Predigt · Jubilate · 8. Mai 2022 · Pfarrer Michael Hufen

Posted on Mai 10, 2022 in Predigten

Predigttext 1.Mose 1,1 -2 ,4a

Liebe Gemeinde,

„Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten.“

„Was wir sind und haben – im höheren Sinn – haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte.“

Buchanfänge können fesseln, neugierig machen.

Die beiden Sätze waren die Anfangssätze zweier Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Worte und Sätze entscheiden oft darüber, ob wir weiterlesen. Bei mir ist das jedenfalls so. Der Anfang ist entscheidend und auch der Schluss.

Manchmal reizt es mich auch, die letzten Sätze eines Buches zu lesen und ich bin dann gespannt auf den Bogen bis dahin.

„Dies ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, so wurden sie geschaffen.“ So lesen wir es am Ende des ersten Schöpfungsberichts. Dies ist die Geschichte.

1.Mose 1,1 – 2,4a (in Auszügen)

Es klingt ein bisschen wie ein Märchen. Eine phantastische Geschichte von damals. Nicht nur, weil wir gerne alles ganz wissenschaftlich erklären wollen und können. Vielleicht reichen ja schon die zwei Worte, die nach jedem Schöpfungstag aufgeschrieben sind: „sehr gut“. Und siehe alles war sehr gut.

Jaja, WAR, das muss aber lange her sein.

Heute ist der Sonntag JUBILATE. Wir sollen jubeln und uns freuen. Im Frühling, wenn die Natur zum neuen Leben erwacht, nach Ostern, voller Freude über den Sieg des Lebens, das Schöpferlob Gottes jubelnd bekennen und feiern.

Nur wie passt das mit dem, was wir erleben und sehen?

Doch zuerst einmal: Juble! Freue dich! Das Leben hatte einen wunderbaren Anfang.

Alles Leben, ja die ganze Welt ging los, weil Gott es wollte. Freue dich! Juble!

Und wir erzählen uns die Entstehungsgeschichte der Welt, wie sie ganz am Anfang der Bibel im 1.Buch Mose aufgeschrieben ist.

Nun gut, es war niemand dabei, der mitschreiben konnte, als das alles geschah.

Als es wüst und leer war auf der Tiefe.

Und irgendwann haben die Menschen eine Antwort auf ihre Frage gesucht „Wo kommen wir den eigentlich her?“

Unser Text ist so zu sagen diese Antwortgeschichte, aber zugleich auch eine demütige Verneigung vor dem Schöpfergott und auch das Eingeständnis, dass das alles größer, wunderbarer und planvoller zu sein scheint, als wir Menschen es erst einmal erkennen können.

Am Anfang gab es nichts.

Da sagte Gott es werde Licht. Und es wurde Licht!

Die amerikanische TV-Moderatorin Ellen DeGeneres sagt dazu „Es gab zwar immer noch nichts, aber man konnte es jetzt viel besser sehen.“

Alles genau sehen, wissen, verstehen, wie es war und wie es wird.

Und ob es alles sehr gut wird, so wie es Gott gemacht und gedacht hat.

Jubilate ist so etwas wie ein Mutmachsonntag!

Jubelt, kommt heraus aus euren Kammern der Zweifel und Sorgen.

Kommt heraus in Gottes gute und schöne Schöpfung.

Ihr seid die guten Reben im Garten des Weingärtners.

Wir feiern das Leben und Gottes Liebe, aus der alles entstanden ist und die alles durchdringt.

Nicht einmal der Tod hat in Gottes Schöpfung das letzte Wort.

Gottes Wort ist der Anfang und das Ende von allem und mit Ostern stehen wir im hellen Licht von Gottes neuer Schöpfung.

In Gottes Licht schauen wir auf die alten Wege, in seinem neuen Licht sehen auch unsere Umwege, Irrwege und Sackgassen ganz anders aus.

