Predigt · Reminiszere · 8. März 2020 · Pfarrerin Stefanie Sippel

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Sprüche 25,11

Liebe Gemeinde!

Es gibt Menschen, die immer im richtigen Moment einen guten Spruch auf den Lippen haben. Wenn es unordentlich ist, behaupten sie, dass nur das Genie das Chaos beherrscht. Und wenn sie es mit den Aktivitäten übertreiben und darüber nicht zur Nachtruhe kommen,sagen sie: ‚Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin.‘ Der Vorteil dieser Sprüche, die der andere schon häufig gehört hat, ist, dass man nicht viel erklären muss. Ein Satz reicht, und alle wissen, was gemeint ist. Die Verbreitung eines Spruches gibt dem Sachverhalt mehr Autorität.Wenn da draußen so viele andere sind, die auch nicht aufräumen wollen, dann bin ich wohl im Recht.
Auch in der Bibel gibt es so richtige Sprücheklopfer. Es gibt sogar ein ganzes Buch, in dem über viele Kapitel einzelne Aussprüche aneinandergereiht sind. Neben denganz bekannten wie ‚Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein‘, gibt es viele, die die meisten nie gehört haben. Hier verleiht nicht die Bekanntheit die Autorität, sondern die Tatsache, dass sie Eingang gefunden haben in die Schrift. Neben unzähligen Sprüchen, die sich abgrenzen gegenüber den Unfrommen und die uns deshalb heute nicht mehr vielsagen, gibt es einige Perlen. Einen Vers habe ich mir genauer angesehen: Ein zur rechten Zeit geredetes Wort ist wie ein goldenerApfel auf silbernen Schalen. Weiß behandschuhte Hände drücken die verschnörckelten Türgriffe herunter und öffnen synchron den rechten und den linken Türflügel. Herein treten Kellner, einer nach dem anderen, tragen sie in derrechten Hand und den Arm ausgestreckt vor ihrer Brust silberne Platten mit erlesenen Speisen. Canapés mitkunstvoll drapiertem, edlem Fleisch, duftendem Käseund exotischen Aufstrichen. Und dann, gerade noch rechtzeitig schlüpft der letzte Kellner herein. Aufseinem Tablett ein saftiger Braeburn, der voller Kraft strotzt. Das ist das Bild, das in meinem Kopf entstandenist. Was soll mit diesem Bild verdeutlicht werden?Es ist nicht so, dass vor 2700 Jahren ein Apfel noch mehr galt als heute. Diese biblischen Sprüche, die stammen aus der Zeit, in der es in Israel Könige gab. Es gab Geschirr aus Gold und Silber, und es gab auch schon Sterneköche. Äpfel waren ein verbreitetes Obst, das es in verschiedenen Sorten gab. Was hier gemeint ist, ist wahrscheinlich eher ein Granatapfel. Und sicher kein frischer, sondern ein aus Gold gefertigter Schmuck als Verzierung einer Schale. Das passende Wort ist also wirklich nur Zierde. Es ist Schmuck. Da ist keine Mahnung dabei. Kein Vergleich.Es gibt kein Bild für die verpasste Gelegenheit oder das überflüssige Gerede. Ist es verfaulte Frucht in einer Keramikschale? So hat es wohl auch Goethe empfunden, als er in Anlehnung an diesen Spruch dichtete: Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Dasselbe Bild zwar anders ausgelegt, aber eben auchmit dem Blick auf dessen Schönheit. Das Wort ist wertvoll. Dass der Apfelbaum eine Kulturpflanze ist, unterstreicht die Sehnsucht nach dem Wert des kultivierten Wortes. Hier geht es um mehr als um Schlagfertigkeit und Witz. Das Wort hat Wirkung wie eine Tat. Gedacht werden kann ursprünglich wohl an eine Situation im Gericht. EinRichterspruch kann Leben beeinflussen. Es passt aber auch zum persönlichen Leben. Jede erinnert sich an Aussprüche, die Weichenstellungen im Leben gewesen sind. Ein zur rechten Zeit geredetes Wort ist wie ein goldenerApfel auf silbernen Schalen. Der Spruch ähnelt dem Lieblingsspruch der Introvertierten: ‚Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!