8.3.2026 · Okuli · Thies Gundlach

Predigtreihe Paul Gerhard anlässlich seines 350. Todesjahrs: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“


Paul Gerhard lebte im 17. Jahrhundert, das ist die Zeit der Perücken, des Barocks und der Pest, des dreißigjährigen Krieges mit dem gegenseitigen Vernichtungswillen der Konfessionen und dem beginnenden Absolutismus des Gottkönigtums wie in Frankreich des Ludwig XIV. Im anglikanischen England wird König Karl I. geköpft (1649; es folgt Oliver Cromwell); und die reformierten Niederlande erlangen Weltruhm mit Schifffahrt und Kunst. Und es ist die Zeit der protestantischen Musik, die drei großen Musiker Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein und Samuel Scheidt dominieren am Beginn des Jahrhunderts die Musikszene. Theologisch aber herrschte damals die lutherische oder reformierte Orthodoxie! Es wurden im Schnitt Predigten von mindestens einer Stunde Dauer erwartet. Alle Dichtkunst hatte der Frömmigkeit zu dienen, sie war kein Selbstzweck. Die lutherische Orthodoxie war für PG intellektuell bestimmend und formte sein Dichten und Denken. Aber weil ihre Grundaussagen trotz der Reformation 100 Jahre zuvor durchaus übereinstimmten mit der mittelalterlichen römisch-katholischen Theologie, schauen wir speziell bei dem heute zugrundeliegenden Lied 83: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ gleichsam zurück auf ein Jahrtausend christlicher Glaubensüberzeugung. Es ist wie beim Sternenhimmel: das Licht, das wir sehen, ist z.T. uralt. Und wir sollten bei aller empfundenen Fremdheit nicht vergessen: Jahrhunderte lang hat dieser orthodoxe Glauben die Menschen getröstet und gestärkt, gehalten und gefestigt – im Leben und im Sterben. Es ist auch ein Stück Respekt, sich diesen Traditionen zu erinnern.

Predigt

Liebe Gemeinde,

es gibt einen Witz für Theologiestudierende, der immer wieder gern erzählt wurde – insbesondere vor Klausuren oder Prüfungen? Er geht etwa so.
In der Bibel fragt Jesus seine Jünger: Und wer glaubt ihr, dass ich sei? Und der Musterschüler Petrus ruft: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn. (Mth 16,16). Die Theologiestudierenden aber antworten auf die gleiche Frage: Du bist das Sein-Selbst, der ewige Grund aller Wirklichkeit, der Logos vor der Zeit, der Kern des Kosmos, der Grund aller Gründe usw. Und Jesus antwortete: Wie bitte?

So etwa, liebe Gemeinde, könnte es Ihnen auch heute während der Predigt gehen; denn es ist schwerer Stoff, den uns das Lied 83 bietet. Der vor 350 Jahren verstorbene Barockdichter Paul Gerhardt war nicht nur ein strenger lutherischer Theologe, der 13 Semester lutherische Orthodoxie in Wittenberg studierte, sondern er war auch ein Überzeugungstäter, der seinen lukrativen Posten an der Nikolaikirche in Berlin aufgab, als der reformierte Kurfürst und König Preußens Friedrich Wilhelm ein toleranteres Verhalten von seinen lutherischen Predigern gegenüber seinen reformierten Kollegen forderte.

Sie erinnern: Damals herrschte das sog. Landesherrliche Kirchenregiment, der König war zugleich „summus episkopus“ (oberster Geistlicher) und konnte Pfarrer einstellen und entlassen.

Aber warum eigentlich war PG so stur? Lassen Sie uns zum Einstieg in diese Frage die ersten drei Strophen des Liedes 83 singen. EG 83, 1 – 3

I.

