22.3.2026 · Palmarum · Michael Hufen

Palmsonntag 2026

Liebe Gemeinde, mit dem heutigen Tag beginnt die Karwoche, die Zeit vor Ostern. So hat es sich in der Tradition der christlichen Kirche entwickelt. Tempus clausum – geschlossene Zeit, Buß- und Fastenzeit, stille Zeit.

Selbst in unserer so lauten Stadt gilt diese Ruheverordnung noch heute vom Morgen des Karfreitags bis 21 Uhr am Karsamstag und untersagt öffentliche Partys und Tanzveranstaltungen. Aus Respekt und Tradition.

Zeit der Vorbereitung und des Abschieds.

Angekündigte Abschiede kennen wir alle auch aus unserm Leben. Die Kinder gehen für lange Zeit ins Ausland, Umzüge in eine andere Stadt, das hohe Alter oder die schwere Krankheit einer Freundin oder eines Angehörigen lassen den nahen Abschied als unausweichlich am Horizont erscheinen.

Was ist noch vorzubereiten, was noch zu sagen? Was bleibt an gemeinsamen Erinnerungen nach dem Abschied?  Welche letzten Worte finden wir und nehmen wir mit: bleib behütet, wir sehen uns, auf bald, ich hab dich lieb ….

Alle vier Evangelisten im Neuen Testament beschreiben den Abschied von Jesus. Ein gemeinsames Mahl, ein Abendessen mit allen Jüngern und Jüngerinnen. Alle sitzen noch einmal um einen Tisch. Dabei hat diese Woche des Abschieds von Jesus mit einer vielversprechenden Ankunft begonnen. Gemeinsam mit vielen Pilgern erreichen die Jünger zusammen mit Jesus die Heilige Stadt Jerusalem und machen sich auf den Weg zum Tempel. Jesus Ruf eilt ihnen voraus, er wird erkannt und die Nachricht vom Kommen des Friedefürsten, des Sohnes David verbreitet sich schnell. Da kommt er, der Wundermann, der den Sanftmütigen das Himmelreich und den Friedfertigen die Seligkeit zuspricht. Die Menschen singen und jubeln, legen ihre Mäntel vor ihm auf den Boden und halten Palmzweige über ihn: Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Freudige Erregung und dann entsetztes Erstaunen als er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel wirft. Der meint es ja ernst! Er ist mehr als ein süßes Lämmlein, das die Schuld trägt – ein Aufrührer, der sein Schicksal ahnt und weiß, und, wie der Evangelist Johannes aufgeschrieben hat, seinen Freundinnen und Freunden noch Abschiedsreden hält, sie vorbereiten möchte, auf das was kommt, ja ihnen den Horizont öffnet, wie sie ohne ihn weiterleben können.

Wenn die Stunde gekommen ist… Diese Woche vor Jesu Tod. Es war eine Woche wie vor einem Abschied, dem man nicht ausweichen kann. Erfüllte Zeit. Jeder Moment schien zu zählen. Die Ahnung, dass es die letzten Stunden waren, die sie mit Jesus zusammen hatten. Und Jesus beginnt zu sprechen. Die Stunde ist gekommen. Sagt er. Vater, die Stunde ist gekommen.

Im Johannesevangelium spricht Jesus bei seinem Abschied nicht vom Tod. Er spricht vom Leben.  Er spricht von Herrlichkeit. Er spricht von einer geheimnisvollen Macht, von der Erkenntnis der Wahrheit und von einem getrösteten Glauben. Hören Sie selbst wie dieser etwas sperrige Text in der Übersetzung der Guten Nachricht klingt.

Als Jesus diese Rede beendet hatte, blickte er zum Himmel auf und sagte: „Vater, die Stunde ist gekommen! Setze deinen Sohn in seine Herrlichkeit ein, damit der Sohn deine Herrlichkeit offenbar machen kann. Du hast ihm ja die Macht über alle Menschen gegeben, damit er denen, die du ihm anvertraut hast, ewiges Leben schenkt. Und das ewige Leben besteht darin, dich zu erkennen, den einzig wahren Gott, und den, den du gesandt hast, Jesus Christus. ……Ich habe ihnen die Worte weitergesagt, die du mir gegeben hast, und sie haben sie aufgenommen. Sie haben erkannt, dass ich wirklich von dir komme, und sind zum Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. 

Ach Jesus! Bist du dir da sicher?

