Liebe Ostergemeinde
Welche Rolle spielt Ostern in unserm Leben?
Meine Geschichte mit Ostern beginnt tatsächlich erst mit bald 20 Jahren. Die ersten bewussten Ostergottesdienste mit dem feierlich trotzigen „Christ ist erstanden“. Irgendwann mit immer kräftigerer Stimme gesungen. Und sie beginnt neu mit meinen Kindern. Diese Freude und Spannung: Osterfeuer im Spreewald, welches Dorf hat das größte, wird mein alter Freund in der imposanten Schinkelkirche wieder seine strenge Osterpredigt halten und es doch geradezu jeder und jedem persönlich zusprechen „Für dich“.
Das erste Mal die Kantate „Christ lag in Todesbanden“ singen und dann in der Coronazeit einer heimlichen Aufführung lauschen. Ja Ostern nicht feiern dürfen, zu groß waren Angst und Sorge. Dabei war das doch ganz anders gedacht.
Osternächte in kalten Kirchen und Ostermorgenfeiern beim Gesang der Nachtigall und dem wunderbaren Text, „dass die Bienen den Honig bringen“ und dann das Orgelbrausen: „Christ ist erstanden“.
Und diese Worte:
»Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, und dass er begraben wurde, und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift.«
Die kamen jedes Jahr. Als Kind klang es seltsam vertraut und klar. Ja, so ist es!
Später dann meinte ich: Ich hätte es verstanden.
Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Das Wunder ist ja so groß. Das Wunder, dass die Gewalt, der Schmerz und der Tod nicht das letzte Wort haben werden.
Aber was ist, wenn es wahr wäre?
Ostern – an den Gräbern, an denen ich als Pfarrer stehe.
Wir stehen ums Grab. Abschied:
»Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube«.
Wie es mir wichtig geworden ist, auch bei Menschen, über deren Glaubensleben wenig zu sagen war, das Wort von dem auf dem Thron, der da sagt: „Siehe, ich mache alles neu“ zuzusagen: „ich werde abwischen alle Tränen“.
Dieses Sterben. Das Trauern. Tod und Abschied. Aber wir haben diese Worte.
Was ist, wenn es wahr wäre?
Von Ostern kann jede und jeder von uns erzählen. Aus Kindheit und von jugendlicher Frömmigkeit, von erwachsenem Zweifeln und reifem Verstehen. Manchmal mit Worten die sich an den Evangeliumserzählungen langhangeln: vom leeren Grab, dem Gärtner und dem ungläubigen Thomas.
Was ist, wenn es wahr wäre?
Für Paulus ist das fundamental und er will es bestätigen, bekräftigen, beweisen. An die Gemeinde in Korinth schreibt er im 15. Kapitel seines ersten Briefs
»Ich erinnere euch aber, liebe Geschwister, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s so festhaltet, wie ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr’s umsonst geglaubt hättet.«
Paulus spricht auch von sich. Was er der Gemeinde erzählt und gepredigt hat und eben auch und vor allem, was er selbst erlebt hat. Er hat Jesus gesehen – den Auferstandenen. Dabei hat er doch gar nicht zu seinen Anhängern gehört, hat sie vielmehr verfolgt und gejagt. Wollte sie fesseln und gefangen nach Jerusalem bringen, dass sie dort ihre gerechte Strafe erhielten.
Auf dem Weg kam Jesus zu ihm. Im Licht, der Auferstandene und es hat ihn buchstäblich umgehauen. Aus Saulus wurde Paulus der Apostel.
Und er musste neu lernen. Die Schrift, also die Thora und die jüdischen Schriften kannte er, aber wie war das denn mit diesem Jesus, was kann man wissen, wie hat er gelebt, gepredigt, gehandelt. Wie ist er gestorben und – für Paulus ist das tatsächlich wahr: er ist auferstanden!
Davon spricht und schreibt er. Von den Basics, dem Fundament und was das dann für ein Leben aus und im Glauben bedeutet. Leben in, mit und durch Glaube, Liebe und Hoffnung und im Vertrauen auf die Vergebung und darauf, dass wir von Gott angenommen sind „ohn all Verdienst und Würdigkeit“.
»Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich selbst auch empfangen habe, nämlich: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift.«
Und auch wenn die Paulustexte manchmal auch nach mehrmaligen Lesen nur kaum zu verstehen sind, hier macht er es ganz knapp, deutlich und knackig:
»Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, etliche aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.«
Was ist, wenn es wahr wäre?
Paulus führt eine „Wolke“ von Zeugen an, allseits anerkannte Autoritäten. Das ist wahrscheinlich auch so ein Theologending: als wenn man der Wahrheit der eigenen Worte selbst keinen Glauben schenkt, es muss doch immer noch ein berühmter Zitatgeber angeführt werden, in deren oder dessen Autorität man sich hüllt.