Drei Strophe Orthodoxie vom Feinsten, beginnend mit dem ausgemalten Martyrium des ohnmächtigen Jesus. Von der äußerlichen Würgebank bis zur inneren Verspottung wird alles aufgezählt, was das Leid dieses Menschen ausmachte. Und man kann in diesem ausgemalten Leiden Jesu all die Leiden des 30jährigen Krieges mithören, die ungezählte Menschen so oder ähnlich erleiden mussten. PG hat diesen Krieg als junger Mann zwar kaum direkt erlebt, aber seine Fassungslosigkeit über die Brutalität der Landsknechte damals war wohl nicht kleiner als unsere Fassungslosigkeit über Butscha, Irpin oder den Hamas-Überfall auf Israel und deren brutale Reaktion.
Doch die Lesung aus Jesaja (Jes 53, 2 – 7) zeigt die geistliche Tiefe des Leidens Jesu: Das Opferlamm, das stellvertretend für die Menschen geschlachtet wird. So wie damals die Lämmer zur Besänftigung der Götter geopfert wurden, so opfert sich Jesu jetzt; und so wie Lämmer sich in aller Regel nicht gegen ihre Opferung wehrten, so trägt auch Jesus sein Sterben mit Geduld. Und eben damit überwindet Jesus für alle Zeiten und alle Räume alle Opfer! Gott braucht seit Christi Sterben keine Opfer mehr! Opfer fordern nur noch Menschen voneinander, gegenwärtig offenbar besonders gerne in ziel- und strategielosen Angriffskriegen.

Aber – nächste Frage – warum geht Jesus diesen Weg eines freiwilligen Opferlammes? Die zweite Strophe erläutert den Auftrag Gottvaters an seinen Sohn: wir verlassen also die historische Erinnerungsebene der Kreuzigung vor 2000 Jahren und hören nun hinein in den ewigen Dialog der heiligen Trinität zwischen Vater und Sohn:
Gott schickt seinen Sohn hinunter in die Welt, weil sein Zorn auf die Menschen durch den Opfertod des Sohnes überwunden werden soll. Und die dritte Strophe betont die freiwillige Zustimmung des Sohnes zu diesem Auftrag: „Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen“ (83,3). Zwischen Vater und Sohn herrscht völlige Einigkeit, weil beide getrieben sind von der Liebe zu den Menschen, die frei werden sollen von der Sünde. Aber warum braucht`s dafür ein Opfer?
Der orthodoxe Grundsatz lautet: Gott ist zu Recht zornig über den sündigen Menschen! Der Mensch hat in Adam und Eva sein Verbot missachtet, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Seither sind alle Menschen Sünder, weil alle Menschen sich anmaßen, über Gut und Böse zu urteilen. Und mit dieser „hybris“ (Größenwahn) bringen sie unendliches Unheil in die Welt. Für PG und die Orthodoxie ist die Sünde nicht zuerst mit moralischem Versagen verbunden, sondern mit der Selbstüberhöhung, über andere das Urteil zu fällen und sich so aufzuführen wie Gott. An Anschauungsmaterial für diesen menschlichen Größenwahn fehlt es m.E. in unseren Tagen leider nicht, im Kleinen nicht, im Großen nicht, bei uns selbst nicht und bei den anderen auch nicht.

Gott aber tut dieser dem Größenwahn verfallene Mensch unendlich leid! Doch kann er von seiner Würde, seinen Geboten und seiner Hoheit nicht einfach ablassen, so nach dem Motto: Schwamm drüber! Er verlöre Respekt und Verehrungswürdigkeit. Also braucht Gott wie in alten Zeiten ein Versöhnungsopfer, das jene verletzte Würde Gottes wieder herstellt, das sozusagen Schadensausgleich schafft. Das kann aber nur gelingen, wenn dieses Versöhnungsopfer die Sünde aller Menschen seit Adam und Eva ausgleicht, also die Sünden der Vergangenen ebenso wie die der Kommenden. Es ist klar, dies kann kein Mensch leisten, sondern nur ein Gott. Aber weil es zugleich um die Befreiung des Menschen geht, muss dieses göttliche Opferlamm zugleich ein Mensch sein, sonst erbringen ja gar nicht die Richtigen das Opfer. Und also kann nur ein Gottmensch die Würde des gekränkten Gottes für die Menschen wieder herstellen. Gottmensch aber ist nur einer, nämlich Christus, Gottes eingeborener Sohn. Und eben dieses sein Opfer für die Menschen verabreden Gottvater und Gottsohn in den Strophen 2 und 3 des Liedes 83.

