Predigt · Totensonntag · 20. November 2016 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Offenbarung 21, 1 – 7

Liebe Schwestern und Brüder


Nun sind wir wieder angekommen an das Ende des Jahres.
Die Tage werden immer kürzer, die Nächte immer länger.


Mit der zunehmenden Dunkelheit wird uns bewusst,
dass das Licht uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.
Die Lebensjahre, die vor uns liegen, nehmen ab, Jahr um Jahr.
Und unsere Erdenjahre, die hinter uns liegen, türmen sich auf.


Und mit jedem Jahr wird uns klarer, dass wir auf ein Ziel zugehen,
und das ist der Tod.
Es bedeutet das Ende unseres irdischen Lebens.
Für manche bedeutet es den Eingang in das Nichts –
das absolute Ende.


Für andere ist der Tod das Tor zu einer anderen Welt,
einer Lichtwelt, in der der Tod nicht mehr vor,
sondern hinter einem liegt.


Wir Christen nennen es das Reich Gottes.


Ein Reich, in dem der Tod, das Böse, die Gegenkräfte Gottes besiegt
sind
und das Leben den Sieg davon getragen hat.


Ein Reich, in dem der Mensch als Geschöpf Gottes wieder zu seinem
Ursprung und zu seiner eigentlichen Bestimmung gelangt ist –
vereint zu sein mit Gott.


Ein Reich, in dem alles Trennende zwischen dem Schöpfer und
seinem Geschöpf aufgehoben und die Einheit wieder hergestellt ist.


Die gestörte zerrissene Beziehung zwischen dem Schöpfer und
seinem Geschöpf ist nun wieder geheilt.


Die Gottlosigkeit – die Trennung,
das Umherirren, die Verlorenheit,
die Angst – die Heidenangst – ist überwunden –
Versöhnung findet statt –


das Mysterium der Verschmelzung –
das Mysterium der Liebe –
ist geschehen – die Ganzheit ist wieder hergestellt.


„Und ich sah die heilige Stadt – das neue Jerusalem von Gott aus dem
Himmel herab kommen wie eine geschmückte Braut für ihren Mann“
so hörten wir es vorhin aus der Offenbarung des Johannes.


Es ist das Bild der heiligen Hochzeit zwischen dem Volk Israel und
Gott.


Der Seher Johannes, der diese Bilder aufschreibt, ist gefangen auf der
Insel Pathmos.
Es ist eine elende Strafgefangeneninsel, auf die der römische Kaiser
seine Kritiker und Widersacher verbannt hat.


Johannes, ein Zeuge der ersten christlichen Gemeinden im römischen
Reich,
leidet große Qualen – Hunger und Durst, Folter und Einsamkeit
zermürben ihn.


Aber es wird ihm ein großes Geschenk zuteil –
er sieht über das eigene Elend und über die Realität hinaus
eine wunderbare Zukunft.


Gott selbst wird Gericht halten über die Gewaltherrscher dieser Welt und er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,
in dem das Böse und alle Gewalt überwunden ist.


Und das himmlische Jerusalem –
Symbol für die Wohnstätte Gottes mit den erlösten Völkern dieser
Erde – wird ein Hort des Friedens, der Gerechtigkeit –
der Gegenwart Gottes sein.


„Siehe da die Hütte Gottes bei den Menschen“ so sieht es Johannes.


Ja, Gott wird mitten unter den Menschen wohnen –
nicht in einem Schloss oder in einem Hochsicherheitstrakt,
nicht hinter Mauern versteckt und von den Menschen abgeschirmt,
nein in einer Hütte mitten unter ihnen.


Ja nicht einmal einen Tempel wird es in dieser neuen Welt geben,
so sieht es Johannes, denn Gott selbst ist ihr Tempel. (V. 22)


In diesem himmlischen Jerusalem wird es keine Unterschiede mehr
zwischen den Konfessionen und Religionen geben,
die sich in ihren unterschiedlichen Gotteshäusern
mit ihren je eigenen Theologien und Dogmen von einander
abgrenzen,


nein – in diesem himmlischen Jerusalem wird es keine Synagogen,
Moscheen, Kirchen, Pagoden oder dergleichen mehr geben,
weil Gott selbst der Tempel, der geheiligte Ort ist,
in dem alle Völker vereint sind.


Liebe Schwestern und Brüder,
ich muss gestehen, dass mich diese Zukunftsvision stark anspricht.


Angesichts der gegenwärtigen Situation, die sich in
Gewaltausbrüchen, Kriegen, Wirtschaftskrisen,
Konflikten zwischen Nord und Süd – Arm und Reich,
religiösen Verhärtungen und rassistischen Übergriffen zeigt,


ist solch eine Zukunftsvision wie Balsam auf meine arme
verschreckte Seele.


Es gibt also doch eine Alternative – auch wenn die Realität so ganz
anders aussieht.


Gott hat einen anderen, einen guten Plan mit dieser Welt
und dazu hat er seine Propheten und Prophetinnen immer und überall
auf diese Erde geschickt, die davon erzählen sollen.


Wir Christen kennen sie gemeinsam mit den Juden aus der heiligen
Schrift des ersten Testamentes
und darüber hinaus haben wir noch das zweite Testament, das uns
von Jesus erzählt.


Andere Religionen haben andere Gottesmänner und Gottesfrauen.


Für den Propheten Johannes, der diese Zukunftsvisionen hatte,
waren diese überlebenswichtig.
Sie bewahrten ihn davor, depressiv, hoffnungslos, zynisch oder
lebensmüde zu werden.


Das Licht des himmlischen Jerusalems strahlte mitten hinein in seine
dunkle Welt.


Es gab ihm die Orientierung und den Boden unter den Füßen zurück.


Liebe Schwestern und Brüder, diesen Boden unter den Füßen, den
brauchen wir auch heute wieder.


Die Visionen von einer friedlichen, einer gerechten Welt können dann wie Medizin wirken auf die Wunden und Geschwüre dieser unserer
geschundenen Erde.


Sie geben uns die Kraft, über die Realität hinaus zu schauen,
sich nicht mit ihr zufrieden zu geben
und sie verändern zu können hin zum Guten.


Eine gänzlich heile Welt werden wir hier nicht mehr erleben.
Aber dafür gibt Gott uns das Versprechen,
dass wir diese betreten werden, wenn wir die Tore des Todes
durchschritten haben und in sein Reich eintreten.


In diesem Glauben geben wir uns und unsere Verstorbenen
in die Hände Gottes – heute und in Ewigkeit. Amen.