Predigt zu Okuli · 15. März 2020 · Pfarrer Eike Thies

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Predigtreihe: Lebensweisheiten

Sprüche 12,27

Friede von Gott, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde, das öffentliche Leben findet bald kaum noch statt. Ab Dienstag werden auch in Berlin die Schulen und Kitas geschlossen. Den Kirchengemeinden wird geraten, alle Veranstaltungen abzusagen. Nach 2000 Jahren Kirchengeschichte fallen das erste Mal sogar großflächig Gottesdienste aus. Das Corona-Virus übtgerade mit uns den Ernstfall ein. Die Straßen sind meistens gespenstisch leer. Ganz zu schweigen von den Gemüseregalen. Ich bewundere, wie wenig die langfristige Sicherung unseres Wohlstands aktuell eine Rolle spielt. Die Verantwortlichen unseres Landes zeigen sich solidarisch mit den Schwächsten der Gesellschaft. Das höchste Gut ist nicht Reichtum, sondern die Gesundheit derer, die das Virus tatsächlich bedroht. Das sind statistisch gesehen die wenigsten.

Bis das öffentliche Leben wieder aufgenommen wird, bleiben wir zu Hause. Die Arbeit verschieben wir uns Home-Office. Ein bisschen Geduld wird uns abverlangt, um hoffentlich in wenigen Wochen sagen zu können: Soschlimm war es nicht.

Dann heißt es: Die Maßnahmen haben geholfen. Der volkswirtschaftliche Schaden wird mit Rücklagen ausgeglichen, Kredite werden gestundet, Geschäftskredite vergeben, damit die kleinen Betriebe nicht Bankrott gehen. Das sind die großen Waffen der Wirtschaft. Geld spielt keine Rolle, was zählt, ist Leben.In der Bibel fragt die Weisheit danach, was dem Leben dient. Sie hat ein hohes Ziel. Mit Sprache versucht sie die Wirklichkeit zu verändern. Sie tritt dazu meistens alsWeisheitsspruch auf. Sprüche sind eingängig. Sie müssen nicht erklärt werden. Einer der bekanntesten ist wohl der Spruch des Predigers: Alles hat seine Zeit.

Die Sprüche stellen den Frommen die Törichten gegenüber. Die Frommen, die auf Gott vertrauen, sind weise, die Törichten sind gottlos. Über einen solchen Spruch habe ich nachgedacht. Er ist ein bisschen sonderbar.

Lässigkeit erlegt kein Wild, kostbares Gut des Menschenist Fleiß.

Der Spruch ist fest verbunden mit einem anderen wenige Verse davor: Die Hand der Fleißigen erringt Herrschaft, die lässige Hand muss Frondienste leisten. Beides heißt: Ohne Fleiß, kein Preis. Der Fleißige, das ist gleichzeitig der kluge, weise und gerechte Mensch. Sein Preis ist Unabhängigkeit. Mit Luther gesprochen: Er ist Herr seiner selbst und niemandes Untertan. Der lässige Mensch dagegen ist dumm. (1 S. Spr 12,1b: wortwörtlich ein Rindvieh.) Sein Weg landet in der Abhängigkeit von anderen. Er ist sozusagen jedermanns Untertan. Unser Spruch wiederholt diesen Zusammenhang noch einmal in einer Jagdmetapher. Derfleißige ist der Jäger, der lässige Mensch wird selbst zur Beute.

Lässigkeit erlegt kein Wild, kostbares Gut des Menschen ist Fleiß.

In der Bibel ist König Salomo das Idealbild eines solchen Weisen. Salomo ist besonders fleißig. Sein 1 S. Spr 12,1b: wortwörtlich ein Rindvieh. Reich ist größer als jedes andere in seiner Nachbarschaft. Alle anderen Königinnen und Könige sind ihm verpflichtet. Sie müssen ihm schöne Geschenke bringen und ihn bewundern. (S. 1. Kön 5,1ff.) Salomo hat die meisten Soldaten, er baut den schönsten Tempel und er hat den größten Hunger. Zu jeder Mahlzeit verbraucht ersäckeweise feinstes Mehl, ganze Herden von Rindern und Schafen, die Gazellen und das gemästete Federvieh nicht mitgezählt. Salomo verspeist das nicht allein. Die anderen Könige sind ringsherum an seinen Tisch geladen. Denn wer isst, kann nicht kämpfen. Salomo hält Tischfrieden. Salomo ist ein Macher. Sein Preis dafür ist ein schönes Leben. Das lässt sich Salomo so einigen kosten.

Lässigkeit erlegt kein Wild, kostbares Gut des Menschenist Fleiß.

