Predigt · Reminiszere · 28. Februar 2021 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz

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Römer 5, 1 – 5

Liebe Schwestern und Brüder,
am Altar und am Rednerpult hängen nun wieder die Antependien in
der Farbe Lila.
Es ist Passionszeit – Leidenszeit.
Es sind die sieben Wochen vor Ostern.

In dieser Zeit erinnern wir uns an die Ereignisse, die dem Passahfest
in Jerusalem vor mehr als 2000 Jahren vorausgegangen sind. Die letzten Tage und Wochen, die Jesus sichtbar und leiblich auf dieser Erde gewandelt ist. Sein Tod war ein schrecklicher Tod, gewaltsam, unwürdig, ohne den Trost seiner Angehörigen und Liebsten. Die Hoffnungen, die seine Anhänger auf ihn gesetzt hatten, wurden brutal zerschlagen. Israel sollte er erlösen, und nicht nur Israel, sondern als Messias, als Gesandter Gottes, sollte er die ganze Welt erlösen. Und dann solch ein Ende – verhöhnt haben sie ihn, gefoltert, erniedrigt und bespuckt.

Wie konnte Gott nur so etwas zulassen?
Oder war er gar nicht der Messias, sollten sie auf einen anderen warten? Solche und ähnliche Fragen quälten die Jünger und Jüngerinnen Jesu.
Die einen wandten sich enttäuscht von ihm ab, die anderen – insbesondere die Frauen – hielten zu ihm.

Es war ihnen egal, ob er einen göttlichen Rang hatte oder nicht, sie standen bis zum Schluss unter seinem Kreuz, denn sie hatten einen Freund, einen Sohn, einen Geliebten, einen Weggefährten verloren, der ihnen ans Herz gewachsen war, den sie geachtet und geliebt hatten – sie hatten einen Mensch verloren, der das Leben mit ihnen geteilt hatte.

Über Jesus, den Zimmermannssohn aus Nazareth, hätte in der folgenden Geschichte kein Mensch mehr geredet, wenn nicht Ostern geschehen wäre,
das Fest der Auferstehung von den Toten. Das Grab war leer und Jesus erschien in den darauffolgenden 40 Tagen zahlreichen Menschen in halb leiblicher halb geistlicher Verfassung bis er dann 40 Tage nach Ostern am Himmelfahrtstag sich endgültig den menschlichen Blicken entzog.

Weitere 10 Tage später, zu Pfingsten, erfüllte die Stadt ein Wind,
ein göttlicher Atem, der all die belebte und erquickte, die sich ihm
verbunden fühlten. Seine Gegenwart war spürbar und sie verlieh Kraft und Stärke. Alle Zweifel waren wie weggeblasen – Jesus lebte, er war von den Toten auferstanden, er war gegenwärtig.

Er war der Sohn Gottes, in dem Gott selber Mensch geworden ist
und in fleischlicher Gestalt unter den Menschen wohnte. Der Sohn, der Freund, der Geliebte, der Weggefährte – es war Gott. Es stimmte, was die Frauen erzählten – Jesus ist von den Toten auferstanden, er lebt.

Und die größte Freude war:
Alle, die an ihn glauben, werden auch von den Toten auferstehen und
mit ihm in Ewigkeit leben – so jedenfalls hat er ihnen das erzählt.

Das war die Kernbotschaft seiner Kunde an die Menschen:
Habt keine Angst mehr vor dem Tod, habt keine Angst mehr vor einem strafenden zürnenden Gott, habt keine Angst mehr vor einem Gericht, das Euch zu ewiger Verdammnis verurteilen wird – die Liebe Gottes zu den Menschen ist stärker als der Tod, ist stärker als Hass und Zerstörung,
stärker als alles Zweifeln und Bangen, die Liebe Gottes umfängt euch im Leben und im Sterben, sie zieht euch hinüber in das ewige Leben.

Das, liebe Schwestern und Brüder, erkannten die Jünger und Jüngerinnen Jesu mit solch einer Klarheit, dass sie diese Botschaft weiter tragen mussten, sie in die Welt bringen mussten, damit alle Menschen von ihrer Angst befreit werden – ihrer Angst vor dem Tod und ihrer Angst vor einem zornigen Gott.

