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Predigt · Sonntag Kantate · 28.4.2024 · Prädikantin Silvia Bellack · Pfarrer Michael Hufen · 1. Samuel 16

Posted on Apr 28, 2024 in Predigten

Liebe Gemeinde,

Michael Hufen

Erinnern sie sich an den vergangenen Sonntag und die Predigt von Thies Gundlach? Der innere Mensch und wie wichtig es ist, ihn angesichts des Frustrationspotentials unserer Tage zu stärken! Ihn in uns zum Klingen bringen, in uns den Resonanzraum zu hüten, zu bewahren, damit Gott in uns klingen kann, wenn das Elend, die Angst und die alltäglichen Herausforderungen zu stark zu werden drohen.

Ich könnte es jetzt ganz kurz machen und mit einem Lutherzitat alles zusammenbinden, aber das hebe ich mir für den Schluss der Predigt auf. 

Erst einmal wollen wir unseren Resonanzraum ein wenig zum klingen bringen.

Mit Musik und Gesang geht das ganz hervorragend.

Und wir haben es gerade in der Lesung aus dem 1.Buch Samuel gehört. David erreicht mit seinem Harfespiel diesen Resonanzraum bei Saul, seinem König. Der ist nun nicht nur irgendwie trüber Stimmung sondern völlig überfordert und auf dem besten Weg in eine Depression. Überfordert mit seinem Amt als König. Führen soll er, der doch eigentlich vor allem gut aussieht, kämpfen, was er ganz gut kann, entscheiden, richten, begeistern und dabei als von Gott auserwählter und vom Volk gewünschter König, alles in allem und für alle sein. Er schafft es nicht und findet Trost in der Musik des kleinen Hirtenjungen David.

Diese Musik berührt ihn, verscheucht die trüben Gedanken, sie lässt ihn wegfliegen von der Last des Alltags, vielleicht in die unbeschwerte Zeit seiner Jugend oder in ein gedachtes Leben jenseits aller Alltäglichkeit, wo das Schwere leicht wird.

Jede und jeder von uns kennt und hat solche Musik. Stücke, die man in so einer musikalischen Gemeinde wie Alt Pankow nennen möchte und solche Stücke, die einem vielleicht sogar ein bisschen peinlich sind. Musik, bei der ich die Augen schließe und schon von den ersten Tönen auf ganz wunderbare Weise berührt werde:

Musik Orgel Mozart 2.Satz Klarinettenkonzert

Silvia Bellack

In Resonanz treten: eine andere Form des in der Welt seins.

Was berührt mich wirklich?

Als ich mir diese Frage in Vorbereitung auf unsere heutige Predigt stellte, fiel mir sofort eine Begebenheit ein, in der ich fünfjährig im Erwachsenengottesdienst unter der Orgelempore saß und plötzlich das Gefühl hatte, ich könne mit jeder Zelle meines Körpers die Töne der Orgel hören. Eine sehr frühe Erfahrung der Berührung durch Musik, die sich nicht immer, aber wieder und wieder bei unterschiedlichen Anlässen einstellt. Ob es jetzt Barock- oder Rock-Musik ist.

Körper in Resonanz sind bewegt – und sie bewegen – mit wachen Sinnen und klarem Verstand sozial verbunden, fähig zu Empathie und Mitgefühl, zum Handeln bereit:

Im gemeinsamen Singen erfahren wir – wenn es nicht total schief läuft – Selbstwirksamkeit. Ich kann etwas bewegen, gemeinsam mit anderen. So lassen Sie uns eine ganz eigene Selbstwirksamkeitserfahrung machen, in dem wir nun das schöne Lied „Du meine Seele singe“ singen:

Gemeinde singt EG 302 „Du meine Seele singe“

Silvia Bellack

In Resonanz sein führt zu innerer Transformation. Etwas kommt zu mir und es verwandelt mich, formt mich um. Bei meinem Orgelerlebnis als Fünfjährige bin ich aus dem Gottesdienst anders herausgekommen, als ich hineingegangen war. Weil mich die Berührung durch die Musik plötzlich zu einer fundamentalen Einsicht brachte: Mir wurde klar, dass alle Menschen, die mit mir im Gottesdienst waren, einen Bauchnabel haben. Davon war ich derart begeistert, dass ich mich am Ende des Gottesdienstes neben den Pastor stellte, um den verblüfften Teilnehmerinnen und Teilnehmern fröhlich die Hand zu schütteln.