‘ Das ist übrigens ein Spruch aus der arabischen Kultur, der durch Herder vor gut 200 Jahren ins Deutsche übersetzt worden ist. Er ist aber anders und auch nicht einfach das Gegenteil. Das Reden ist nicht per se gut oder schlecht. Das stimmt auch, denn das Schweigen fällt nicht nur oft leichter, es kann auch tiefer verletzen als ein achtlos gesagtes Wort.Dieser Spruch fordert dazu auf, im richtigen Moment zureden. Ich ergänze: zu ermutigen, zu erklären, zu loben, anzuklagen, zu beschwichtigen, zu systematisieren, zu deuten. Wer auch immer was und zu wem sagt, es gibteinen Zeitpunkt dafür. Ein bisschen klingt das nach demPrediger, der sagt: schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit. Wozu dieser Spruch in der Fastenzeit? Was hat er mit Jesus zu tun?Die Weisheitsliteratur entsteht lange Zeit vor JesuGeburt. Sie denkt anders. Sie hält sich nicht so sehr an Gotteserscheinungen und das überlieferte Gotteswort alsan die Erfahrungen des praktischen Lebens, aus denen sie ordnende Schlüsse zieht. Deshalb kann sie dieses rein ästhetisch begründete Bild wählen. Das Reden soll kein Leben retten oder eine politische Revolution ermöglichen, sondern es soll schön und wertvoll sein. Inden Evangelien ist das anders. Dort führt das Wort zur Versöhnung mit Gott. Wer glaubt und bekennt, was gesagt ist von Gott, der nimmt daran teil. Ein zur rechten Zeit geredetes Wort ist wie ein goldenerApfel auf silbernen Schalen. Mich beschäftigt dieses: Jesus selbst hat viele Sprüche geklopft, die uns noch im Gedächtnis bleiben. ‚Eherkommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher insGottesreich.‘ Am Ende seines Lebens wurde er immer ruhiger. Er hat das harte Urteil des römischen Gerichts über sich ergehen lassen, ohne sich zu verteidigen. Er hat auch amKreuz überwiegend geschwiegen. Er hat darauf vertraut,dass es in Ordnung ist, jetzt zu gehen, weil seine Worte auf fruchtbaren Boden gefallen weiterwirken werden.Worte der Art, von denen Christ*innen glauben, dassder Geist sie ihnen im rechten Moment eingibt, wennsie denn empfänglich dafür sind. Jesus von Nazareth hat von sich behauptet, dass er von Gott in die Welt geschickt worden ist. Sein Auftrag war es, die Menschen für das Gottesreich zu begeistern. Um das zu schaffen, hat er Menschen besucht und in ihrer Sprache mit ihnen geredet wie ein Lehrer, und er hat Wunder vollbracht. Er hat das, wovon er gesprochen hat, selbst verkörpert. Deshalb sagt die Bibel auch, er selbst war das Wort des Vaters. Jesus war das Wort, dasnach sehr langer Zeit erwartet worden ist. Die Menschen wussten, dass ein großer Prophet wie er kommen würde. Nun war aus Gottes Sicht die Zeit reif, und Jesus wurde geboren. Seine Rede zur rechten Zeit besteht darin, dass er gehandelt hat. Oder vielmehr, dasser sich hat verwenden lassen für eine Handlung. Er hat sich töten lassen, damit sich dieses Wort Gottes erfüllt. Auf diese Weise können alle Menschen sehen, was es mit Gott auf sich hat. Das Wort Gottes kam deshalb zur rechten Zeit, weil die Menschen vorbereitet waren, es zu hören. Es ging darum, dass das gut platzierte Wort Jesus Christus zumindest von ausreichend Menschen verstanden werden konnte. Dieses Thema durchzieht die Evangelien. Jesus sagt etwas, und erstmal ist das schwerzu verstehen. Die Jünger tasten sich allmählich heran andas, was Jesus ihnen mit seinen wiederholten Leidensankündigungen vermitteln möchte.Jesus wird in der Bibel der neue Adam genannt. Damit soll erinnert werden daran, dass Adam und Eva etwas indie Welt gebracht haben, was Jesus wieder aus der Weltgeschafft hat. Die ersten Menschen haben einen Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen und haben sich so über die von Gott vorgesehenen Grenzen des Menschseins erhoben. Mit Gottes Grenzsetzung erfolgteeine Trennung von Gott, die den innigen Kontakt versagte. Erst durch den zweiten Baum, das Kreuz auf Golgatha, ist diese Trennung überwunden. Jesus, derVersöhner, wird zum reifen Apfel am Stamm des Baumes. Zu dem goldensten Apfel, der für alle aufgegessenen Äpfel steht. Am Ende wird Jesus selbst ganz der Apfel und ganz das rechte Wort zur rechtenZeit. Amen.