Predigt · Septuagesimae · 5. Februar 2012 · Pfarrerin Renate Kersten

Posted by on Feb 10, 2012 in Predigten | No Comments

Jeremia 9, 22 – 23f

So spricht GOTT: Wer weise ist, rühme sich nicht seiner
Weisheit, wer stark ist, rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich
ist, rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, klug zu
sein und mich zu kennen, dass ich GOTT bin, der
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn
solches gefällt mir, spricht GOTT.


Liebe Gemeinde,
diese beiden Verse aus dem Jeremiabuch lesen sich wie eine
Zusammenfassung des Evangeliums, das Frau Schill gelesen
hat. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – wir hören es
in jedem Jahr. Als ich es wieder las, dachte ich an den Spruch:
„Jesus hat das Reich Gottes angesagt. Gekommen ist – die
Kirche.“ Es ist sicher der bekannteste Spruch des katholischen
Theologen Alfred Loisy, der um die Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert wirkte. Jesus predigte das Reich Gottes –
gekommen ist: die Kirche. Meist fällt das Zitat in Kombination mit
einem Seufzer. Dabei hält es nur fest, dass es sich hier um zwei
Größen handelt. Sie hängen miteinander zusammen, haben viel
miteinander zu tun haben – und zwischen ihnen gibt es immer
Spannungen.


Das war schon zur Zeit Jesu nicht anders. Auch wenn es „die
Kirche“ als Wort noch nicht gab – die Spannung gab es schon.
Schon im Jüngerkreis gab es Konkurrenz, Selbstüberschätzung
und Stolz – und während sich in den Jüngergeschichten die
Betroffenen selbst zu wichtig nahmen, wurden sie später von
ihrer Umwelt in einer Weise wichtig genommen und zu Heiligen
stilisiert, die am Reich Gottes vorbei ging. Die einen wurden als
Heilige verehrt, während sich andere nicht trauten, von Gott zu
reden. Vielleicht waren sie auch zu bequem oder flohen vor der
Verantwortung, selbst Jüngerin und Jünger zu sein. War das
gemeint mit: Gekommen ist – die Kirche?
All das war doch auch schon vorher da, und all das gibt es in
jeder Religion, die Struktur unter den Menschen gewinnt. Stolz
und Vorurteil, Kleinlichkeit, Ungerechtigkeit, Bewunderung und
Verachtung. Und immer wieder Versuche, Rangordnungen zu
etablieren. Im Evangelium erzählt Jesus in einem Vergleich
davon, dass sich seine Nachfolger manchmal mit dem Reich
Gottes nicht zufrieden geben – ja, dass sie es gar nicht
bemerken.


Das Reich Gottes ist wie… – so begann Jesus oft. Das Reich
Gottes ist wie Arbeit bei der Weinlese. Wenn es soweit ist, muss
die Ernte eingebracht werden, sonst verdirbt alles. Die Arbeit
muss gemacht werden – jetzt. Das Reich Gottes ist Arbeit auf
den Punkt. Und es ist Arbeit für ein Fest. Lese, dann wird der
Wein gekeltert, vergoren und irgendwann getrunken. Reich
Gottes: harte Arbeit und ein Fest.


