1.2.2026 · Letzter Sonntag nach Epiphanias · Michael Hufen

Liebe Gemeinde,

Nun ist der erste Monat des neuen Jahres schon wieder rum. Wo er geblieben ist – ein paar Erinnerungsfotos, viel beschriebenes Papier; Venezuela und Grönland, das Eingeständnis , dass die regelbasierte Ordnung verschwindet und die Starken tun können, was ihnen beliebt und dann noch diese Aneinanderreihung von Tagen mit Schnee und Eis – nein nicht die Klimaapokalypse, sondern Winter – wie man das früher nannte.

Apokalyptische Szenen werden zwar immer wieder beschworen – beim Wintersturm vor drei Wochen oder den politischen Entwicklungen der letzten Wochen. Nur: es heißt doch „Ende gut – alles gut“ und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.

Wahrhaft apokalyptische Szenen haben wir aber auch in der Kirche zu betrachten. Und da meine ich, als manchmal doch sowieso arg kultur- aber noch mehr kirchenskeptischer Mensch nicht die bevorstehenden Strukturreformen in unserer Kirche, sondern unsere Jahreslosung und den heutigen Predigttext aus der Apokalypse des Johannes, dem Buch der Offenbarung..

Gott spricht „Siehe, ich mache alles neu“ – GOTT spricht: „SCHAU HIN! Wenn du Mensch mal bitte deinen Blick von deinem Bauchnabel heben würdest und auch wenn dein Nacken schmerzt, wenn du vom Handy aufschauen sollst: mach es! Schau genau hin. Schau auf alles, was ist und dann: Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, DAS ALLES es wird neu! Neu! Nicht nur ein bisschen neue Farbe drauf und irgendwie reformiert, sondern komplett und wirklich.“ SO neu, dass unsere menschlichen Kategorien nicht ausreichen, es zu beschreiben.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Buch voller apokalyptischer Szenen.

Mir fällt gerade ein Schüler im Gymnasium ein, der mich immer fragte, wann wir die drei Reiter der Apokalypse denn mal besprechen und man sah seinen neugierig funkelnden Augen an, dass sie auf etwas Morbides mit Gänsehaut, mindestens aber an Krankheit, Krieg und Zerstörung dachten.

Aber das Ende ist eben nicht das Ende mit uns selbst, unseren zerstörerischen Werkzeugen und der Welt, die wir uns wie der Zauberlehrling zu unterwerfen trachteten.

Es ist der Neubeginn mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde.

Bis dahin wird noch so manchen Winter kommen – Dank des jahreszeitlichen Wechsels eigentlich einmal im Sonnenjahr und in der Kirche eben auch hin und wieder.

Aber Winter hat eben auch seine guten Seiten.

Nun möchte ich nicht versuchen, nicht-fahrende Straßenbahnen oder spiegelblanke Bürgersteige schön zu reden. Aber im Winter macht man es sich eben nicht nur so gut es geht gemütlich und fährt die Schlagzahl der sozialen Verpflichtungen und Verabredungen etwas runter. Er eröffnet neue Perspektiven.

Wer das Bild „Wanderer über dem Nebelmeer“ von CDF kennt, kann vielleicht nachvollziehen, wie es ist, auf ebendiesem Gipfel des Zirkelsteins in der Sächsischen Schweiz zu stehen bei strahlend blauem Himmel und vor sich eine unberührte reinweiße Schneefläche. Jeder Ton gedämpft, außer den eigenen Abdrücken im Schnee nur die eines Wanderers, der schon bei Sonnenaufgang den Weg gemacht hat.

Man sieht anders, friert anders, fühlt anders, lebt anders.

Wie geht Leben im Winter, leben in winterlichen und unterkühlten Beziehungen und eben auch in und mit einer Kirche, die schockgefroren von den Statistiken an die reichen Ernten der letzten Sommer denkt und nicht so genau weiß, wie das nächste Frühjahr sein wird?

Winter lädt dazu ein, tatsächlich diesen eingefrorenen Zustand auch wahrzunehmen und zum Verstehen zu nutzen. Wie war das denn damals. Mit welchen Predigten und Taten hat denn Jesus die Menschen erreicht und begeistert. Was war es denn, dass aus einer kleinen Gruppe jüdischstämmiger Sonderlinge die größte Glaubensbewegung der Menschheitsgeschichte gemacht hat und was ist bloß geschehen, dass daraus verfasste Kirchen deutscher Prägung entstanden?

Überfroren vom eisigen Wind unserer Zeit bleibt genug Zeit, eine neue Haltung des Wartens auf die Zeit Gottes einzuüben.

