Liebe Gemeinde
Fröhliche Weihnachten!
Jetzt ist es Weihnachten! Der Heilige Abend und die Heilige Nacht sind vorüber, die Geschenke verteilt, die wir bekommen haben, ausgepackt und gewürdigt. Wichtige Momente sind auf Fotos festgehalten und auch alle anderen. Nun ist es Zeit. Zeit für weihnachtliche Müdigkeit (zumindest geht es mir so), Zeit ohne den nächsten Termin, Spazierengehen, Musik hören. Zeit für die weihnachtliche Stille – dabei gab es die vor 11 Stunden, nach der Christnacht schon in der Kälte dieser winterlichen Nacht. Jetzt ist Zeit, dass sich die weihnachtliche Stille ausbreitet.
Zeit nachklingen zu lassen, was erlebt, gehört und erfahren wurde.
Dabei war es in der Heiligen Nacht, da draußen auf den Feldern vor Betlehem nicht besonders leise, die Engel müssen schon ordentlich Krach gemacht haben: „Ehre sei Gott in der Höhe!“
Schließlich wollen sie die Hirten in Bewegung bringen, ja sie sind selbst in Bewegung, aufgeregt und begeistert – haben sie doch von einem Ereignis zu berichten, dass es so noch nie gab! Ein kosmisches Ereignis – so wie es die Sterndeuter beobachtet haben? Jedenfalls die Zeitenwende! Fröhlich sollen unsere Herzen springen!
Die Gemeinde singt die Strophen 1 und 2 von EG 36 „Fröhlich soll mein Herze springen“
Fröhlich soll es zugehen. In Sprüngen, wie in den ersten drei Takten unseres Liedes. Ein Lied wie eine Predigt „Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren.“. Es beginnt mit der Wiederholung der Weihnachtsgeschichte und in Verbindung mit dem gerade gehörten Anfang des Johannes-Evangeliums wird deutlich, warum das geschieht. „Uns zugute“. Gott wird Mensch. Er verbindet sich mit meiner, unserer menschlichen Existenzweise. Diese gute Nachricht sollen wir nicht nur hören, sondern weitersingen mit vollen Chören. Voller barocker Sprachgewalt dichtet Paul Gerhard dieses Lied in der Zeit des 30-jährigen Krieges und spricht seiner Gemeinde, den ihm
anvertrauten Menschen in ihrer Not, Hoffnung zu.
Wir singen die Strophen 3 und 5
Liebe Gemeinde,
Gute Nachrichten – wir wünschen sie uns eigentlich immer. Und trotzdem machen wir unsere Weltorientierung meistens an negativen Nachrichten fest. Naturkatastrophen, Epidemien, Kriege prägen unsere Erinnerungen deutlich mehr als Feste, große Liebesgeschichten oder Erzählungen von besonderen Menschen.
Für die Menschen zur Zeit Paul Gerhards waren es die Erinnerungen an die Verwüstungen und das Leid des 30-jährigen Krieges, für uns die Brüche durch Corona, den Ukrainekrieg, die Wirtschaftskrise.
Aber wo sind die guten Nachrichten? Ist es die Geburtsgeschichte von Jesus? Schöne Bilder und Melodien fallen uns da ein. Das traute hochheilige Paar, die Engelchöre, zerlumpte Hirten, die Hosen des Joseph und ein süßes Baby. Wenn es gut läuft, erscheinen auch Sätze vor unserem
inneren Auge: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und „Friede auf Erden“.
Der Evangelist Johannes bietet uns eine Möglichkeit an, über diese Bilder, Melodien und Satzfragmente hinauszusehen und vielleicht zu verstehen.
Meine Tochter hat, als sie das 1. Mal diesen Text am 1. Weihnachtstag gehört hat, mehr als nur geschmunzelt – so fremd klang: „Das Wort ward Fleisch“ für sie. Und wenn ich ehrlich bin, ging es mir auch lange so.
Ich möchte versuchen zu erklären, was Johannes da eigentlich sagt und warum das die gute Botschaft ist, die „unsere Herzen springen lassen soll(t)e“, die Gemeinde von Paul Gerhard stärken und auch uns fröhlich und (ich sage das mal ganz pastoral) „auferbaut“, durch diese Weihnachtszeit und in die Zukunft begleiten kann.
Für die alten Kirchenväter war dieser Johannesprolog so heilig, dass sie glaubten, allein seine Verlesung würde die Welt heilen. Und zwar von dem dauernden Versuch selber Gott sein zu wollen. In der Stille der Weihnacht wird dieser Wunsch von Gott beantwortet. Aber auf ganz wunderbare Weise. Gott wird Mensch. In unserer Endlichkeit und Beschränktheit kommt er uns entgegen. Nicht mehr nur in all den Worten, die er den Menschen schon immer gesagt hat, sondern als Mensch wie wir.
