragen, indem wir uns austauschen und Gemeinschaft suchen, am Evangelium Orientierung und Hallt suchen und in die Welt ein Licht der Hoffnung und des Friedens senden.

Die Mühselig und Beladenen, die Jesus hier meint, sind keineswegs die Großen und Erfolgreichen, die Klugen und Mächtigen, nein, es sind die Kleinen, die Unmündigen, die Sozialhilfeempfänger und Heimatlosen, die, die am Rand der Gesellschaft leben und bitter um ihr Überleben kämpfen müssen.

So spricht Jesus:“Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen hast, und dies enthüllt hast den Unmündigen. Ja, Vater, denn so geschah Wohlgefälliges vor dir.

Die Aufgabe der Kirche ist es, sich um diese Menschen zu kümmern um ihr Recht für ein menschenwürdiges Leben zu kämpfen, und für Frieden und Gerechtigkeit auch gegen die Könige einzutreten, so wie es die Propheten im alten Israel schon getan haben.

Die katholische Kirche hat den wunderbaren Schatz der Heiligenlegenden. Ich möchte Ihnen die Legende des Heiligen Laurentius erzählen.

Laurentius war Erzdiakon in Rom im 3. Jahrhundert n. Ch., als das Christentum noch keine Staatsreligion war und es immer wieder zu Christenverfolgungen kam. Laurentius kümmerte sich insbesondere um die Witwen und Waisen und die Bedürftigen, die es in Rom zu Hauf gab. In einer großzügigen Geste verkaufte Laurentius den Reichtum der römischen Kirche und verteilte Almosen an die Bedürftigen nicht nur innerhalb von Rom sondern auch weit darüber hinaus.  Er hatte ein sehr genaues Verzeichnis über die Notleidenden in Rom, die Witwen und Waisen, die Armen und Kranken, die Fremden und Mittellosen. Das einzige, was er behielt waren die heiligen Gefäße und der Altarschmuck zur Feier der Messe. Die Pracht dieser heiligen Gefäße aber entflammte die Begierde der Verfolger. Der Präfekt von Rom erhielt Kunde von diesen Reichtümern und bildete sich ein, dass es da noch eine Menge verborgener Schätze gäbe. Er rief Laurentius zu sich und forderte ihn auf, all diese goldenen und silbernen Gefäße freiwillig an ihn abzuliefern mit dem Hinweis: „Der Kaiser bedarf ihrer, um seine erschöpften Kräfte zu ersetzen. Man sagt, dass ihr nach eurer Lehre dem Kaiser geben müsst, was dem Kaiser gehört. Gewiss, euer Gott hat kein Geld mit auf die Erde gebracht, er ist nur mit Worten gekommen. Gebt mir daher euer Geld und begnügt euch damit, reich an Worten zu sein.“ Laurentius antwortete gelassen: „Jawohl, die Kirche ist reich und der Kaiser hat keine so köstlichen Schätze wie sie. Ich werde dir einen guten Teil davon zeigen, nur benötige ich ein wenig Zeit dafür.“ Der Präfekt willigte ein und Laurentius durchlief die ganze Stadt, um die Armen aufzusuchen, die auf Kosten der Kirche genährt und unterhalten wurden. Am dritten Tag versammelte er eine große Anzahl hinfälliger Greise, Blinde, Stumme, Krüppel, Aussätzige, Waisen, Witwen, und Jungfrauen , die er vor der Kirche aufstellte. Er forderte den Präfekten auf, sich diesen Schatz der Kirche anzuschauen. Als dieser aber nur eine Menge Unglücklicher erblickte, von denen Mehrere nicht ohne Grausen anzuschauen waren, geriet er in großen Zorn und forderte Laurentius auf, ihm die echten Schätze zu zeigen.  Laurentius aber erwiderte: Schau dir diese Menschen genau an. In ihnen ist das wahre Gold zu finden, das Licht des Himmels, dessen diese Armen genießen. Sie kennen nicht jene Laster und Leidenschaften, die die Großen der Welt so unglücklich und verächtlich machen. In diesen Armen erblicke die Schätze, welche ich Dir versprochen habe. Sie sind die Zierde der Kirche, sie hat keine anderen Reichtümer als sie.“

Wir können uns vorstellen, was nun geschah, der Präfekt ließ Laurentius fesseln und binden und auf einem Rost jämmerlich zu Tode rösten. Laurentius wurde in die Schar der Heiligen aufgenommen und dient nun als Vorbild für ein gottgefälliges heiliges Leben. Sein Namenstag ist der 10. August.

Liebe Schwestern und Brüder, Möge Gott uns die Augen öffnen, um den wirklichen, den wahren Schatz der Kirche zu finden, möge er uns die Demut, die Erkenntnis und die Kraft schenken, uns diesem Schatz zu widmen, Schütze er uns vor allem Stolz und Hochmut, der unsere Augen auf die Großen und Mächtigen leitet und uns blind macht vor dem wahren Reichtum der Kirche. Amen.