8.2.2026 · Sexagesimäe · Thies Gundlach

Predigttext: Hesekiel 2 ff

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag Sexagesimä steht bei dem Propheten Ezechiel/Hesekiel im 2. und 3. Kapitel. Dieser Prophet kommt selten vor in den vorgeschriebenen Predigttexten, deswegen zwei Sätze vorweg: Unter König Jojakim probt Israel im Jahre 598/97 v.Chr. den Aufstand gegen die Babyloniern unter König Nebukadnezar. Israel verliert, König Jojakim samt seines gesamten Hofstaates werden nach Babylon deportiert. Der Prophet Ezechiel/Hesekiel gehört zur ersten Deportationswelle, er sitzt nun in Babylon und verrichtet Strafarbeit, hat aber Zeit, sich als literarischer Prophet zu betätigen.

Der Predigttext für heute erzählt nun sehr bildreich von seiner Berufung:

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich, und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs -, sondern du sollst ihnen meine Worte sagen, sie gehorchen oder lassen es; denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.
Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.“

Liebe Gemeinde, das ist schon ein wuchtiger Text!
Er besteht offensichtlich aus drei Teilen, aus drei Botschaften:

Zuerst stellt Gott den Propheten auf seine Füße, Gott will auf Augenhöhe mit ihm reden, nicht von oben herab. Natürlich hilft der Geist Gottes mit, ermutigt und erschafft aufrechten Gang, im Kern heißt die Botschaft an den Propheten – in einer berühmten Formulierung: „Schau mir in die Augen, Kleiner“! Ich will mit dir reden!

Der zweite Abschnitt malt ein realistisches Bild der prophetischen Aufgabe: Du betrittst Skorpionland! Stachelige Dornen sind deine Umgebung, denn Israel ist ein Haus des Widerspruchs, wie mehrmals betont wird. Der Prophet soll sich nicht fürchten, selbst wenn Israel nicht zuhört – sie gehorchen oder lassen es, Gott scheint es geradezu gleichgültig zu sein, ob auf sein Wort gehört wird oder nicht. In jedem Fall soll der Prophet sich nicht abhängig machen davon, ob zugehört wird oder nicht. Und um diese innere Freiheit der Botschaft zu bestärken, folgt die dritte Szene, das Essen der Schriftrolle! Der Prophet soll das Wort Gottes nicht nur auswendig kennen, sondern auch inwendig. Er soll es verinnerlichen durch das Runterschlucken – eine zutiefst symbolische Szene. Ezechiel ist nicht nur ein Priester, sondern auch ein begnadeter Literat, ein Schriftsteller, der Gottes Botschaft an Israel in markante Bilder kleidet und also für ein lesendes Publikum, für die „Gebildeten unter ihren Verächtern“ schreibt. 

II.

Der innere Sinn der Botschaft entscheidet sich in gewisser Weise an der Frage, was auf dieser verinnerlichten, aufgegessenen Schriftrolle zu lesen war: Die göttliche Hand – so heißt es im Text – breitete die Schriftrolle aus, sie ist auf beiden Seiten beschrieben (was damals wegen der Kosten für Papyrus normal war) und „darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.“ (Ez 2, 10). Zwei Möglichkeiten:

a) Es kann das Weh und Ach der Deportierten sein, die an den Ufern Babylons sitzen und weinen! Es können die Erinnerungen der Vertriebenen, ihr Leid und Jammer aufgeschrieben sein, sodass der Prophet sozusagen Kronzeuge des Kummers wird, indem er die Schriftrolle verinnerlicht. In dieser Sicht leistet der Prophet eine Art Traumabewältigung! Er entzieht die Klagen und das Leiden dem Vergessen, es ist eine Stück Heilung durch Erinnerung, die hier ansetzt, indem der Jammer der Deportation nicht verdrängt und weggeschoben wird, sondern innerlich erinnert wird.  Das ist ein zeitloser Umgang mit unfassbarem Kummer! Und unsere Welt wird immer dann um ihr Humanum gebracht, wenn die Erinnerungen an geschehenes Unrecht vergessen oder verdrängt oder gar verboten werden.

