24.12.2025 · Ruth Misselwitz

Heiligabend

Lukas 1,46-55

Gesegnete Weihnachten, liebe Schwestern und Brüder,
das heißt: Friede sei mit euch,
Euch allen, die Ihr heute den Weg in diese Kirche gefunden habt .
Friede sei mit euch:

Nehmt getrost diesen Gruß an, denn es ist der Gruß der Engel an die Hirten und an diese Welt. Jetzt ist die Stunde der Ruhe und Besinnlichkeit nach all den tagelangen, wochenlangen Vorbereitungen auf dieses Fest. Und auch wenn dich noch so manche Angst und Unruhe umtreibt wegen der täglichen Bilder über den Zustand unserer Welt, wegen der ungeklärten Zukunftsfragen, wegen der Krankheit, die am Körper nagt, lass dich nun ein auf die besondere Botschaft dieser Nacht.

„Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder“ – so jubelt Maria als sie erfährt, dass sie ein Kind bekommt. Sie jubelt über dieses unerwartete Geschenk, das sie völlig unvorbereitet trifft – ein Kind wächst in ihrem Bauch – ein Kind bedeutet Zukunft, Hoffnung, Neuanfang. Und wie jede Mutter will auch sie alles dafür tun, dass dieses Kind es einmal besser haben wird als sie. Und sie richtet sich stolz auf und lässt all ihren Hoffnungen aber auch ihrem Zorn freien Lauf – sie droht den Mächtigen und tröstet die Erniedrigten.

„Gott hat Gewaltiges bewirkt. Mit seinem Arm hat er die auseinandergetrieben, die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ – singt sie laut. Diese junge Frau aus armen bäuerlichen Verhältnissen des Volkes Israel bäumt sich auf und wird zur rebellischen Wortführerin. Es reicht – es ist genug – kein Schweigen mehr, kein geduldiges Aushalten mehr, kein Beugen und Ducken mehr. Das Leben ist mehr als nur Wasser und Brot, Gehorchen und Dienen, Geschlagen und Getreten werden. Der Evangelist Lukas legt die uralten Hoffnungen und Visionen der Propheten Israels in den Mund der werdenden Mutter Maria.

Die Visionen vom Friedensreich Gottes, das sich ausbreiten wird über die ganze Erde, in dem Gerechtigkeit – aber auch Barmherzigkeit herrschen wird, in dem die Hungernden satt und die Reichen enteignet werden, in dem die Kriegstreiber und Oligarchen entmachtet werden und die Erniedrigten zu ihrem Recht kommen – diese Vision ergriff zur Zeit der Geburt Jesu wieder ein mal mit besonderer Heftigkeit die Herzen und Gemüter der Menschen. Das Volk Israel litt unter der römischen Gewaltherrschaft.

Ausgerechnet aus dem Mund einer Frau niedriger Herkunft kommen diese rebellischen Worte. Maria ruft zum Umsturz auf – zur Revolution. Da wird das Unterste zu oberst gekehrt, das Hohe soll erniedrigt und das Krumme soll gerade werden. Dietrich Bonhoeffer, ein deutscher Theologe, der im April 1945 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler hingerichtet wurde, hat diesen Lobgesang – das Magnifikat der Maria – so ausgelegt:
„Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, die hier spricht…. ein hartes starkes unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“ Eine Frau klagt ihre und ihres Volkes Würde ein. Sie wird zur Wortführerin einer sozialen Bewegung, die in der Folge danach weltweite Ausmaße bekommt.

Liebe Schwestern und Brüder,
in den Jahrhunderten danach haben sich Frauen wie auch Männer immer wieder an dieser Maria orientiert. Hoch verehrt, aber auch schändlich missbraucht wurde sie. Aus der alleinerziehenden und hart arbeitenden Mutter von mehreren Söhnen und Töchtern wurde eine „reine Jungfrau“ gemacht, von der man Wunder erflehte und einklagte. Aus der rebellischen jungen Frau, die gegen Gewaltherrschaft und Männermacht protestierte, wurde die unterwürfige Gottesgebärerin in goldenen Rüschen in Stein gehauen und auf Altäre gestellt, Vor ihr verbeugten sich dann die Gewaltherrscher, die sie so sehr verabscheute.

