Liebe Gemeinde,
„Ist Gott für mich so trete gleich alles wieder mich“
So heißt das 3. Lied Paul Gerhards, dem wir uns in unser kleinen Predigtreihe, anlässlich des 350. Todesjahres dieses bedeutenden evangelischen Pfarrers und Liederdichters widmen wollen. Heute – drei Tage nach seinem Geburtstag im Jahre 1607.
In diesem Jahr ist Paul Gerhard wieder in aller Munde – und ich würde sagen, nicht nur, weil wir froh sind, dass mal wieder eine christliche Persönlichkeit mit ihrem Leben und Werk ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, die sonst immer weniger von christlichen Glaubensinhalten und ihren Repräsentanten weiß und wissen will. Ich würde sagen, dass Paul Gerhard solches Interesse hervorruft, hat mit der Art seiner Frömmigkeit und der Schönheit und Bildkraft seiner Sprache zu tun, die uns in unserer eigentlich modernen, aber trotzdem ihre Probleme mit geradezu archaischen Mitteln lösen wollenden Zeit, trifft, uns eben nicht nur anspricht, sondern – so möchte ich es sagen – zur Sache ruft, das aussprechen lässt, worum es geht, was wir Menschen brauchen und auch was die Menschen zu recht von uns als Christen und Gemeinde hören wollen und hören sollten.
Als Kind habe ich dieses Lied schon gern gesungen, mit seiner beschwingten Melodie – zwischen trotzig und fröhlich – hat es mich bewegt, auch wenn ich nicht wusste, wer dieser Widersacher Rott denn ist. Aber das war egal, denn ich wusste, egal wer größer ist und mich bedroht – und ich war damals immer der Kleinste in meiner Klasse – sie alle haben keine Chance, Gott beschützt mich.
Wir singen die Strophen 1 -4
Was für ein Glaubenslied an diesem Taufsonntag Lätare!
Über die ja fast schon Starrsinnigkeit Paul Gerhards in dogmatischen Fragen haben wir schon in den Predigten der Predigtreihe gehört. Nun möchte ich diese dogmatischen Fragen heute nicht in die Neuzeit übersetzen, sondern möchte ihre Bedeutung hervorheben. Gerhards Glaube hat ein festes Fundament, denn: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1.Kor 3,11).
Himmelwärts geerdet ist Paul Gerhards Glaube: Gott ist ihm der Höchst und Beste, Christus ist ihm Grund geworden, der ihm hilft, sich nicht an der gestirnten Helligkeit Gottes zu verbrennen, wie einst Ikarus, der zu hoch hinaus wollte, dessen Wachs schmolz und der rettungslos abstürzte.
Die uns Christen durch Jesus vermittelte Lebenskraft verbindet unser Unten mit Gottes Oben. „Wer an mich glaubt, der wird leben“ so heißt es in Helenas Taufspruch aus dem Johannes-Evangelium. Dieser Glaube verleiht uns die Kraft und den Mut unsere Furcht und Angst in dieser Welt zu überwinden – wie ich es Caspar und Clara vorhin zugesprochen habe. Ja, wir können dankbar sein, für das Geschenk des Glaubens und das wir so wunderbar gemacht sind.
So können wir das Lied auch als reformatorisches Glaubensbekenntnis singen – nicht nur, weil es inzwischen als Lied dem Reformationsfest am 31.Oktober zugeordnet ist, sondern weil es die Erklärung von Martin Luther zum 1. Gebot „Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir“ wunderbar entfaltet.
Bei Luther heißt es „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“ (ich musst den Katechismus mit Erklärungen übrigens zur Konfirmation noch auswendig lernen.)
Wenn wir die Strophenanfänge anschauen „Ist Gott für mich so trete gleich alles wieder mich …. Nun weiß und glaub ich feste …. Der Grund, da ich mich Gründe … Mein Jesus ist mein Ehre“ so klingen die für mich alle wie ein Ausführung von Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir Amen“ auf dem Reichstag in Worms.
Glaubensfest, stabil, sicher, auf einem Fels und einer festen Burg.
Das ist alles andere als eine „Oben-ohne-Theologie“ wie sie der Philosoph Theodor Adorno spöttisch mit Blick auf die moderne Kirche nannte. Die sich zwar ganz der Mitmenschlichkeit im Diesseits widmen möchte, aber nichts mehr vom Zusammenhalt zwischen Himmel und Erde, vom Heiland weiß oder wissen will.
Die so gerne zur Gewissensbildung beitragen möchte – aktuelle besonders mit Blick auf die Diskussion um die Wehrpflicht – aber ganz vergessen hat, dass es dazu Klarheit und Wahrhaftigkeit, eine Haltung auch in stürmischen Zeiten braucht.
Ist Gott für mich so trete, gleich alle wieder mich!
Wir singen die Verse 5-8
Paul Gerhardt hat dieses Lied 1653 gedichtet. Der Dreißigjährige Krieg war zwar seit fünf Jahren vorbei, aber Gerhardt erlebte immer noch zusammengerottete Feinde und Widersacher. Plündernd zogen diese Banden über die Felder und durch die Dörfer; zwei Jahre zuvor war Pfarrer Gerhardts Vorgänger während des Gottesdienstes am Altar erschossen worden. Paul Gerhardt singt gegen das Grauen an.