Das Alte ist zu Ende und Neues beginnt. Und dieses Neue beginnt eben mit einer eigentlichen Unverschämtheit. Lukas berichtet in seiner Weihnachtsgeschichte etwas für die damaligen Hörerinnen und Hörer Skandalöses: ein unverheiratetes Paar, ein Stall, eine Krippe, und seltsame Besucher – und das soll Gott sein? In einem Menschen wie wir?
Und weil wir das Anstößige und Skandalöse dieser Geschichte kaum aushalten, haben wir all das Schmutzige und Erniedrigende in der Menschwerdung des WORTES eigentlich ausgeblendet, übermalt, hygge und bekömmlich gemacht. Sehen können wir das alles in der Weihnachtsgeschichte des Lukas – verstehen vielleicht erst mit Johannes.
Manchmal bedarf es einer Erschütterung, um zu verstehen – aber wie schwer haben es die Erschütterungen, die uns mit positiver, lebensfördernder Energie anstoßen wollen. Eben nicht eine Katastrophe benutzen, um daraus eigene Profite zu ziehen. Immer im Brustton der Überzeugung, dass eben genau das jetzt das Gebot der Stunde sei und in der Rückschau – meistens nicht einmal kleinlaut – einzugestehen, dass man da wohl nicht die richtigen Entscheidungen getroffen oder überreagiert hätte.
Sondern den Ereignissen erst mit einem gewissen Abstand ihre Bedeutung zuschreiben. In der Kunstgeschichte ist das einfacher, auch wenn da manchmal auch schon Zeitgenossen die Bedeutung eines Werkes einordnen können: Bachs Matthäus-Passion, Strawinskys Le sacre du printemps, Michelangelos Pieta, Dante Alegheris Göttliche Komödie oder Chaplins Großer Diktator.
Oder man schaut auf Menschen, deren Wirken eben nicht durch ihre Siege, Erfolge und Eroberungen beschrieben wird, sondern auf die, deren Wirken durch die Jahrhunderte hindurch als vorbildlich und beispielhaft gilt und die die gute Seite unserer menschlichen Existenz zum Wohle aller Menschen in den Mittelpunkt gestellt habe: Franziskus, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Bertha von Suttner.
Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit, eine Vision vom friedlichen Zusammenleben aller Völker und Religionen und nicht zuletzt Vergebung als Schlüssel für die Zukunft.
Wir singen die Verse 7 und 8
Lassen wir uns an diesem Weihnachtsmorgen einladen, nehmen wir uns Zeit zu hören und zu fühlen, wie ein Kind, das unter so kleinen Bedingungen geboren wurde, die Welt verändert.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“ – wie sehnlich haben die Hirten und auch die Gemeinde von Paul Gerhard auf diese Botschaft der Engel gewartet. Warten wir auch noch und hoffen wir, dass es so ist? Oder warten wir auf diesen Ruf, um mit den Hirten zur Krippe zu gehen. Geprägt von den Bildern des Evangelisten Lukas oder auch erfüllt von der Zusage des Johannes.
Beide gehören zusammen. Die Krippe hilft uns das Ereignis zu verstehen, aber die schönen Bilder und wunderbaren Lieder verbergen auch manchmal die Klarheit Gottes im Ereignis Jesus Christus – allerdings ist das erst ein Phänomen der Moderne: Paul Gerhard sieht und dichtet das noch ganz klar zusammen: „Du fragest nicht nach Lust der Welt / noch nach des Lebens Freuden: du hast dich bei uns eingestellt/ an unsrer Statt zu leiden, / suchst meiner Seele Herrlichkeit / durch Elend und Armseligkeit, / das will ich dir nicht wehren.“
Die Welt wurde nie mehr dieselbe, nachdem als Maria das Kind in Windeln wickelte und in die Krippen legte. Die Zeit ist neu. Barmherzigkeit, Frieden und Liebe sind in die Welt eingetreten.
Gott ist als Mensch bei seinen Menschen. Bei uns!
Skandalös: geboren in einer Krippe in Armut und Bedürftigkeit, gestorben am Kreuz in Leid und Elend!
Lassen wir also ein wenig von dem Skandal von Weihnachten zurückkommen.
Dann können wir alles neu hören.
Frohe Weihnachten. Amen.
Wir singen die Strophe 12.