Das ist der tiefste Grund für die immerwährende Erinnerung an den Holocaust! Und das wird auch der immerwährende Grund sein für die Leidensgeschichten aus der Ukraine, sollte dieser Krieg jemals zu Ende gehen. Nach diesem ganzen bombardierenden Zynismus im kältesten Zeiten weiß man gar nicht wie diese beiden Völker jemals wieder friedlich nebeneinander leben werden können. Aber aus der Geschichte der europäischen Kriege, aber auch aus Südafrika, Vietnam und Kambodscha weiß man, dass es Versöhnung gibt, gerade weil es Erinnerungsarbeit und Gedenkstätten gibt. Ehrliche Erinnerungen an das Leiden und die Grausamkeit der Täter schließen spätere Versöhnung nicht aus, im Gegenteil beides braucht es.

b) Die zweite Deutung des „Weh und Ach“ auf der Schriftrolle sieht darin Gottes Klage über das „Haus des Widerspruchs“, über das Nichthörens Israels. Der Prophet verinnerlicht durch sein Essen die Klage Gottes über Israel, er schluckt gleichsam das Weinen Gottes über die Hartköpfigkeit Israels runter, auf den nicht gehört wurde. Hier wird erstmals das Exil, die Deportation als Untreue und Schuld Israels gedeutet, nicht als Versagen oder Schuld des Gottes, wie es sonst im bei den Völkern üblich war; nach der Logik: verliert ein Volk, ist sein Gott schwach. Hier aber nimmt der Prophet stellvertretend für ganz Israel die Klage Gottes in sich auf, stellvertretend wird er innerlich ausgefüllt mit der schmerzhaften Einsicht Gottes, dass Israel nicht zugehört hat. In dieser Deutung wäre der Prophet gleichsam ein Vor-Vorläufer jenes Mannes aus Nazareth, der Gottes ganze Verzweiflung über den hartherzigen Menschen auf sich lud und ans Kreuz hinaufgetragen hat. Gottes Weh und Ach über den tauben, hörunfähigen Menschen führt bei Gott nicht zur Strafe, sondern zum Mitweinen, zur Empathie, zum Vergeben und Verzeihen und zur rastlosen Suche nach einer Befreiung des Menschen aus seiner Taubheit.

III.

Beide Deutungen führen in meinen Augen zu wichtigen Botschaften an uns heute:
a) Steh auf, wenn Gott mit dir reden will!  Stellt dich hin, macht dich gerade, mach dich nicht klein oder gar unterwürfig, denn Gott will die mit gradem Rücken und die mit aufrechtem Gang. Kleinmachen, Niederhalten, Schlechtreden, Unterdrücken  – das können und machen viele. Gott aber will uns groß machen, aufrecht und gradlinig, wenn es um sein Wort und unser Zuhören geht. Denn das Wort Gottes weiterzugeben, das erfordert Mut und Klarheit, gerade auch in unseren Tagen, in denen so viele Menschen der Kirche den Rücken zuwenden.

B) Sodann: Gottes Wort ist es wert, verinnerlicht zu werden, zum Teil meines Innersten zu werden, denn es ist gut, wenn wir es auch inwendig kennen, nicht nur auswendig und äußerlich. Gottes Wort ist auch Herzensnahrung, spirituelle Wegzehrung, Trost in der Verbannung und Stärkung in der Einsamkeit. Manchmal denke ich: In einer Welt, in der wir aufgrund der wachsenden Möglichkeiten von KI weder unseren Ohren noch unseren Augen einfach trauen können, ist das verinnerlichte Wort Gottes eines der unzerstörbaren Widerstandsnester gegen all die Täuschungen, die uns vor Aug und Ohr gemalt werden. Plötzlich werden diese alten Geschichten der Bibel, diese uralten Erinnerungen an Israels Weg und Christi Leben zu Quellen eines Widerspruchs, weil es Originale sind, die wir nicht erfinden, sondern die uns vorgegeben sind, die wir überliefert bekommen, die noch nicht zurechtgestylt oder algorithmisiert sind. Seien wir stolz auf diese altmodische Bibel, die gerade so Garant dafür ist, noch keine fake-news zu enthalten. Und eine der schönsten Beschreibungen dieses heilsamen Kraft des Wortes Gottes stammt von Paul Gerhard, den wir hier bald in einer Predigtreihe intensiver bedenken wollen: es stammt aus dem Passionslied EG 83, 5 und lautet: „Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen, im Streite soll es sein mein Schutz, in Traurigkeit mein Lachen, in Fröhlichkeit mein Saitenspiel. Und wenn mir nichts mehr schmecken will, soll mich dies Manna speisen, im Durst soll`s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell, zu Haus und auch auf Reisen.“

Auch wenn es etwas vorzeitig ist, lassen Sie uns das Lied singen: EG 83, 4 – 6. Amen