Alles ist Schöpfung von Gottes Hand, alles ist Veränderung.

Jeder Morgen, wenn es hell wird ist ein neuer Anfang. Jeder Morgen ein Ostermorgen, der uns verheißt, dass das Leben immer wieder neu sprießt und wächst.

Manches kommt auch ganz neu ans Licht.

Mit Licht sieht man auch das Dunkle.

Wenn Licht ins Dunkle kommt ist das nicht immer schön.

Aber es ist ein Anfang. Auch und gerade im menschlichen Miteinander.

Wenn Lügen ans Licht kommen oder fehlende Liebe und verweigerte Versöhnung.

Was da ist, ist da und wird sichtbar.

Wir müssen es eben immer wieder versuchen, neu zu ordnen. Und ganz sicher müssen wir uns dabei eine ganze Menge vergeben und Schritte aufeinander zugehen.

Jesus sagt „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Licht und Wahrheit gehören zusammen.

Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde.

Und es ist auch die Geschichte davon, dass aus Chaos – im hebräischen Text steht das wunderbare Wort Tohuwabohu – etwas Gutes werden kann. Aus dem, was wüst und leer ist, was scheinbar nur chaotisch ist, wird im Lichte Gottes etwas Lebenswertes und Menschenfreundliches.

Zugegeben – manchmal fällt es uns schwer daran zu glauben, dass es nicht grob fahrlässig von Gott war uns Menschen diese Welt anzuvertrauen.

Ganz offensichtlich stecken in vielen Menschen ganz harte Anhänger der lutherischen Bibelübersetzung, die sie aber dann wortwörtlich falsch verstehen. „Macht euch die Welt untertan“ – heißt es da, sie gehört euch, macht mit ihr, was ihr wollt. Die Welt mit allem, was Gott so wohl geordnet hat, soll vor den Interessen der sich als Herren fühlenden Menschen buckeln, alles über sich ergehen lassen und dafür dankbar sein, dass wir ihr Angesicht mit unserer Anwesenheit verzieren – nun gut, hier und da auch irreparabel zerstören, verunstalten oder auf vielfältige Art und Weise zeigen, dass wir nicht ganz verstanden haben, welches Vertrauen Gott in uns setzt.

Liebe Gemeinde,

es heißt ja, der erste Satz eines Buches weckt das Interesse für den ganzen Text – oder eben auch nicht.

Bei einer Predigt verhält es sich nicht anders.

Erinnern Sie sich noch an meinen ersten Satz? Die ersten beiden Sätze?

Es waren zwei Buchanfänge:

„Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten.“

„Was wir sind und haben – im höheren Sinn – haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte.“

Heute ist der 8.Mai.

Vor 77 Jahren kapitulierte die Wehrmacht in Berlin vor der Roten Armee.

Vor zwei Jahren zum 75. gab es noch einen freien Tag. Heute finden selbst die Gedenkveranstaltungen der Nachfolgestaaten der Sowjetunion hier in Berlin unter besonderen Sicherheitsbestimmungen statt und das berühmte Bild vom Hissen der Roten Fahne auf dem Reichstagsgebäude verschwindet aus den Schaufenstern.

Stattdessen sprechen deutsche Politiker wieder vom Ruin Russland und dem Sieg am Ende des inzwischen auf fast allen möglichen Ebenen geführten Krieges.

„Was wir sind und haben – im höheren Sinn – haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte.“

So sagt es Alfred von Harnack, der große Berliner Theologe der Kaiserzeit.

Nur mit dem Bewusstsein von und dem Wissen über Geschichte ist es nicht so besonders weit her. Dass etwa 26 Millionen Menschen aus der Sowjetunion im 2.WK getötet wurden, durch Krieg, Zerstörung, Hunger, Mord, weiß heute kaum noch jemand. Und wir sprechen nicht darüber. Vielleicht wollen wir es gar nicht mehr wissen.