Michaem Hufen

Fröhlich aus dem Gottesdienst kommen, vielleicht ein Lied auf den Lippen.

Gesungen wurde eigentlich schon immer im Gottesdienst. Für die Reformatoren, war das gemeinsame Singen nicht nur ein ganz wichtiger Weg zur Verbreitung der reformatorischen Lehren. Das gemeinsame Singen aller, der Pfarrer wie der sogenannten Laien, war Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen und natürlich ungemein gemeinschaftstiftend. Das gemeinsame Singen der Evangelischen – in ihrer deutschen Muttersprache – war für ihre Gegner ein deutliches Indiz für den Erfolg der Reformation.

1524 vor 500 Jahren erschien das erste evangelische Gesangbuch, der sogenannte 8-Lieder Druck. Das erste hier abgedruckte Lied singen wir gleich. „Nun. Freut euch liebe Christeng’mein“

Freut euch, lasst euch anstecken, von der Musik und den Ideen, die 500 Jahre Gesangbuch ausmachen. Lieder mit mehr als 10 Versen, schwierigen für uns heutige kaum noch singbare Melodien, im kirchlichen Milieu der über 40-jährigen sofort zum Mitsingen einladende Choräle, die schon in der Generation unserer Kinder fast unbekannt geworden sind und immer wieder die Suche nach neuen Liedern, zeitgemäßen Rhythmen und modernerer Sprache und der kaum zu überbrückenden Kluft zwischen traditionellen Liedern und Kirchentagshymnen.

Lieder und Musik, die in uns Erinnerungen wecken, die kultur- und zeitgeschichtlich von nicht zu überschätzender Bedeutung sind, die aber ihre Kraft und Wirkung immer wieder neu aus sich entfalten oder eben nicht – also gewissermaßen unverfügbar sind:

Silvia Bellack

Das, was ich als Fünfjährige erleben durfte, entstand ohne Absicht oder Willensanstrengung.

Zur Resonanz kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. Das Ergebnis dieses Prozesses lässt sich nicht vorhersagen oder planen, daher eignet dem Ereignis der Resonanz immer auch ein Moment der Unverfügbarkeit.

In Resonanz sein kann man nicht kaufen, nicht leihen, nicht erzwingen, es ist unverfügbar. Das haben wir ja nicht so gerne, dass etwas für uns nicht verfügbar ist. Aber wie wunderbar kann es sein, überraschend berührt zu werden, in Resonanz zu sein.

Michael Hufen

Wenn es mich berührt, kann etwas Neues entstehen.

Wer musiziert oder im Chor singt weiß das. Wie oft bin ich schon gedankenschwer zur Chorprobe gekommen und beschwingt wieder nach Hause gegangen.

Dabei musste ich nur den Schritt zur Probe gehen und mich auf die Musik anderer einlassen. Der eigene Gesang und das Singen mit anderen hat meine Stimmung verändert, weil ich mich darauf eingelassen habe – weil ich mich trotz allem darauf eingelassen habe –

Also Singen – singt – Kantate – mindestens unter der Dusche – gleich hier wieder im Gottesdienst oder gleich morgen wieder, hier bei uns im Kirchenchor!

Aja, das Lutherzitat:

 „Wenn ihr traurig seid, und es will überhand nehmen, so sprecht: „Auf, ich muss meinem Herrn Christus ein Lied machen…denn die Schrift lehrt mich, er höre gern fröhlichen Gesang und Saitenspiel“. Und greifet frisch in die Tasten und singet drein, bis die Gedanken vergehen… und kommt der Teufel und gibt euch eure Sorgen oder Gedanken ein, so wehrt euch und sprecht: „Aus! Teufel, ich muss jetzt meinem Herrn Christus singen und spielen…“ Martin Luther

Amen

LIed: „Nun. freut euch liebe Christeng’mein“