Was aber ist das Kostbare am Fleißigsein. Der Spruch fragt, wie die Lebensweisheit eine solidarische Gemeinschaft möglich macht. Insofern passt der Spruch gut in unsere Zeit. Er fragt diejenigen an, die etwas zu sagen haben. Die Macher. Die mit dem Sitzfleisch. Sie tragen die politische, soziale und religiöse Verantwortung. Angesprochen ist jeder Mensch, der begriffen hat, dass diese Verantwortung beijeder und jedem selbst beginnt und der erkennt, dass der Aufbau einer Solidargemeinschaft zwar mühsam, aber dennoch erstrebenswert ist. Der Spruch sagt, ein weiser Mensch lässt sich nicht so leicht aus dem Tritt bringen. Ein Weiser hat Sitzfleisch. Geduldig hat er sozusagen die Arschruhe weg, um sein Ziel zu erreichen.

Lässigkeit erlegt kein Wild, kostbares Gut des Menschenist Fleiß.

Schon früh wurde der biblischen Weisheit vorgeworfen, dass sie auf Lebensfragen zu optimistisch reagiere. Der Realität halten ihre Beobachtungen oft nicht stand. Dennder Pfad der Gerechten ist schmal. Salomo beispielsweise hatte 1000 Frauen und hat dabei sicher nur an sich selbst gedacht.Der Spruch geht deswegen kritisch mit der Weisheit um.Er zeichnet ein Ideal, dem er selbst nicht standhalten kann. Daraus macht er keinen Hehl. Er lädt ein, weise und klug zu sein und mahnt gleichzeitig die verdrehten gesellschaftlichen Verhältnisse an. Unser Spruch weiß, dass die wenigsten Herrscher Ihren Reichtum zum Wohlder Allgemeinheit einsetzen. Reichtum und Weisheit gehen selten Hand in Hand.

Stattdessen weiß der Spruch: Menschen verkehrter Lebensart haben Erfolg, es geht ihnen prächtig, siegenießen Ansehen in der Gesellschaft und bekleiden wichtige Ämter. Aufrechte Menschen, rechtschaffene und zuverlässige dagegen sind arm, werden ausgebeutet und unterdrückt, sind an den Rand der Gesellschaft gedrängt, werden diskriminiert und verachtet. Letztere sind vielleicht weise, aber sicher nicht reich.Lässigkeit erlegt kein Wild, kostbares Gut des Menschenist Fleiß.Wir hören diesen Spruch in der Passionszeit. Wir richtenunseren Blick auf Jesus. Jesus weiß, dass es für einen reichen Menschen ungleichschwieriger ist, Gott zu vertrauen, als für einen armen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein Reicher in das Reich Gottes kommt. Jesus fordert deshalb die auf, die ihm nachfolgen wollen, alles hinter sich zu lassen. Die Toten sollen die Toten begraben. Wer sich noch einmal umschaut, ist nicht gemacht für seine Sache. Wer zurückschaut, bleibt lieber gleich zu Hause. Das Risiko ist zu groß, dass er aufgibt. Er sagt, nur wer die Hand an den Pflug legt und nach vorne schaut, kann gerade Furchen ziehen. Seine Jünger*innen verstehen es nicht. Sie machen wieder Mal alles falsch. Jesus tritt selbst für seine Überzeugung ein. Mit seinem ganzen Leben und überlässt anderen das Urteil über sich.

Ich weiß nicht, wie wir morgen mit dem Corona-Virus umgehen. Ich weiß nur, wir werden alles falsch machen.Wir werden vergessen, unsere Hände zu desinfizieren. Wir werden das Papiertaschentuch doch ein zweites Malbenutzen als es gleich in den Müll zu werfen. Und wir werden die letzte Packung Nudeln einem anderen vor der Nase wegschnappen, der sie vielleicht viel nötiger gehabt hätte. Wir werden dabei auch noch mit dem Finger auf andere zeigen.

Was uns der heutige Spruch an Lebensweisheit auf den Weg geben kann, ist doch, dass das letzte Urteil über richtig und falsch letztlich nicht von uns gesprochen wird. Das spricht Gott allein.

Der heutige Sonntag richtet unsere Augen auf Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Mit Gott vor Augenspielt alles Leid keine Rolle mehr. Es wird abgelegt wie die Toten auf dem Rücksitz. Was vor uns liegt, das zähltallein. Gott hilft und lässt uns nicht allein. Er kommt unsentgegen. Nichts hält ihn auf seinem Platz. In seinem Himmel, in sicherer Entfernung zu den Menschen. Gott kennt keinen Fleiß und kein Desinfektionsmittel. Gott kennt nur Gnade. Amen.