Allein 3 Millionen Rotarmisten sind als Kriegsgefangenen von Deutschen umgebracht worden, bei der 1000 tägigen Belagerung von Leningrad starben 1 Millionen Menschen – doch schon im vergangenen Jahr 2021 fuhr kein Vertreter unseres Landes zu den Gedenkfeiern nach St.Petersburg.

Wie es begann?

Propaganda, Feindbildaufbau und offener Rassismus haben den Krieg vorbereitet, der vom 1.Tag als Eroberungs-, Rasse- und weltanschaulicher Vernichtungskrieg geführt wurde. Wir Deutschen fühlten uns überlegen – diesen slawischen Untermenschen und glaubten wirklich den Parolen vom „Volk ohne Raum“ und dem „Lebensraum im Osten“. Da aus unserer Sicht die Menschen dort kein Lebensrecht und die Sowjetunion kein Existenzrecht hatten.

Daran zu erinnern, zu gedenken, steht uns auch heute sehr gut zu Gesicht.

Ich glaube, dass in unseren Herzen und Gedanken genug Raum und Kraft ist, daran zu denken und trotzdem Mitleid mit den vom Krieg in der Ukraine Betroffenen, den Getöteten und Vertriebenen zu haben.

Und außerdem möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, wie ich zu gedenken, zu denken habe. Vor allem nicht von Menschen, deren Reden und Taten ich für brandgefährlich halte.

„Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten.“

Was ist aus den Träumen geworden?

Ganz pessimistisch betrachtet, eine Welt, in der es mehr Verbote gibt, als wir uns es noch vor 10 Jahren vorstellen konnten. Es geht hier nicht um die Unterscheidung von ausdrücklichen oder nur gefühlten Verboten. Jede und jeder von uns kann erleben, wie schwierig es ist, unterschiedliche Standpunkte und Ansichten miteinander auszutauschen und wie schnell es geht – und nicht nur im digitalen Raum von Twitter und facebook – bei unterschiedlichen Meinungen mit Kategorisierungen und Zuschreibungen konfrontiert zu werden, die ein weiters Gespräch über ein Thema mindestens deutlich erschweren, wenn nicht gar gänzlich unmöglich macht. Die Vorstellung, dass wir alle an Erkenntnis gewinnen, wenn wir unsere Argumente und Beobachtungen miteinander teilen, scheint dem Bedürfnis gewichen zu sein, den eigenen Standpunkt, der natürlich der Richtige ist, mit allen Mitteln durchzusetzen und dabei leider auch in Kauf zu nehmen, seinen Gesprächspartner mindestens mundtot zu machen oder sogar zu diffamieren.

Liebe Gemeinde!

Wo bleibt da die Freude und die Verheißung, die dem Sonntag Jubilate eigentlich seinen Charakter verleihen?

Die Freude an Gottes Schöpfung, das Vertrauen in die Möglichkeit für alle Menschen in Frieden und im Einklang mit der Natur zu leben? Wo ist das gemeinsamen Streben nach einer gerechteren Welt nicht nur, für die, die zur eigenen Interessengruppe gehören?

Vielleicht in Gottes Versprechen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Denn er ist der Erbarmer.

Er hat uns in seinem Sohn Jesus Christus bestätigt, dass die Mächte des Todes gegen das Leben aus Liebe nicht bestehen werden.

Seit Ostern haben Christen eine Ahnung von neuem Leben. Denn Jesus ist auferstanden. Für den, der daran glaubt, hat der Tod seine Endgültigkeit verloren. Neu zu werden ist möglich, auch hier und heute. Wer an dieser Hoffnung festhält, dem wächst Stärke zu. Denn wie der Weinstock seinen Trieben Kraft gibt, so haben auch Christen ihren Halt in Christus und können sich immer wieder zum Leben rufen und erneuern lassen.

Lasst uns das mit dem nächsten Lied freudig – jubelnd – singen:

„Liebe, die du mich zum Bilde“

Amen