Doch zurück zum Anfang: Für die Arbeit in der Weinlese heuert
der Winzer Arbeiter an. Frühaufsteher und Langschläferinnen.
Hier ist von uns die Rede! Zum Reich Gottes kommt die
Gemeinde hinzu. Mitten im Reich Gottes – die Kirche. Es gibt zu tun. Alle, die sich bereit finden, werden angeheuert. Es gibt mehr
genug zu tun. Es entspricht unseren Erfahrungen dass es nie
genug sind, die anpacken. Gott allein weiß, ob alles, was wir als
Gemeinde tun, Arbeit im Reich Gottes ist. Aber doch – wer hätte
nicht schon Gottes Gegenwart erfahren unter der
Gemeindearbeit? Es gibt so viel zu tun. So viele Gottesdienste
zu gestalten, Musik einzuüben, mit Kindern und Erwachsenen
von Gottes Freundlichkeit zu reden, die Kirche warm und ihr
Dach dicht zu halten, und Gottes Anspruch auch laut und nach
draußen zu sagen, zum Beispiel, wenn es um Frieden und
Gerechtigkeit geht. Viel Arbeit, so viel, dass manche nach der
letzten Christvesper ganz müde unterm Baum saßen.
Das Reich Gottes ist offenbar nicht die reine Harmonie. Es ist
auch unter uns, wenn wir uns streiten.
Bei der Arbeit ergeben sich ganz selbstverständlich Hierarchien.
Wer schon länger dabei ist, hat einen Vorsprung vor den Neuen.
Wer geschickter ist, kommt besser an. Wer freundlich und
aufgeschlossen ist, wird schnell beliebt und bekommt vielleicht
die attraktiveren Arbeiten angeboten. Wer einen Talar trägt, wird
anders wahrgenommen als jemand in Anzug oder Kostüm. Wer
in Chor und Orchester die Noten schnell beherrscht, steht anders
da, als die, die lange brauchen. Wer nur mal reinschaut, sich
aber auf nichts festlegen mag, findet nicht immer Verständnis.
So ungefähr wie bei den Arbeitern im Weinberg. Die einen
tragen die Arbeit, wenn sie am belastendsten ist, andere
kommen später für ein paar Stündchen.
Am Ende des Tages gibt’s die Lohntüte. Und es gibt lange
Gesichter. Der Winzer zahlt nicht nach Leistung. Er zahlt nach
Bedarf. Es soll für jede Mitarbeiterin, jeden Mitarbeiter zum
Leben reichen. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Die
Frühaufsteher sind verärgert. Dabei wollten sie nicht, dass die
anderen weniger bekämen. Doch sie hätten gern einen kleinen
Bonus für sich. Ein bisschen mehr. In anderen Geschichten hieß
es: Einen Extraplatz. Beim Winzer, der für Gott steht. Eine kleine
Erhebung in den Heiligenstand. Einen lobenden Artikel in der
Kirchenzeitung. Eine Plakette an der Kirchenwand, eine Art
Schulterklopfen Gottes. Etwas, das bleibt. Es sind ganz ehrliche
Stellen, an denen einzelne Jünger Jesus fragen: Was
bekommen wir für den ganzen Einsatz? Wir sind von Anfang an
dabei, Gott weiß es! Wir hätten doch auch ein leichteres und
angepassteres Leben haben können!
Jesus war auf diesem Ohr seltsam taub. Hier und da wird
bemerkt, dass er jemanden lieb hatte. Auch hier sagt er zu
einem „Mein Freund“, und ich glaube, er meint das so, nicht in
dem Sinne, in dem wir „Freundchen!“ sagen, sondern ehrlich.
Aber die Leistung eines Jüngers lobte er nie besonders.
So bleibt es auch in dieser Geschichte. Wie mag es
weitergehen?
Werden die verschiedenen Arbeiterinnen und Arbeiter später, am
Ende der Lese, nicht nur am Ende dieses Tages, beieinander
sitzen und feiern und erzählen? Werden sie überhaupt dabei
bleiben, oder werden sie am nächsten Tag bei einem anderen
arbeiten? Oder werden sie sich mit der Zeit die Werte dieses
Herrn zu eigen machen?


Das Reich Gottes entzieht sich aller Machbarkeit. „Reich Gottes“
heißt ja nichts anderes als: Dort, wo Gott regiert. Gottes Reich ist
auf Mitmachen angewiesen. Doch es lässt sich nicht kapern. Aus
dem Reich Gottes wird nie eine Größe, in der Menschen
bestimmen. Manchmal entzieht es sich. Wir haben ein gutes Gespür dafür, ob in der Kirche Reich Gottes zu erleben ist, ob
es aufleuchtet oder ob sich Gemeinden davor verschließen.
Was wir Menschen nicht steuern können, mag uns flüchtig,
manchmal sogar unheimlich erscheinen. Der Heilige Geist
verunsichert, zerrt hier und da an uns, rüttelt uns auf. Reich
Gottes bleibt Gottes Reich. Wir arbeiten daran in je unserer Zeit
mit. Doch Gott rediert.
Die Unverfügbarkeit des Reiches Gottes zeigt sich erst auf den
zweiten Blick als Stärke. Was wir Menschen bauen, ist
veränderlich und wird nie ewig sein. Alles, worüber Menschen
verfügen, ist auf Zeit. Selbst das eigene Wissen, die eigene
Leistungsfähigkeit sowieso. Gott bleibt, und Gott bleibt sich treu.
Wir arbeiten hier und da mit – Gott selbst schafft Gerechtigkeit,
Recht und Erbarmen. Gerne auch durch uns, nur zu gern, und
durch alle Menschen, die sich einladen lassen. Doch Gott selbst
schafft Gerechtigkeit, Recht und Erbarmen. Auf ihn wird noch
Verlass sein, wenn wir unsere Arbeit getan haben, unser
irdisches Zelt abgebrochen ist, auch dann, wenn nachfolgende
Generationen sich nicht mehr an unsere Namen erinnern.
Gott, der Winzer, der uns beschäftigt, lässt uns mitarbeiten wie
eine gute Mutter ihre Kinder früher an der Hausarbeit beteiligte.
Alle werden gebraucht. Auch die, die erst spät aus dem Knick
kommen. Alle erhalten, was sie brauchen. Und – natürlich
streiten sie sich. Doch sie hofft und vertraut, dass wir am Ende
an einen Tisch finden und gemeinsam feiern.
Nirgends erfahren wir mehr von Gottes Reich als in solchen
Momenten.


So spricht der GOTT: Wer weise ist, rühme sich nicht seiner
Weisheit, wer stark ist, rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich
ist, rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, klug zu
sein und mich zu kennen, dass ich GOTT bin, die
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn
solches gefällt mir, spricht GOTT.
Amen.