Haben wir Menschen erkannt? Glauben wir an dich? Ja, das mit der Welt, die nicht so bleiben kann, wie sie ist. Das schon, aber verlassen wir uns da nicht vor allem auf uns und unsere Fähigkeiten, unsere Ethik? Na klar, du bist unser Vorbild und wir fragen oft „Was würde Jesus dazu sagen?“ Aber von Gott, dem Himmel, der göttlichen Anderswelt, ja dem ewigen Leben, auf die wir hoffen und vertrauen, sprechen wir immer weniger. Vertröstung auf einen kommenden Himmel wollen wir nicht, wir leben doch hier und jetzt! Erfüllung soll es doch schon hier geben.

Doch wie geht das? Aus welcher Kraft können wir das? Und was ist das denn überhaupt – ein erfülltes Leben?

Als gelehrige Schüler von Karl Marx ist uns zwar seine Kapitalismuskritik suspekt, seine Religionskritik erstaunlicherweise aber nicht: Religion sei Opium des Volkes und die Rede vom Jenseits, vom kommenden Himmel nur Vertröstung auf ein besseres Jenseits.

Aber was sagen wir, wenn wir gefragt werden, was denn kommt? Wenn wir gefragt werden, was denn der Himmel ist? Getrauen wir uns, davon zu erzählen, was es denn heißt „Siehe, ich mache alles neu“. Getrauen wir uns, mehr zu sagen, als dass die göttliche Anderswelt keine rosarote Zauberwelt oder ein Schlaraffenland ist, sondern versuchen wir Worte zu finden, die beschreiben, was Menschen von Anbeginn der Zeit hoffen und wünschen, ja sehnsuchtsvoll hereibeizubeten versuchen. Dieses Sein bei Gott, wo kein Schmerz und keine Traurigkeit mehr sind. Können wir das beschreiben, was nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht sein kann. Bleiben wir nur bei der Erdenschwere, der Beschreibung dessen, was ist. Oder entdecken wir, dass in der Vertröstung, auf das, was sein wird, tatsächlicher Trost liegt – weil eben Hölle und Tod nicht das letzte Wort haben.

Ja, „die Christen müssten erlöster aussehen“ – wie es Nietzsche festgestellt hat. Wir sollten Lichtbildmaler vor dem düsteren Hintergrund der diesseitigen Wirklichkeit sein. In allem Zweifel doch die Hoffnung bewahren.

Die Welt schreit zum Himmel und es tut, gut da einzustimmen. Es ist aber kein adressenloser Ruf der ungehört in den kalten Tiefen des Weltalls verhallt.

Weil wir als durch die Vertröstung Getröstete uns an Gott wenden können, bleiben wir mit beiden Beinen in dieser Welt. Wir müssen die Welt nicht schönfärben und das Dunkle hell nennen. Wir können getrost gegen die Trostlosigkeiten dieser Welt anreden, -schreiben, -rennen und auch -kämpfen

Der Dichter und evangelische Pfarrer Kurt Marti hat das in einem Gedicht ganz wunderbar formuliert:

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer!
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren!

Da ruft einer zum Kampf, die Machtverhältnisse zu ändern und der Herrschaft der Herren, die keinen Regeln mehr folgen, zu widerstehen und die zu befreien, die unterjocht werden.

Die mit dem Tod regieren„, heißt es da. Man kann sie allerorten in diesen Tagen wieder bei der Arbeit sehen. Männer, die über Leichenfelder gehen, Angriffsbefehle geben, Raketen und Bomben auf Schulen, Krankenhäuser und Wohnungen werfen lassen. Dem eigenen Machterhalt, der Vertuschung der eigenen kriminellen Machenschaften und dem eigenen Profit, Menschen, Völker und Länder opfern.

„……Ich habe ihnen die Worte weitergesagt, die du mir gegeben hast, und sie haben sie aufgenommen. Sie haben erkannt, dass ich wirklich von dir komme, und sind zum Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.“

Liebe Gemeinde

Allein im Wort GOTT liegt so viel Freiheit, dass wir als Getröstete in den Jubelruf des Palmsonntags einstimmen können. Es macht unter diesem Himmel frei – frei den eigenen Standpunkt zu formulieren, frei sich schwach und hilfsbedürftig an Gott zu wenden, frei unser menschliches Miteinander und diese Welt ganz anders zu sehen, als sie vermeintlich wirklich ist, frei, es fröhlich weiterzusagen, mit ansteckender Fröhlichkeit und voller Hoffnung.

Denn “das ewige Leben besteht darin, dich zu erkennen, den einzig wahren Gott, und den, den du gesandt hast, Jesus Christus.“

Amen