31.12.2025 · Altjahresabend · Michael Hufen

Liebe Gemeinde

Gute Mächte – wie nötig haben wir sie, auf das wir getröstet und behütet wären.

Aber wer sieht sie, wer glaubt an sie die „Guten Mächte“ in einer Welt, die so von Misstrauen, Angst und Sorge, blankem Hass, Krieg und Gewalt geprägt ist?

Überall Bedrohungen aus der Dunkelheit und statt Geborgenheit ist Sicherheit das Gebot der Stunde. Ganz EINFACH und BÖSE ist uns die Welt im zurückliegenden Jahr erklärt worden.

Ganz einfach und ganz böse.

Überall finstere Gestalten, überall angstvoller Anspannung – mit dem Gewehr im Anschlag und im dauernden Wettstreit darüber, wer als Erster die nächste Hiobsbotschaft überbringt – aus der Ukraine oder dem Gaza-Streifen oder dem Sudan, von den Ultrabösen – wobei seit einigen Wochen nicht mehr so klar ist, ob das nun Putin, und /oder Trump ist oder vielleicht doch Nethanjahu oder doch Xi oder irgendwelche Warlords, deren Namen wir nicht kennen.

Die bösen Mächte machen Schlagzeilen und die Angst vor ihnen und all den Zerstörungen, die sie zu verantworten haben und heraufbeschwören, wird zum Beweggrund des Handelns und Denkens – ja manchmal zum Einzigen, auch wenn diese Angst kaum noch bewegt sondern lähmt.

Einfach und Böse – die beiden Begriffe gehen eine schreckliche Allianz miteinander ein. Es wird nicht mehr differenziert, die Komplexität eines Problems könnte sich ja schnell gegen die so einfachen Parolen wenden.
Wer in die Tiefe schaut oder die Vergangenheit, der verweigert sich vielleicht den einfachen Wahrheiten – „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ – und sie und er verweigert dann die Annahme des angebotenen Hammers, weil das Problem eben doch kein Nagel ist, den man einfach irgendwohin reinschlagen müsse, damit wieder alles gut ist.

Wer sieht in einem Schurkenstaat oder in einer Diktatur noch Kinder spielen oder wer kommt auf den Gedanken, dass in einer Demokratie Kinder morgens hungrig die Wohnung verlassen.

Das heraufbeschworene „Unheil“ hat es immer um vieles leichter als das Verheißene „Heil“.

Aber warum nehmen wir die schlechte Nachricht viel eher an als die guten?

Hat das vielleicht in seinem tiefsten Grunde etwas mit uns selbst zu tun? Erwarten wir am Ende immer nur uns selbst und haben wir statt Gott nur noch einen Spiegel vor den Augen?

Was können wir uns von uns selbst schon noch Gutes erwarten, liebe Gemeinde?

Der, der da schreibt „Von guten Mächten treu und still umgeben behütet und getröstet wunderbar“, schreibt dies in einer Zeit, die um vieles finsterer ist als die unsrige.

«Von guten Mächten» – wenn ein gläubiger Mensch diese Worte schreibt, denkt man sofort an himmlische Mächte. Doch umso überraschender ist es, dass Bonhoeffer diese Mächte offenbar zuerst anders verstanden haben wollte.

Am 19. Dezember 1944 schreibt er seiner Verlobten Maria von Wedemeyer einen Weihnachtsbrief aus der Haft. Diesem Schreiben liegt das Gedicht «Von guten Mächten» bei. Wer diesen Brief liest, erkennt, dass Bonhoeffer wohl zuerst ganz andere gute Mächte im Sinn hatte. Ich lese einen Abschnitt vor:

«… Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem
man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: «zweie die mich decken, zweie, die mich wecken», so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger
brauchen als die Kinder.»

Mit den guten Mächten meint Bonhoeffer hier die Menschen, die seiner gedenken, ihm nahe sind und trotz Trennung mit ihm verbunden bleiben. Die erfahrene Liebe und die Erinnerungen an das gemeinsam geteilte Schöne gibt dem Inhaftierten Kraft. Er nennt es gar ein «großes unsichtbares Reich». Getragen von dieser Kraft und Macht, versteht sich Bonhoeffer mit den Seinen verbunden und will mit ihnen zusammen dem neuen Jahr entgegengehen.

Dietrich Bonhoeffer erlebte einen verheerenden Krieg. Er sieht die alles zerstörende Macht von Selbstherrlichkeit und Überlegenheitsgefühl und er sieht auch seine ganze menschliche Schwäche, gegen dies alles aufzubegehren.

Mitten im entfesselten Bösen, im Schrecken seiner Macht sieht er sich von guten Mächten geborgen.

Nein, das ist nicht einfach zu begreifen. Es scheint unmöglich, dass in dieser Zeit zu glauben. In einer Welt, die marschieren will, bis alles in Scherben fällt und doch ist dieser Satz aus tiefstem Herzen aus
tiefster Überzeugung heraus gesprochen. Er ist voller Zuversicht in die finstere Finsternis hineingesprochen.

Wer aber in Bonhoeffer einen weltfremden Träumer vermutet, der muss durch seine Lebensgeschichte erkennen, dass dieser fromme Mann der Welt nahe gewesen ist.

Das Gute zu erwarten in einer bösen Zeit ist unendlich schwer, aber es ist die Herausforderung unseres Menschseins. Es ist das Heraus-Gerufen-Werden durch Gott.

Ja, es ist einfach, schwarz zu sehen.
Es bedarf keiner Mühe, das Böse zu erwarten, denn es kommt ja immer einfach daher. All den Ängsten nachzugeben und sich ihrer kaum noch zu wehren, sich in einem Gefängnis des Geistes zu begeben und dort Sicherheit zu erwarten. Das ist der leichtere Weg. Doch es ist ein Weg, der in solche Enge führt, die am Ende alles lähmt.

Zu Gefangenen der Angst werden wir da, wo wir ganz sicher gehen wollen. Gewiss, diese Welt macht es uns nicht einfach, an die guten Mächte zu glauben, ja sie provoziert uns oft zum Gegenteil und doch werden wir freier, werden wir mutiger, werden wir zuversichtlicher, wenn wir das Gute erwarten. Wo das Böse regiert, negiert es sich selbst und bleibt letztlich von der großen Macht des Guten umgeben.

Das Allumfassende, das ganz Große ist das Gute, ist Gott. So schwer es auch fällt: aber die erlösende Botschaft von dort lautet: „fürchtet euch nicht!“. Fürchtet euch nicht der Einfachheit und der Macht des Bösen zu widerstehen, aber fürchtet euch auch nicht, euch der Größe und Vielfalt der Macht des Guten zu ergeben.

„Denn siehe, ich mache alles neu!“

Amen