Prüfet alles und das Gute behaltet – und wenn es eben noch prominent bestätigt ist, fällt es leichter. Und trotzdem, es ist und bleibt der eigene Gedankengang. Bei allem Zweifel oder gerade trotz allem Zweifel zu fragen:
Was ist, wenn es wahr wäre?
Paulus hat sich entschieden, er hat gerungen und wurde überwältigt. Vielleicht hat er auch nur den Sprung gewagt, im Vertrauen getragen zu werden, aber auch aus tiefer Überzeugung, dass alles, was er von Jesus weiß, seinen Hoffnungen für diese Welt und uns Menschen entspricht. Das die Bedürfnisse der Menschen, ihre Träume und Sehnsüchte, ja dass was sie als Menschen zum Menschsein als Abbild Gottes brauchen, in diesem Jesus Mensch geworden ist. JA dass Jesus in seinem Leben, Sterben und Auferstehen die Verbindung zur Anderswelt Gottes ist, die uns Menschen hilft und tröstet.
Paulus referiert hier nicht die Erlebnisse und Begegnungen der Auferstehungs-zeugen. Wahrscheinlich hat er sie alle gesprochen, hat sich von Maria Magdalena von ihrer Trauer und von Petrus vom Wettlauf zum Grab erzählen lassen. Von Thomas und den Emmausjüngern hat er gehört, wie es war, als sie den Auferstandenen erkannt haben. Ich glaube aber fest, dass es ihm hier nicht um eine möglichst faktenbasierte Entscheidung ging, sondern, dass er wissen wollte, was diese Begegnungen mit den Menschen machten, wie sie sich dadurch verändert haben – so wie er selbst, was sich für sie verändert hat.
Könnten wir Paulus auch etwas erzählen? Davon, wie wir glauben und was, wer uns dabei begleitet und begleitet hat. Meine Großmutter, die jeden Abend zu mir ans Bett kam zum Abendgebet, um Danke zu sagen für den Tag trotz oder gerade wegen der Dinge, die nicht so gelungen waren; der Pfarrer meiner Jugend, dessen Standfestigkeit und Mut ich bewundert habe und erst später erfuhr, dass er viele Jahre in Bautzen saß und gerade deshalb über und aus der Freiheit eines Christenmenschen so überzeugend predigen und leben konnte. Welche Kraft.
Und welcher Trost – in den Sterbezimmern und an den Gräbern, wenn die Hochbetagte sagte, dass sie sich auf ihren Herrn Jesus freut, weil es Zeit ist jetzt zu gehen, sie alles gehabt hat und verzweifelte Angehörige ihren Schmerz herausschreien, hoffend, dass dieser Schrei nicht in einer leeren Unendlichkeit verhallt.
Vielleicht ist es ja so, dass der Glaube an die Auferstehung, die Überwindung der Todesmächte dieser Welt unserem Leben und unserer Welt Glanz, Schönheit und Leichtigkeit zurückgibt und gleichzeitig wieder Tiefe und Gewicht verleiht. Wenn uns der eröffnete Himmel die Gewissheit gibt, in unserem Leben nicht tiefer als in Gottes Hand fallen zu können.
Was ist, wenn es wahr wäre?
Wir erzählen uns von unseren Ostern. Und Paulus erzählt uns von seinem. Ich hab’ bei mir angefangen. Paulus ganz von vorn. Und dann spricht er auch von sich:
»Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer Missgeburt gesehen worden.
Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, und bin nicht wert, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es seien nun ich oder jene:
So predigen wir, und so habt ihr geglaubt.«
Paulus kennt sich. Er ist, der er ist. Er hat getan, was er getan hat. Er kennt sein Versagen. Und ein bisschen staunt er: er ist beschenkt: Zu mir ist Jesus auch gekommen! Im Licht des Auferstandenen sieht er sich neu. Das hat ihn aus der Fassung gebracht und auf die Knie gezwungen. Aber, es hat ihn auch wieder aufgerichtet in seinem Anderssein und ihn aufrecht seinen Weg gehen lassen. Erlöst und befreit vom Zwang der Selbstrechtfertigung.
Ostern geht’s um uns. Und es geht darum, was Gott aus uns macht.
Er hilft uns, wenn wir an Gräbern stehen müssen. Er freut sich, wenn wir Ostern feiern – mit Ostereiersuchen und weißgedecktem Tisch, womöglich Ostersonntag in der Kirche – oder einfach fröhlich, weil es Frühling wird.
Oder eben auch ganz tief im Herzen. Da, wo ich merke – und Ihr vielleicht auch –
»Jesus lebt, mit ihm auch ich.«
Wenn ich von Ostern erzähle, dann komme ich irgendwann bei mir selbst an.
Ich bin, der ich bin. Und Ihr seid, die Ihr seid.
Und Jesus, gestorben und auferstanden, macht uns zu denen, die wir sind.
»Durch Gottes Gnade sind wir, die wir sind …« und so sind wir gut und richtig.
Wenn’s Ostern wird, dann in uns.
Und das ist wahr!
Amen.