Der katholische Theologe Kal Rahner sprach vom „winterlichen Glauben“ eines Christen, der Mut zur Entscheidung auch gegen die öffentliche Meinung macht. Für Dietrich Bonhoeffer – dessen Geburtstag sich am Mittwoch zum 120. Mal jährt – ist diese Entscheidung eigentlich ein Ruf: der Einzelne wird in die Nachfolge gerufen, es ist nicht seine Wahl. Allerdings gilt nach Bonhoeffer auch :„Jeder tritt alleine in die Nachfolge, aber keiner bleibt alleine in der Nachfolge“ – winterlich leben, in winterlicher Zeit, heißt eben: Einander im Glauben und im Leben aus Glauben bestärken und tragen. „In der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben“ (D.B.) und trotzdem auch im Winter „gelassen, hoffnungsvoll und sogar humorvoll leben“ (K.R.).

Dieses Nebeneinander von herausfordernden, ja bedrohlichen Szenerien und hoffnungsvollem und stärkendem Zuspruch finden wir auch im Predigttext des heutigen Sonntags.

Im 1. Kapitel der Offenbarung des Johannes heißt es.

…………….

Liebe Gemeinde, die Offenbarung ist kein Angst- und Untergangsbuch!

„Fürchte dich nicht“ – die Offenbarung ist ein Trostbuch!

Sie ist wie eine Hand, die sich bei Gewitter in meine schiebt und sanft drückt, es ist die Hand auf der Schulter, die mich umfasst und weiterführt und vielleicht sogar der starke Arm, der mich aufrichtet, stützt und trägt, wenn ich gefallen bin.

Christliche Apokalypse geht immer zuerst davon aus, dass Jesus lebt, dass er durch den Tod gegangen ist und uns, bildlich gesprochen, die Tür zum Himmel von innen aufschließt.

Was wir an apokalyptischen Bildern vor unseren inneren Augen vorbeiziehen lassen, ist menschengemacht. Auch wenn uns das Grauen der Bilder den Atem stocken lässt und wir unsere Frage „Warum?“ immer wieder Gott entgegenschleudern.

Am Dienstag bei der Andacht zur Lichterkette anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz habe ich einen Text des großen Rabbi Nachman von Brazlaw gelesen. Der Rabbi fordert uns zur gegenseitigen Mahnung auf, dass zur Geschichte der Wahnsinn gehört, ja wir selbst zu diesem Wahnsinn fähig und ihm eben auch verfallen sind.

In all unseren Erschütterungen, in den Zeiten der Schwäche, des Zweifels im Winter unserer Herzen hören wir aber immer wieder diese gewaltige Offenbarung des Johannes. Kaum zu fassen in seiner Bildgewalt: Der Pantokrator – in der Gestalt des Menschensohnes erscheint Christus als Weltenherrscher. Der von Anbeginn der Zeit war und ist und sein wird, ist der Maßstab für menschliches Tun und Lassen, für unsere Sorgen und Verfehlungen, für unsere Ängste und Sorgen, Wünsche und Hoffnungen.

In ihm ist das „Neu“ der Jahreslosung vorweggenommen, auch wenn wir es in seiner Radikalität kaum erahnen können. Der Weltenrichter – wie er in vielen Kirchen auf der Weltkugel sitzend dargestellt ist – war tot und ist wieder lebendig. Er hat alles durchgemacht, was Menschen durchmachen müssen, hat die Hölle durchschritten und kennt alle Leiden, Spott und Hohn, Verachtung, Schläge, Folter und Mord.

Dass er, der Gekreuzigte, der Erste und Letzte ist, ist ein Trost für alle, die unter die Räder gekommen sind, zum Opfer der Umstände und ihrer Mitmenschen geworden sind.

Johannes schreibt ein Trostbuch – „Fürchte dich nicht“ – trotz aller Bedrängnis, die er als Verbannter erlebt und die er von den adressierten Gemeinden weiß. Ja er erschrickt und geht zu Boden – so gewaltig ist, was er schaut und uns offenbart.

Aber Christus will das Leben und gibt das Leben, schenkt uns seine Hoffnung und die Verheißung der Teilhabe an seinem Reich. Furcht und Schrecken weichen zurück, da der Auferstandene die Hand auflegt – „Fürchte dich nicht!“

So ist es uns in der Taufe zugesprochen und wird bei der Konfirmation wiederholt.

Der Segen des Auferstandenen sagt uns: Du bist nicht des Todes, du sollst leben!

Ja! es ist Winter. Wie schockgefroren und doch: „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu“ und „Fürchte dich nicht“ – vielleicht ist die Offenbarung des Johannes ja nicht nur ein Trostbuch, sondern ein Liebeslied für uns Menschen, geschrieben in der Hoffnung, nicht allein zu sein und zu bleiben.

Amen