Predigtreihe · Okuli · 7. März 2021 · Pfarrer Michael Hufen

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Psalm 1

Liebe Gemeinde,

Sonntag Okuli – Psalm 34 – Die Augen des Herrn schauen auf den Gerechten

Gottes Augen schauen auf uns und auf unseren Lebensweg

Schaut Gott wohlwollend auf uns, skeptisch, voller Liebe und Güte oder auch mit Skepsis und auch mit Missbilligung?

Für den Psalmbeter des Wochenpsalm ist die Antwort klar, Gott schaut mit seinen Augen auf uns und er hört uns. Er steht denen entgegen, die Böses tun und er steht allen bei, die zerbrochenen Herzens sind.

So klingt die Zusage. Ich bin bei dir.

Mit dem Wochenspruch haben wir vorhin auch den Anspruch Gottes gehört. Jesus sagt: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der wird Gottes Reich nicht erlangen.

Wer schon einmal über diesen Zuspruch und den Anspruch an sich nachgedacht hat, weiß, dass die darin liegende Herausforderung gewaltig ist.

Wir wollen diesen Weg gehe und vertrauen darauf, nicht alleine zu gehen „Lasset uns mit Jesus ziehen“ und sind voller Hoffnung „Jesu geh voran“.

Andererseits verstehen wir, dass die Herausforderung für diesen Weg – wir nennen ihn den Weg der Nachfolge, nicht nur groß ist. Es ist ein Weg, der in die Einsamkeit führt. Bei Lukas heißt es, dass wir alles zurücklassen sollen. Nicht mehr zurücksehen, nur nach vorne.

Wenn wir uns ein Bild für diese Situation vorstellen, ist es meistens das einer Weggabelung. Rechts oder links – du musst dich entscheiden – und wir haben natürlich die Hoffnung, dass unsere Entscheidung trägt, richtig ist.

Im Psalm 1 finden wir ein anderes Bild – es ist das Bild der Tür.

Psalm 1 ist die Haustür ins Haus des Psalters hinein. Vielleicht ist er von Anfang an als eine Tür gedacht. Der Psalm ist die Begrüßung eines Einzelnen, der kommt. Nicht mit „Sei gegrüßt“, sondern „baruk haba“ „Gesegnet, der da kommt“ „Selig der Mensch, der da vor mir steht“.

In unserer Übersetzung heißt es ganz lutherisch „wohl dem“, in anderen Übersetzungen „selig ist“ oder auch „Glücklich ist“ – also hier schon die Antwort auf die Frage nach dem Glück. Glücklich der, der sich aufgemacht hat und an die Tür klopft. Worin dieses Glück besteht führt der Psalm dann im Weiteren aus – allerdings auch, was aus Sicht des Psalters das Gegenteil, kein Glück ist.

Der erste Psalm ist kein Gebet – Gott wird ja nicht angesprochen. Sprechen tut sozusagen das Psalmbuch selber. Wenn wir den Psalm lesen und beten, lesen und beten wir eigentlich eine Ansage an uns selber. Freudig wird der Mensch begrüßt und zugleich selig gesprochen. Und es geht um einen konkreten Menschen, der in Vers 1 und 2 charakterisiert wird und in Vers 4 von den Anderen, aus deren Mitte er heraustritt, unterschieden wird.

Dieser Einzelne will ins Buch hinein, hat angeklopft. Die Vielen hinter ihm wollen das nicht.

Der Anklopfende hat sich von den Menschen gelöst und er ist voller Hoffnung an die Tür getreten.

Er hat sozusagen die eine Wirklichkeit verlassen, die Welt hinter ihm bleibt zurück – er ist allein.

Das ist eigentlich ein Paradox – denn eines der Ideale dieser Welt ist ja geradezu die Vereinzelung. Unter der Überschrift der Selbstverwirklichung und Individualität geht die Menschheit – vor allem in der westlichen Welt getrieben von der Sehnsucht nach unbegrenzter Freiheit konsequent diesen Weg.

Doch Vorgaben haben wir weiterhin, und wir richten uns nach ihnen. Gesichtslos-anonym hat uns eine unpersönliche Marktgesellschaft im Griff. Wir glauben, wir seien Individuen, irgendwo sind wir es auch, aber zugleich gehören wir zutiefst zu einer namenlosen und fremdbestimmten Masse. Der moderne Mensch täuscht sich über die Einzigartigkeit seiner Individualität, auf die er so stolz ist.

Der Mensch der Antike – also auch der Mensch des Psalms, weiß, dass er einer Gemeinschaft angehören muß und was er riskiert, wenn er sich von ihr absetzt . Solch ein Mensch klopft an die Tür des Psalters.

