Predigt · Quasimodogeniti · 19. April 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Apr 22, 2015 in Predigten | No Comments

Johannes 10, 11 – 16

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht kennen einige dieses Bild
von den Großeltern oder vom Flohmarkt:
Das Bild, das Christus als den guten Hirten zeigt. Mit sanftem
Gesichtsausdruck, schulterlangem leicht gewelltem Haar und
Heiligenschein.
Er hält einen Hirtenstab in der Hand und trägt auf dem anderen Arm
ein kleines Lämmchen.
Meist steht er an der Eingangstür zum Stall, die ganze Herde ist ihm
gefolgt, im Hintergrund tut sich weites Weideland mit Bäumen und
Büschen auf.
Die ganze Szene umspielt eine drohende Dämmerung,
doch bevor die Dunkelheit hereinbricht, bevor Diebe oder Wölfe über
die Herde herfallen können, führt Christus sie in den schützenden
Stall.
Ein Bild, das Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt –
ein Bild, das aber auch Unbehagen auslösen kann.


Es widerspricht der Vorstellung vom mündigen und
verantwortungsvollen Menschen,
der sein Leben selbst in die Hand nimmt, und den Herausforderungen
des Lebens gewachsen ist.


Wer sich selbst als erwachsen, frei und selbstständig fühlt,
mag einfach kein dummes Schaf sein, das gedankenlos dem Hirten
hinterher läuft oder sich mit der Herde treiben lässt.


Und außerdem hat man es doch oft genug gesehen, wohin es führen
kann, wenn man einem Führer hinterher läuft,
der sich als Hirte ausgibt und meint zu wissen, was für die Herde gut
ist.


Blinde Gefolgschaft hat insbesondere in unserem Land vor gar nicht
langer Zeit zu Verderben und Untergang geführt.


Und auch heute spielen sich wieder selbsternannte Führer als Hirten
und Hüter einer Gesellschaftsgruppe auf,
die entweder ethnisch oder religiös sich von anderen abgrenzen und
gegeneinander aufhetzen.


Und dann kommen noch die eigenen negativen Lebenserfahrungen
hinzu, wie Krankheit, Trennung, Arbeitslosigkeit oder andere
Schicksalsschläge, die den Glauben an einen guten Hirten kräftig in
Frage stellen.


Und doch, liebe Schwestern und Brüder,
wer hätte nicht diese Sehnsucht nach einem treusorgenden guten
Gott, der wie ein Hirte seine Herde vor allem Bösen bewahrt,
wie wir es in dem 23. Psalm gebetet haben?


Wer hat nicht diese Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der ich
mich geborgen und behütet fühle,
in die ich eintauchen kann ohne Furcht vor Seitenschlägen und
Widerhaken?
Eine Gemeinschaft, die mich einfach mitträgt, ohne zu fragen, was
ich bin oder was ich leiste?


Insbesondere wenn ich mich einsam und isoliert fühle,
wenn ich das Gefühl habe, nicht verstanden und abgelehnt zu sein,
dann ist das Bild von einer Herde, die Wärme und Schutz bietet,
sehr angenehm und erstrebenswert.


Das ist auch ein Grund, warum Menschen, die von Kindheit an um
Liebe und Zuwendung kämpfen mussten, solch eine Herde suchen.


Liebe Schwestern und Brüder,
auch unsere christlichen Gemeinden leben von dieser Sehnsucht des Menschen nach Gemeinschaft.


Von Anfang an waren sie der Ort, an dem sich Menschen versammelt
haben, die Zuwendung, Wärme, Zuspruch und Geborgenheit gesucht
haben.


Das Bild vom guten Hirten, dem man vertrauensvoll folgen kann,
wie es aus den Heiligen Schriften bekannt war,
bot da ein gutes Vorbild.


Und dabei wissen allerdings auch die Erzählungen aus diesen
heiligen Schriften von untreuen und egoistischen Hirten zu erzählen,
die nicht das Wohl der Herde, sondern nur ihr eigenes suchen.


Mit welch scharfen und gnadenlosen Worten schelten die Propheten
Jeremia oder Jesaja die falschen Propheten, die das Volk in die Irre
führen und es ins Verderben stürzen.


Auch Jesus warnt vor solchen Verführern und findet ebensolche
scharfen Worte gegen sie.


Aber woran können wir denn einen echten von einem falschen Hirten
unterscheiden?


Was sind die Kriterien für einen guten Hirten?