So ging es auch dem Apostel Paulus, der einige Jahre nach Ostern dem lebendigen Christus begegnet ist und der sein Leben völlig verändert hat.
Er schreibt an die Christen in Rom im 5. Kapitel seines Briefes:

Röm: 5,1-5

„Da wir nun gerecht geworden sind haben wir Frieden mit Gott
durch unseren Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den
Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen
uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der
Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber
lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist
ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist.“

„da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben haben wir
Frieden mit Gott…“


Liebe Schwestern und Brüder,
haben wir wirklich Frieden mit Gott?
Leben wir mit ihm und mit unserem Schicksal im Einverständnis?

Ich muss gestehen, dass mir das gerade in diesen Zeiten ziemlich
schwer fällt. Die Welt scheint aus den Angeln zu geraten, sie droht auseinander zu brechen – ökologisch, soziologisch, politisch.
Die Gräben zwischen den einzelnen Gruppierungen werden immer
tiefer, der Hass und die Zerstörungsgewalt nehmen zu, die Angst vor der Zukunft dringt in alle Lebensbereiche.

Woher soll ich die Kraft nehmen, optimistisch zu bleiben?
Wie könnte ich im Frieden mit Gott sein, der das alles zulässt?
Da bin ich dem alttestamentlichen Beter Hiob doch sehr nahe, der mit Gott ins Gericht geht und ihn anklagt, weil er all die Schicksalsschläge zulässt, die das Leben von Hiob zu zerschlagen drohen.

Jesus ist es wohl ähnlich wie Hiob gegangen, als er von den Soldaten geschlagen und gepeinigt wurde, am Kreuz verhöhnt und elend zu Grunde gegangen ist.

Gezweifelt hat er wohl auch an Gott, als er rief: Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen? Aber das Ostergeschehen hat das alles dann in ein völlig neues Licht getaucht.

Da hat Gott nicht von weit oben auf das Elend herunter geschaut, es zugelassen, geschweige denn angeordnet, nein, er war selbst in diesem Elend gefangen, hat den Schmerz und die Pein selbst erlitten war den Opfern ganz nahe, ja war selbst das Opfer, hat alle ihre Schmerzen gefühlt und die Angst erlitten und ist dann mit ihnen durch das Tor des Todes hindurch geschritten in die Herrlichkeit des Reiches Gottes.

Im Frieden mit Gott zu sein meint wohl hier, zu wissen, er ist da, seine Gegenwart stärkt und kräftigt mich, er weiß, wie es mir jetzt geht und er lässt mich nicht fallen, was auch geschieht.

Die Erlösung von all dem irdischen Elend ist versprochen, an Jesus hat er es uns gezeigt. Und so kann dann auch der Apostel Paulus ganz gelassen sagen: „wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber
Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die
Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen
Geist, der uns gegeben ist.“

Ja, Paulus weiß wovon er spricht. Er musste so manches erdulden: Gefängnis, Schiffbruch, Verrat, Hunger und Durst.

Aber er sucht in all den Leiden nicht den Grund in Gott.
Er fragt nicht danach, warum das Gott zulässt, oder vielleicht sogar
anordnet, er sieht darin nicht eine Strafe Gottes – nein, er sieht in all den Bedrängnissen den Weg eines Gläubigen, der durch solche Erfahrungen Gott immer näher kommt.

Er wird sozusagen dadurch veredelt und befähigt, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, den Ballast abzuwerfen und die wirklich lebensnotwendigen Dinge zu erwerben: Geduld, Bewährung, Hoffnung und Liebe.

Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt diese Verse in eine für mich
verständlichere Form, da heißt es:

Verse 3b-5:
„Denn wir wissen, dass große Not die Kraft zum Widerstand stärkt.
Die Widerstandskraft stärkt die Erfahrung, dass wir standhalten
können;
die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung.
Die Hoffnung führt nicht ins Leere, denn die Liebe Gottes ist in unsere Herzen gegossen durch die heilige Geistkraft, die uns
geschenkt ist.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns allen in dieser Passionszeit – in dieser Leidenszeit – die Stärkung unserer Widerstandskraft gegen alle lebenszerstörenden Strukturen, gegen allen Pessimismus, gegen Verbitterung und Gleichgültigkeit.

Möge Gott uns schützen vor allem Bösen und stärken zu allem Guten.
Amen.