Predigt · Misericordias domini · 1. Mai 2022 · Pfarrer Michael Hufen

Posted on Mai 10, 2022 in Predigten

Predigttext Hesekiel 34, 1-16 . 31

Liebe Gemeinde,

Misericordias domini – die Barmherzigkeit des Herren – so heißt der heutige Sonntag. Das prägende Bild ist dafür der Hirte.

Der gute Hirte – der die seinen kennt, der sein Leben für die Schafe gibt.

Der gute Hirte – für unglaublich viele Menschen ist der Psalm 23 zum Halt in schweren Zeiten und zum Ausdruck ihrer Sorge und ihres Vertrauens geworden.

Vertrauen auf die Begleitung durch Gott – den guten Hirten – durchs finstere Tal, im Angesicht meiner Feinde werden mir Gutes und Barmherzigkeit begegnen und ich werde im Haus des Herrn bleiben – immerdar.

Dieses alte Bild aus der vorderorientalischen, jüdischen Tradition wird im Neuen Testament auf Jesus bezogen.

Jesus, der anders als ein „Mietling“ sein Leben für die Schafe gibt, den seine Schafe kennen und der sich auch um die verirrten Schafe kümmert.

Im eigentlich für heute vorgesehenen Predigttext geht es um ein Gespräch zwischen Jesus und Petrus. Nun wollte ich nicht schon wieder über Petrus predigen. Nur soviel: der Text im 21. Kapitel gilt als besonderes Beispiel für ein seelsorgerliches Gespräch. Jesus, der Auferstandene fragt Petrus drei Mal „Hast du mich lieb?“- und führt ihn so ganz behutsam zur Erkenntnis, dass er sich nach allem, was er mit Jesus erlebt hat, was ihm gelungen, aber auch was ihm gründlich schief gegangen ist, ganz allein auf Jesus verlassen kann. „Herr, du weißt alle Dinge! Du weißt, dass ich dich liebhabe.“

Und er, der nun wirklich deutliche Zweifel aufkommen lässt, ob er denn zum Anführer oder gar zum Hirten taugt, bekommt gesagt „Weide meine Schafe!“.

Und so geht sozusagen das Bildwort vom Hirten auf die Gemeindeleitung der christlichen Gemeinde über. Und es steckt ja auch im Amtstitel drin: Pastor oder Pastorin: die oder der Hirte oder Pfarrer, das kommt nun wieder vom altdeutschen Wort für Pferch. Der Pfarrer ist also der Pferchwärter.

Wie ich mich in diesem Amt selber sehe, dazu vielleicht mehr bei meinem Einführungsgottesdienst am 19.Juni.

Liebe Gemeinde, ich muss Ihnen gestehen, dass ich mit all diesen Texten in diesem Jahr, nicht wirklich warm geworden bin. Das möchte ich nun nicht problematisieren – ich war jedenfalls ganz froh, als ich beim Lesen der übrigen für diesen Sonntag vorgesehenen Texte auf diesen aus dem Buch des Propheten Hesekiel stieß:

Hesekiel 34,1-16.31 lesen!

Puh. Gewaltig! Da ist jemand so richtig in Fahrt.

Hesekiel wettert über die religiösen Führer seiner Zeit.

Und auch für die verwendet er das Bild vom Hirten – nur sie sind keine guten Hirten!

Ob Hesekiel nun die religiösen oder die weltlichen Hirten Israels meint, diese feine Differenzierung lasse ich jetzt mal weg. Zumal nach jüdischer Vorstellung auch das Königtum von Gott kommt und deshalb auch die weltlichen Führer, die Könige und Herrscher von Gott legitimiert sind und so eben auch Hirten sind, sein sollten.

Am 1.Mai dem Tag der Arbeit über selbstverliebte Obrigkeit zu predigen. Eine schöne Aufgabe!

Nach über zwei Monaten Krieg in der Ukraine über Mächtige predigen, die ihre Herden nicht weiden, sondern schlachten oder den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen. Schon schwieriger.
Ob nach dem Predigen über die weltliche Obrigkeit noch Zeit bleibt über im Hirtenamt überforderte oder einfach nur fehlbesetzte kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu predigen – eher nicht.

So oder so, am Ende steht Gottes Zusage:

Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können. 26

28Und sie sollen nicht mehr den Völkern zum Raub werden, und kein wildes Tier im Lande soll sie mehr fressen, sondern sie sollen sicher wohnen, und niemand soll sie schrecken. 29Und ich will ihnen eine Pflanzung aufgehen lassen zum Ruhm, dass sie nicht mehr Hunger leiden sollen im Lande und die Schmähungen der Völker nicht mehr ertragen müssen.


30Und sie sollen erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott der Herr. 31Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.