Die andere Maria aber, die junge mutige Frau aus Nazareth, sprang immer wieder aus ihren Brokatkleidern heraus und von den Altären herab und war da gegenwärtig, wo Männer wie Frauen sich gegen ihr menschenunwürdiges Schicksal auflehnten. Bis heute ist diese Maria für viele Frauen ein Symbol für Gottvertrauen, Mut und aufrechten Gang. Sie hat es gewagt, ein uneheliches Kind zu empfangen, entgegen allen gesellschaftlichen Normen. Sie hat sich in das Erbe ihrer Mütter und Väter gestellt und die Vision einer gerechten, einer friedlichen Welt weiter getragen, so wie Gott es seinem Volk versprochen hat. Sie hat Gott an sein Versprechen erinnert, es besungen und gelebt. Sie hat dafür das größte Glück – aber auch das bitterste Leid erfahren müssen. Die Freuden und Schmerzen einer Geburt am Anfang – der qualvolle Tod ihres Sohnes am Ende. Ich erkenne heute das Gesicht dieser Maria in all den Frauen wieder, die um ihre Würde und die ihrer Kinder und Kindeskinder kämpfen.

Ganz neu entdeckt wurde sie in den 1970ziger Jahren in den Armenvierteln in Lateinamerika, wo unzählige Menschen in der Theologie der Befreiung wieder Würde und Hoffnung fanden. Die Mütter und Großmütter entdeckten in Maria ihr Vorbild, um ihre Kinder und Enkelkinder der Gewalt und Armut zu entreißen.
Ich sehe das Gesicht dieser Maria in den Frauen der endlosen Flüchtlingstrecks und auf den Schlauchbooten, die um der Zukunft ihrer Kinder willen alles verlassen haben und eine ungewisse Zukunft allemal besser zu sein scheint, als Krieg und Terror.
Und ich sehe dieses Gesicht in all den Helfern und Helferinnen, die diese Menschen aus den sinkenden Booten retten weil sie ihrem Gewissen stärker verbunden sind als den Anordnungen der Grenzsicherung.
Ich sehe dieses Gesicht in all den russischen und ukrainischen Müttern, die ihre Söhne vor den Häschern des Militärs verstecken, damit sie nicht vom Krieg zermalmt zu werden.
Ich sehe dieses Gesicht in den israelischen und palästinensischen Müttern und Vätern, die ihre Kinder verloren haben und die sich nun in Menschenrechtsgruppen zusammentun damit endlich die Gewalt ein Ende hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Weihnachtsbotschaft der Engel vom Frieden auf dieser Erde gilt uneingeschränkt für damals und heute. Gewalt, Hass und Krieg sind keine Naturereignisse, denen sich der Mensch zu beugen hat, wenn sie einmal entfesselt sind. Sie sind von Menschen gemachte Katastrophen und können nur von Menschen verhindert und beendet werden. Der Mensch ist ihnen nicht schicksalsbedingt ausgeliefert, Gott hat uns ermächtigt, Gewalt und Unrecht mit anderen Mitteln zu beseitigen als mit Waffen. Im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu hat er uns mit seiner Gewaltlosigkeit, seiner Feindesliebe und seiner Menschenfreundlichkeit vorgelebt, wie unsere Welt geheilt werden kann. Das Kind in der Krippe ist die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen. So schutzlos, hilfs- und liebesbedürftig hat sich Gott uns Menschen ausgeliefert. An uns ist es nun, diese Liebe, diesen Schutz und diese Hilfe weiter zu geben. Lassen wir uns hineinnehmen in diese Weihnachtsbotschaft und die Kunde der Engel vom „Frieden auf dieser Erde“ weitergeben und leben, auf dass wir mit Gottes Hilfe und mit fröhlichem Herzen friedenstüchtig werden.

Gesegnete Weihnachten
Amen.