Wir finden in unserem Predigttext einen wichtigen Hinweis darauf.
Jesus sagt: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“


Hier wird nicht der Befehl gegeben, dass die Schafe ihr Leben für
den Hirten – den Führer – geben –
nein – hier ist es umgekehrt – der Hirte lässt sein Leben für die
Schafe.


Liebe Schwestern und Brüder,
wie oft lese ich auf alten Gedenksteinen für die Opfer des 1. oder 2.
Weltkrieges von dem Heldenmut der Gefallenen,
die ihr Leben gaben für die Kameraden, den Kaiser oder für Gott.


Welch ein Mensch hat das Recht, das Leben eines anderen Menschen
zu fordern für das Vaterland, den König, für eine Religion oder eine
Ideologie.


Kein Mensch hat dieses Recht.


Und kein Mensch hat das Recht, für Vaterland, Volk oder Gott das
Leben von Menschen anderer Völker oder Religionen zu zerstören.


Der gute Hirte befiehlt nicht, zu töten,
sondern er schützt seine Herde vor Angriffen und opfert sich dabei
selbst auf.
Das Recht auf Verteidigung und Schutz ist dabei durchaus legitim.


Liebe Schwestern und Brüder,
in unserem Völkerrecht werden sehr genau Angriffskriege von
Verteidigungskriegen unterschieden
und in unserer Verfassung ist ein Verteidigungskrieg gegen Angriffe
auf unser Land, unsere Demokratie und unsere Menschenrechte
gerechtfertigt.


In den neuen Konfliktherden, die auf der ganzen Welt zu beklagen
sind, ist es aber immer komplizierter zwischen Angriff und
Verteidigung zu unterscheiden.


Insbesondere die westlichen Industriestaaten sind direkt oder indirekt
in Kriege verwickelt, bei denen es weniger um Menschenrechte als
vielmehr um Machteinfluss, Energiequellen und Bodenschätze geht.

Spätestens bei solch einem Ausspruch, dass wir unsere Freiheit und
Demokratie am Hindukusch verteidigen, werde ich misstrauisch.


Wir müssen eben nach wie vor sehr genau hinschauen, wenn unsere
Gefolgschaft gefordert ist.


Aber nun wieder zurück zu unserem guten Hirten und seiner Herde.


Wenn Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte, ich kenne meine Schafe und
ich gebe ihnen das ewige Leben und sie werden nimmer mehr
umkommen und niemand wird sie aus meiner Hand reißen (Verse
27,28),
dann bedeutet das, dass diese seine Schafe nicht dem Tode,
sondern dem Leben geweiht sind.


Ein volles, reiches und erfülltes Leben verspricht er ihnen.


Ein Leben in einer Gemeinschaft, die einander trägt und bewahrt,
die Schwäche toleriert und Talente fördert,
die Einsamkeit und Isolation überwindet
und befähigt zum tatkräftigen Handeln und gegenseitiger Hilfe.


Liebe Schwestern und Brüder, das ist eine wunderbare Vision,
wir wissen allerdings auch, wie die Realität aussieht.


Unsere Gruppen und Kreise leben von dieser Vision
vom Kindergarten angefangen über die Jugendkreise, den
Friedenskreis, den Bibelkreis bis hin zu den Seniorenkreisen.


In all diesen Gruppen suchen wir Halt und Orientierung,
Gleichgesinnte mit denen wir reden können
und Gemeinschaft, die unsere Isolation aufheben.


Wir wissen aber auch, wie oft wir in diesen Gruppen an unsere
Grenzen stoßen, wie viele Sehnsüchte unerfüllt bleiben,
wie oft wir uns abgelehnt fühlen.


Wir sind und bleiben eben nur Menschen.


Das Hirtenamt, das ein jeder in seinem Umfeld zu leisten hat,
in der Familie, im Beruf, im Freundeskreis,
wird am Ende immer unvollkommen und brüchig bleiben.


Der einzige, der dieses Hirtenamt in aller Vollkommenheit ausüben
kann, ist eben nur Gott
und Jesus hat uns in seinem Leben und Sterben den Willen Gottes
vorgelebt.
Ihm dürfen wir uns anvertrauen im Leben wie im Sterben.


Auch wenn in diesem Leben für mich noch vieles unerfüllt,
fragmentarisch und offen bleibt,
so habe ich doch die Gewissheit, dass durch Ostern dieses irdische
Leben nur ein Teil meines Wesens ausmacht.


Es gibt eben auch noch ein Leben nach dem Tod.


Und die Worte des Beters aus dem 23. Psalm geben mir dann die
nötige Ruhe und Gelassenheit:
Gutes und Barmherzigkeit werden wir folgen mein Leben lang und
ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Amen.