In seinem Liedtext bezieht er sich auf den Brief des Apostels Paulus an die Römer:
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
In der Vertonung von Heinrich Schütz ist dieser Bibelvers für mich immer ein Begleiter gewesen. Viel getragener aber nicht weniger klar und eindrücklich als der Tanzrhythmus unseres heutigen Liedes habe ich die Stimmen des Dresdner Kreuzchores auf einer schon etwas ramponierten alten LP im Ohr: „Nichts, nichts kann uns scheiden, von der Liebe Gottes, der in Christo Jesu ist, unserm Herren.“
Das ist das, was wir auch von Paul Gerhardt hören und lernen können. Sein purer Trotz gegen das, was ist, anzugehen, mit Liedern, die andere Menschen ermutigen, den Gedanken eine Richtung geben, etwas draus machen.
Wir haben in dieser Zeit oft den Fokus auf die negativen Dinge, auf das was gerade schrecklich ist und sind gebannt auf das, was kommen mag. Wir wissen aber auch, und das wissen wir Christen ganz gewiß, dass da einer ist, der der Fels ist, auf dem wir stehen können, auch in Zeiten wenn alles andere erschüttert wird. Interessanterweise ist es so, dass in einer Krise sichtbar wird, auf was für ein Fundament unser Leben gebaut ist.
Was bleibt übrig von einer Gesellschaft von dir und von mir, wenn wir gerüttelt werden, wenn der Sturm über uns weggeht? Haben wir dann diesen festen Halt des Glaubens? Das ist eine spannende Sache, das herauszufinden.
Wenn ich jetzt Paul Gerhard anschaue, dann kann ich sagen: er hatte diesen Felsen und fast kindlich ist sein Vertrauen.
Ich musst beim Schreiben immer an ein nur kurz zurückliegende Beerdigung denken. Ein Hausmeister war verstorben, auf seine Art ein Berliner Original, ein Typ und ein Mädchen aus der Nachbarschaft hatte ihre Erinnerung an ihn aufgeschrieben: “Wenn mich auf dem Spielplatz andere Kinder geärgert haben, habe ich nur gesagt: ich hole gleich den XY! Der ist nämlich mein Freund“
Großes Vertrauen – vielleicht nicht ganz friedlich in der erhofften Konsequenz – aber eben doch: grundsätzlich und unerschütterlich
Mit seiner Art des Vertrauens stand Paul Gerhard aber nach dem 30-jährigen Krieg nicht alleine. Was blieb den Menschen denn sonst als die Hoffnung und eben Vertrauen, dass es nicht nur irgendwie weitergeht, sondern ein Neuanfang möglich ist.
Am Beginn des Gottesdienstes haben wir „Tut mir auf die schöne Pforte“ (EG 166) gesungen. Geschrieben in Schweidnitz in Schlesien, einer evangelischen Gemeinde im damals katholischen Schlesisch-Österreich. Die Gemeinde dort hatte nach dem Krieg neun Jahre gebraucht um das Geld für den Bau der dortigen „Friedenskirche“, die ihnen im Westfälischen Frieden genehmigt wurde, zu sammeln. Nur wenige Wochen durfte der Bau dauern, kein Metall, also keine Nägel für den Holzbau verwendet werden und trotzdem: 7500 Menschen finden darin Platz, zwei Gottesdienst waren am Sonntag nötig, um den Andrang der Evangelischen aus dem weiteren Umland aufzunehmen.
Der Trost, den die Menschen beim Bau und beim Gottesdienst in der Kirche erfahren, gibt ihnen Kraft, an einer friedlichen Welt mitzuarbeiten. Sie können darauf vertrauen, dass diese Arbeit nicht vergeblich ist.
Der Liederdichter, Pfarrer Schmolck, glaubt fest, dass Gott Frieden schenken will, auch wenn drumherum nur von Kampf und Krieg gesprochen wird. Das drückt er auch in einem anderen Lied so aus „Will die Welt den Frieden brechen, hat sie lauter Krieg im Sinn: Gott hält immer sein Versprechen, da fällt aller Zweifel hin; denn er bleibet immerdar, der er ist und der er war.“
Wir singen die Strophen 9-12
Wie unser Lied wohl mit einer Melodie von Johann Crüger, dem Kantor der Nikolaikirche und Komponisten von über 80 Lieder von Paul Gerhard geklungen hätte? Die Melodie, die wir heute singen und die sie hoffentlich auch so beschwingt an diesem Sonntag Lätare – Freuet euch – singen lässt, stammt zwar von einem Zeitgenossen, dem englischen Komponisten William Byrd, ist aber erst vor gut 100 Jahren mit dem Text verbunden worden. Es war eigentlich ein Festlied und wurde später auch für Singspiele mit leicht fragwürdigem Charakter verwendet.
Aber ich finde das diese Melodie gerade zur letzten Strophe wunderbar passt: geradezu überschießend fröhlich können wir gleich singen.
Diese Auferstehungshoffnung, diesen Fels, den wünsche ich uns allen. Dass wir darauf unser Leben gründen in dieser Zeit.
Er ist, der uns in der Hand hält und, das weiß ich ganz genau, das ist wunderbar!
Amen
Wir singen Strophe 13