II.
So etwa, liebe Gemeinde, müssen Sie sich orthodoxe Theologie vorstellen; und so etwa haben sich ungezählte Menschen seit dem frühen Mittelalter Gottes Gnade und Jesu stellvertretendes Sterben erklärt und gefeiert, haben Herz und Hoffnung daran gehängt und konnten so unverzagt leben und getröstet sterben. Diesen Glauben teilt auch PG als strenger Lutheraner der Orthodoxie: Gottes Liebe zu den Menschen ist unendlich, er opfert sogar seinen Sohn für dich und mich. Und also bleiben alle Geschehnisse, Widerfahrnisse, alle Schicksalsschläge und Widrigkeiten in diesem Leben eingebettet in diesen einen Glauben: Gott meint es gut mit den Menschen, mit dir und mir, obwohl wir Sünder sind.

Dass wir heute so nicht mehr glauben können, liebe Gemeinde, liegt auf der Hand: Ein gekränkter, zorniger Gott ist uns ebenso fremd wie das Opfern eines Kindes. Aber kann man diesen orthodoxen Glauben dennoch heute nachvollziehen? Ich nähere mich manchmal mit folgender Überlegung: Diese ewige Geschichte vom stellvertretenden Leiden Jesu ist wie ein Theaterstück, das mit jeder Passionszeit, mit jedem Lied, mit jeder Predigt erinnert wird. Es ist ein verlässliches Stück, in dem Gott und sein Sohn etwas aufführen, was wir Menschen dankbar genießen und freudig begrüßen, zu dem wir aber gar nichts beitragen können oder müssen. Jedes Mal, wenn das Leiden des Sohnes erinnert wird, steht der gütige Gott vor Augen und die Befreiung von den Sünden im Raum, es steht die Freude vor der Tür, dass Gott es mit den Menschen gut meint; sie müssen nur dran glauben! Die immer gleiche Geschichte wird immer wieder in immer anderen Bildern, Mahnungen, Liedern und Sprachen wiederholt, Sonntag für Sonntag, Tag und Nacht, morgens und abends, das Theaterstück ist allgegenwärtig.

Und auch wenn der Vergleich etwas banal ist und nicht alles, was hinkt, ein Vergleich ist:  Man kann die Dauerbotschaft der orthodoxen Wiederholungen vielleicht vergleichen mit all den ungezählten Krimi-Serien, die wir Tag für Tag auf allen Kanälen und Streamings dieser Welt sehen können: So wie diese Krimis unendlich oft den Sieg des Guten über die Bösen wiederholen, und uns so Mut machen wollen zu glauben, dass das Gute letztlich doch immer siegen wird, so ist jeder orthodoxe Gottesdienst damals eine Erinnerung an Gottes Gnade. So wie wir uns Abend für Abend daran erinnern lassen können, dass das Gute das Böse besiegt, so haben die Menschen zur Zeit PGs sich Tag für Tag daran erinnern lassen, dass Gott gnädig ist. Und so wie wir natürlich auch wissen, dass das Gute in der Realität keineswegs immer gewinnt, so sprachen auch damals zur Zeit PG die Erfahrungen eine deutlich andere Sprache. Aber das ließ die Menschen nicht zweifeln an Gottes Treue und Zuwendung, so wie auch wir die viele Filmen dankbar als Ermutigung unseres Glaubens an den Sieg des Guten ansehen.

III.