Die Welt aus der er heraustritt, ist im Psalm eindeutig charakterisiert – und zwar negativ: es ist die Welt der Sünder, Spötter und Gottlosen. Sie haben die Kontrolle über die Wege dieser Welt, man soll ihrem Rat folgen. Ja sie erwarten, dass man sich ihnen anschließt und selbst auf diesen Weg tritt. Das tut, was alle tun, dem Mainstream folgen. Diese Menschen sitzen irgendwo und geben voller Selbstbewußtsein den Ton an. Idealerweise setzt man sich dazu – zu den Spöttern – stimmt ein in den Chor derer, die alle die nicht zustimmen, mit Spott und Verachtung überziehen oder sich öffentlichkeitswirksam für sie schämen.

Die hebräische Wortwahl für diese Menschen ist sogar noch härter, man könnte auch einfach mit „Verbrecher“ übersetzen.

Von dem Menschen an der Tür des Psalms wird zuerst nur in der Vergangenheitsform gesprochen, er hat sich schon freigemacht, ist nicht gefolgt und hat nicht gesessen. Er hat sich schon dem Spott der Menschen ausgesetzt, er hat schon beschlossen, nicht so weiter zu machen, wie die anderen.

Der Psalm lässt diesen Einzelnen nun nicht ohne Weltbezug. Er trägt sozusagen seine Welt schon in sich. „Er hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über sein Gesetz Tag und Nacht. Aus dieser „inneren“ Welt schöpft er seine Kraft, sie ist es, die ihm aufrechten Gang ermöglicht. Im hebräischen Text meint „sinnt“, eher etwas wie „rezitiert“ „murmelt“ ja „meditiert“. Er meditiert immerzu das Gesetz, die Tora – Gottes Wort vom Sinai. In der Meditation der Tora schafft sich der Mensch eine neue Welt.

Wenn wir die Entstehung des Psalms ins 2. oder 3.Jahrhundert vor Christus terminieren, so ist diese Art sich mit der Tora zu beschäftigen, genau die, in der viele jüdische Gruppen, die Chassidim (Treugebliebenen), die Pharisäer und auch die Leute von Qumran die Antwort auf die Frage suchen, wo denn der Gott Israels wirklich zu finden ist.

Die Tür, die Psalm 1 ist, sieht den Menschen der kommt. Mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er hat sich gelöst von der Welt, wie sie beschrieben ist, er sucht im Gesetz der Tora eine Antwort auf die Frage, wie eine wirklich der „Weisung des Herrn“ folgende Gemeinschaft lebt und der Psalm eröffnet diesem Menschen Zukunft.

Er wird zu einem Baum werden.

In der Symbolwelt des Psalters ist dies der Weltenbaum, der die ganze Welt umfasst.

Gott wird ihn pflanzen, der Baum wird Frucht bringen – zu seiner Zeit – und lebendig bleiben, selbst wenn der Regen fehlt.

Und vor allem, er wird bleiben, wenn die alte Welt schon lange wie Spreu vom Wind davon geweht ist. Nichts bleibt von ihr, wenn der Wind über die Tenne, auf der die Frucht aus den Getreidekörnern gedroschen wurde, hinweggezogen ist.

Der Mensch, der an die Tür des Psalms geklopft hat, bleibt – und er bekommt jetzt einen Namen. War er am Anfang noch namenlos – vielleicht auch als Zeichen seiner Einsamkeit – wer diese Welt verlässt, aus ihr herausfällt, hat für diese Welt keinen Namen mehr.

Jetzt hat er einen: der Gerechte.

Und er ist nicht mehr allein.

Er ist in der Gemeinde der Gerechten

Und in ihr tritt jetzt auch Gott in den Vordergrund – er kennt den Weg der Gerechten.

Dieses „kennen“ ist aber viel mehr als nur „Informationen über“ haben – es ist fast schon die Sprache der Liebe – unendlich verhalten, und geradezu zärtlich.

Die Gemeinde der Gerechten.

Wenn wir den Psalm ernst nehmen, dann ist Gemeinde der Ort, an dem die „neuen“ Welt, die der Einsame an der Tür erhofft, entsteht. Der Weg dahin ist alles andere als einfach. Er stürzt in die Einsamkeit, wenn man sich tatsächlich entscheidet, die Wirklichkeit dieser Welt hinter sich zu lassen, nicht mehr sagt, was alle sagen, an den ganzen kleinen und großen Schweinereien nicht mehr mitmachen will.

Und doch – denn wer anklopft, dem wird die Tür auch aufgetan

Und die Verheißung dessen, was kommt ist überschießend, phantastisch- einladend.

Gemeinde ist eine neue Welt, die aus der alten erwächst – immer dann, wenn es Menschen wagen – auch unter dem Risiko der Einsamkeit – aufzubrechen.

Und diese Einsamkeit ist nicht das gesellschaftszerstörerische Ideal größtmöglicher individueller Freiheit und Identität, sondern die, die zur wahren Wirklichkeit führt.

Sie bietet den Baum der an lebendigem Wasser gepflanzt ist.