Predigt · Totensonntag · 23. November 2014 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Nov 26, 2014 in Predigten | No Comments

2.Petrus 3, 8 – 13

Liebe Schwestern und Brüder


Nun sind wir wieder angekommen an das Ende des Jahres.
Die Tage werden immer kürzer, die Nächte immer länger.


Mit der zunehmenden Dunkelheit wird uns bewusst, dass das Licht
uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.


Die Lebensjahre, die vor uns liegen, nehmen ab, Jahr um Jahr.
Und unsere Erdenjahre, die hinter uns liegen, türmen sich auf.


Und mit jedem Jahr wird uns klarer, dass wir auf ein Ziel zugehen,
das wir „Tod“ nennen.
Es bedeutet das Ende unseres irdischen Lebens.


Für manche bedeutet es den Eingang in das Nichts – das absolute
Ende,
für andere ist der Tod das Tor zu einer anderen Welt,
einer Lichtwelt, in der der Tod nicht mehr vor, sondern hinter einem
liegt.


Wir nennen es das Reich Gottes.


Ein Reich, in dem der Tod, das Böse, die Gegenkräfte Gottes besiegt
sind und das Leben den Sieg davon getragen hat.
Ein Reich, in dem der Mensch als Geschöpf Gottes wieder zu seinem
Ursprung und zu seiner eigentlichen Bestimmung gelangt ist, zu Gott.


Martin Buber, der jüdische Philosoph und Theologe, beschreibt das
so:
„Jedes werdende Menschenkind ruht, wie alles werdende Leben im
Schoß der großen Mutter: der ungeschieden vorgestaltigen Urwelt.
Von ihr auch löst es sich ins persönliche Leben, und nur noch in den
dunklen Stunden, da wir diesem (persönlichen Leben) entgleiten (das
widerfährt freilich auch dem Gesunden Nacht um Nacht) sind wir ihr
wieder nah.“ (Das dialogische Prinzip)


Diese ungeschieden vorgestaltige Urwelt,
in der wir im Schoß der großen Mutter geborgen sind,
nennen wir wohl auch das Reich Gottes.


Und die Sehnsucht danach ist in jeden Menschen eingeboren.


Die Sehnsucht nach einem Reich, in dem alles Trennende zwischen
dem Schöpfer und seinem Geschöpf aufgehoben und die Einheit
wieder hergestellt ist.


Ein Zustand, in dem die gestörte zerissene Beziehung zwischen dem
Schöpfer und seinem Geschöpf wieder geheilt ist.


Die Gottlosigkeit – die Trennung, das Umherirren, die Verlorenheit,
die Angst – die Heidenangst – ist nun überwunden –
Versöhnung findet statt –


das Mysterium der Verschmelzung – das Mysterium der Liebe –
ist geschehen – die Ganzheit ist wieder hergestellt –


Wir Christen setzen unsere Hoffnung auf das Versöhnungswerk Jesu
Christi, der die Beziehung zwischen uns und Gott wieder herstellt,
indem er uns im Gericht aufrichtet, uns frei spricht, uns heilt .


Liebe Schwestern und Brüder, seid Menschengedenken gibt es diese
Sehnsucht nach der Einheit mit Gott,
aber auch die Furcht davor, diese Einheit zu verfehlen,
von Gott abgewiesen zu werden, ins Nichts zu fallen.

Und es gibt die Furcht vor einem schrecklichen Ende des gesamten
Kosmos´.
Wir hörten gerade eben einen Text, in dem das Ende der Welt in
seinen ganzen apokalyptischen Ausmaßen geschildert wurde.


„Es wird aber des Herrn Tag kommen, wie ein Dieb: dann werden die
Himmel zergehen mit großem Krachen ; die Elemente aber werden
vor Hitze schmelzen , und die Erde und die Werke, die darauf sind,
werden ihr Urteil finden.“


Liebe Schwestern und Brüder, wir kennen solche
Weltuntergangszenarien durch die ganze Geschichte hindurch bis auf
den heutigen Tag.


„Apokalypse now“ „Amagedon“ , „Der Tag X“ und wie sie alle
heißen, die Filme, in denen die große Katastrophe kommt und ein
Retter – ein Messias – das Unheil abwendet und das Leben
weitergehen kann.


Die Furcht vor dem Weltuntergang, sie ist wohl tief im Menschen
verwurzelt.


Die Katastrophen um uns herum – sintflutartige
Überschwemmungen, sich ausbreitende Wüstengebiete, die atomare
Gefahr, Kriege, Hungersnöte, Epedemien wie Ebola –
alles Bilder, die sich tief in unser Bewusstsein eingraben und unsere
Urängste schüren.


Die Furcht vor diesem Chaos – die Aufhebung der
Schöpfungsordnung –
aber auch die Sehnsucht nach Erlösung von dem Bösen gemäß dem
Ruf „mach End oh Herr, mach End“ –


diese Furcht und diese Sehnsucht ringen beide in unserem Inneren.


Sekten in allen Religionen bedienen sich dieser Gefühle für ihren
Seelenfang und für die Zementierung ihrer Macht über Menschen.


Die Sehnsucht jedoch nach einem neuen Himmel und einer neuen
Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, erfüllt besonders die Menschen,
die unter Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg besonders zu leiden
haben.


„Dein Reich komme, dein Wille geschehe“, so beten die, denen es
hungert und dürstet nach Gerechtigkeit,
so beten die Armen, die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die
Friedensstifter,


so beten die, die sich nicht vor einem zornigen und strafenden Gott
fürchten,
sondern die sich geborgen fühlen von einer alles umgreifenden Liebe
inmitten dieser Welt,


so beten die, die sich furchtlos und freudig von dieser Liebe in
Bewegung setzen lassen und den Willen Gottes tun hier und jetzt.


Unser Gott, der Gott Jesu Christi, ist der Vatergott – der Muttergott –
der sich in Liebe um seine Welt dahin gibt und seine Kinder heilen
will.


Und so kann denn auch der Verfasser des 1. Johannisbriefes folgende
Sätze schreiben:
„Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und
Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir
Zuversicht haben am Tag des Gerichts…Furcht ist nicht in der Liebe,
sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht
rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet ist nicht vollkommen in der
Liebe.“
(1 Joh. 4,16-18)

Liebe Schwestern und Brüder, wer sich in dieser Liebe geborgen
weiß, der hat keine Angst vor dem Tod,
der hat aber auch keine Angst vor dem Leben.


Der Tag des Herrn, er kommt wie ein Dieb in der Nacht, niemand
weiß die Stunde.


Jeder und jede von uns kann es erfahren,
den Einbruch der Göttlichkeit hier in diese Welt – in unser Leben.


Und manchmal erleben wir diesen göttlichen Einbruch wie ein
gewaltiges Erbeben, wie ein reinigendes Feuer, das alle bösen und
lebenszerstörenden Strukturen vernichtet und Neues entstehen lässt –
nicht erst nach dem Tod, sondern durchaus mitten im Leben.


So kann aber auch der Tod in unser Leben einbrechen, wie ein
Erbeben, wie ein Feuer, das alles zu zerstören scheint,
wenn wir einen lieben Menschen verloren haben.


Aber in dem göttlichen Zeit- und Raumbegriff ist der Tod nur ein
Übergangsstadium von einer Welt in die andere –
von der alten in eine neue Welt, in der der Friede und die
Gerechtigkeit Gottes zu Hause sind.


In diesem Glauben geben wir uns und unsere Verstorbenen in die
Hände Gottes heute und in Ewigkeit. Amen.