Aber was bringt diese beständige, mitunter ermüdend sich wiederholende Erinnerung an das göttliche Drama des stellvertretenden Leidens? Die Vergewisserung führt zu einer unzerstörbaren Zuversicht, die PG in wunderbaren Bildern und Worten als Herzenskraft und Seelentrost formulieren kann. Ja, m.E. gehört beides eng zusammen: Jene tiefe Verwurzelung im Glauben an Gottes Güte und diese unerhörte Gewissheit im Leben und im Sterben, die unerhört kreativ Bilder und Worte dafür findet! Das spürt man in den nächsten 3 Strophen, die wir jetzt singen wollen: Strophen 83, 4 – 6:

Wissen sie, liebe Gemeinde, was ich das Schönste an diesen Strophen finde? Dass es mal nicht gleich um gute Werke, um gute Taten geht, sondern um eine innere Gewissheit, eine Seelenfrömmigkeit, die sich das Innen stärken lässt: Zielpunkt bei PG ist die Dankbarkeit, das Freudenopfer, der Lobgesang über Gottes Güte, nicht zuerst die moralische Ermahnung nach dem Motto: Jetzt hat Gott euch Gutes getan, jetzt macht gefälligst Gutes für den Nächsten. Wir sind heute in unserem Glauben oft so angestrengt, unsere Frömmigkeit ist derart helferverzweckt, dass wir diese Innenseite des Glaubens, diese Stärkung des Herzens kaum noch formulieren. Immer müssen wir Gutes tun, der Glaube gipfelt nicht zuerst in Dankbarkeit, sondern in Verantwortung. So richtig dies ist, so äußerlich ist es: Gleich nach dem Glauben kommt der Dienst, die freudlose Pflicht. Manchmal – ich gestehe das – geht mir dieses Moraline unseres Glaubens total auf den Zeiger, weil es so freudlos, so angestrengt, so wahnsinnig beflissen und bemüht wirkt.

„Ich will von deiner Lieblichkeit bei Nacht und Tage singen“, das ist doch ein völlig anderer Ton, der in vielen Chören unserer Kirche ungleich besser getroffen wird als auf manchen Kanzeln. Aus Dankbarkeit fröhlich vor und für Gott singen, unverzagt und frohgemut den Glauben ausstrahlen in Lied und Gesang, das ist die erste Christenpflicht, weil diese Gewißheit um Gottes Güte überaus hilfreich ist für jede Seele, die nicht verbohrt und ideologisch wird, sondern großzügig und empathisch. Und ich bin zutiefst überzeugt: eine so versöhnte Seele ist allemal friedensfähiger als alle noch so angestrengte Friedenspflicht. Der Glaube ist – so PG – ein „Schutz in jedem Streit“, weil er nicht gleich eskaliert, er ist ein „Lachen in jedem Kummer“, weil er nicht gleich depressiv wird, er ist eine Quelle im geistlichen Durst und eine Sprache in innerer Einsamkeit, weil die Bibel zuversichtliche Worte für mich hat. Dass wir lachen können in allem Kummer, dass wir die Wahrheit sagen können gegen alle Lüge, dass wir in Bibel und Gesangbuch Worte finden, die uns aufschließen, nicht zuschließen, das ist die erste Folge des Jubels über Gottes Güte. PGs Lyrik zielt auf eine „Frömmigkeit“, es geht ihm um das Herz, um den inwendigen Menschen, der allen Stürmen des Lebens standhält, der unverzagt bleibt gegen alle Irritationen in der Politik, der aller Willkür und Banalität, aller Kriegslust und Besserwisserei, allem Narzissmus und auch aller schleimigen Unterwürfigkeit widersteht.

Und weil dieses Vertrauen in Gott größer ist als alle gegenteilige Erfahrung, die das Leben und dann auch der Tod bereit halten, kann PG auch weit ausgreifen bis über den Tod hinaus! Lassen Sie uns singen die Strophe 7 des Liedes 83.