Hesekiel lebte in der Zeit vor und während der babylonischen Gefangenschaft. Nach
eigenen Angaben wurde er 597 v. Chr. deportiert. Aus der Ferne erlebt er den Fall
Jerusalems 587 v. Chr. Der Untergang dieser Stadt ist in der Prophetie des Hesekiel ein Wendepunkt: Nicht mehr nur Unheil, sondern auch die Wendung zu Neuem bestimmt nun sein Reden. Aber ganz offensichtlich greift er in unserem Abschnitt die Führer des Volkes an.

Er sieht das Unheil, welches über das Volk gekommen ist, auch als Folge des Handelns der politisch Verantwortlichen. Doch Hesekiel bleibt nicht beim Wettern und Schimpfen, beim Ankündigen von Unheil stehen: ein neuer Hirte soll auftreten, ein Gerechter. Gottes Weg mit seinem Volk ist nicht zu Ende, sondern Gott lässt Neues entstehen.


Wie aber verstehen wir dann heute diesen Text? Ist die Weissagung mit Jesus in Erfüllung gegangen („Ich bin der gute Hirte“!), oder ist der Text bleibende Mahnung an alle, die leitende Ämter haben.

Eine ethischer Imperativ, nicht sich selber zu bedienen oder auf Kosten anderer zu leben?

Und dann natürlich eine Frage an die Herde: „Warum schweigen die Lämmer?“

Vielleicht bekommen wir eine Antwort in den Versen, die auch zum 34.Kapitel des Hesekielbuches gehören:

17 Aber zu euch, meine Herde, spricht Gott der HERR: Siehe, ich will richten zwischen Schaf und Schaf und Widdern und Böcken.
18 Ist’s euch nicht genug, die beste Weide zu haben, daß ihr die übrige Weide mit Füßen tretet, und klares Wasser zu trinken, daß ihr auch noch hineintretet und es trübe macht,
19 so daß meine Schafe fressen müssen, was ihr mit euren Füßen zertreten habt, und trinken, was ihr mit euren Füßen trübe gemacht habt?
20 Darum spricht Gott der HERR: Siehe, ich will selbst richten zwischen den fetten und den mageren Schafen;
21 weil ihr mit Seite und Schulter drängtet und die Schwachen von euch stießt mit euren Hörnern, bis ihr sie alle hinausgetrieben hattet,
22 will ich meiner Herde helfen, daß sie nicht mehr zum Raub werden soll, und will richten zwischen Schaf und Schaf.


Liebe Gemeinde

Nicht nur die Hirten werden zur Rechenschaft gezogen, sondern auch die Herde. Unter euch geht es im Kleinen nicht anders zu, als zwischen Hirten und Herde im Großen. Es ist wohlfeil auf „die da oben“ zu schimpfen, wenn man damit von den eigenen Unzulänglichkeiten, dem eigenen Versagen und der eigenen Schwachheit ablenkt.

Die so oft beschworenen menschlichen Werte sind eben nicht nur politische Folklore, der Stoff für Sonntagsreden und Wahlprogramme, sie gelten nicht nur für den Starken und seine Interessen!

Wenn wir so gerne von Gerechtigkeit reden, dann ist das eben nicht nur ein Problem der Anderen, der da oben, sondern ganz konkret eine Anfrage an unser eigenes Verhalten.

Diese Werte gelten nicht nur für die westliche Welt und die Durchsetzung unserer Interessen, sondern sie sind universal oder sie sind leere Worthülsen.

Sie wissen schon – der Splitter im Auge oder der Balken!

Arbeit muss nicht nur in unserem Land unter fairen Bedingungen und zu fairer Bezahlung möglich sein.

Menschenrechte gelten für die Menschen in der Ukraine, aber auch für die Menschen im Jemen, in Afghanistan und im Irak.

Kriegsverbrechen müssen verfolgt werden, egal ob sie von Russen oder von Amerikanern begangen werden.

Freiheit ist ein unveräußerliches Recht aller Menschen und kann eben nicht entzogen oder zuerkannt werden.

Und Frieden heißt eben nicht Sieg, sondern ist die Aufgabe und Herausforderung, die es mit friedlichen Mitteln zu erreichen gilt.

Warum schweigen die Lämmer?

Wie oft stehen wir am frischen Wasser, treten es mit Füßen bis es schlammig ist!

Hesekiel, liebe Gemeinde, hatte eine besondere historische Situation, in die hinein er Gottes Wort gesprochen hat. Unsere äußeren Umstände sind andere, unsere Probleme im Umgang miteinander, vor allem aber mit Schwächeren sind nach über 2.500 Jahren noch immer die gleichen. Dabei ist es fast egal, ob wir zu den vermeintlichen Hirten oder zur Herde gehören. Eine ganz klare und simple Forderung steht hinter dem Text: Kümmert Euch um die Schwachen!

Weidet die Herde! Kehrt um zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Und neben dieser Forderung bleibt die Zusage bestehen:

Ja!, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Amen.