Predigt · Ostermontag · 27. März 2016 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Matthäus 28, 1 – 10

Liebe Schwestern und Brüder,
„Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“
So lautet der alte Ostergruß seit 2000 Jahren.
Und alle Jahre wieder feiern wir Ostern, feiern wir Gottes Eingriff in
die Mechanismen unseres Lebens.
Jedes Jahr erleben wir, dass nach einem langen kalten Winter die
Tage wieder länger werden, die Sonne wieder wärmer scheint und die
Frühlingsblumen aus dem kalten harten Boden an die Oberfläche
gelangen.
Und je älter ich werde umso mehr erscheint mir das alles wie ein
großes Wunder.
Ist es selbstverständlich, dass sich die Erde jedes Jahr ein mal um die
Sonne dreht ,
ist es selbstverständlich, dass sich der Mond in seiner ganzen Pracht
uns immer wieder auf´s neue zu Ostern als Vollmond zeigt,
ist es selbstverständlich, dass wir hier in der Jahrhunderte alten
Kirche sitzen dürfen und die unglaubliche Botschaft von der
Überwindung des Todes hören?
Nein, nichts scheint mir selbstverständlich – alles ist Gnade und
Geschenk.
Und alles ist ein großer nicht enden wollender Hymnus auf den
Schöpfer dieses Universums
auf den Gott, der auch mir mein kleines bescheidenes Leben
geschenkt hat.


Doch so bescheiden und unwichtig dieses Leben auch sein mag,
es bedeutet alles für uns.
Es macht uns bewusst, dass wir Menschen sind,
es gibt uns die Möglichkeit, über uns hinaus zu wachsen und
Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur zu knüpfen,
es lässt uns Erfahrungen machen von Hass und Liebe, von Kälte und
Wärme, von Glück und Unglück, von Einsamkeit und Gemeinschaft.
Und bei alledem wissen wir auch, wie zerbrechlich dieses Leben ist,
wie schnell es dahin sein kann,
wie es vertan und zerstört sein kann.
Wie plötzlich es zu Ende sein kann und wie groß der Schmerz über
einen Verlust ist, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat.


Die Angst vor dem Verlust, die Angst vor dem Tod, sie nagt an uns
und kann die Freude über das Leben zerstören.


So etwa ging es wohl auch den Frauen, als sie nach dem schwarzen
Karfreitag am 3. Tage in aller Frühe zum Grabe gingen, um den
Leichnam vor dem all zu schnellen Zerfall einzubalsamieren.


Wir hörten vorhin den Bericht, wie ihn uns Lukas überliefert hat.


Hören wir nun den Bericht von Matthäus.
Matth. 28,1-10
……………
Liebe Schwestern und Brüder, auf dem Weg, in der Bewegung wird
es Ostern. Den Frauen passiert´s, weil sie nicht stehenbleiben und
erstarren.


Zwei Frauen machen sich auf, der Begegnung mit der Realität des
Todes standzuhalten.
Sie trauern. Sie versuchen mit dem Ende ihrer Hoffnungen fertig zu
werden ohne zu verdrängen.
Sie konfrontieren sich mit dem Grauen.
Und als die Erde erbebte, erbeben sie nicht weniger.
Und mitten in ihr Entsetzen tritt der Engel des Herrn vom Himmel
herab, wälzt den Stein weg und setzt sich darauf.


Die Soldaten, die vor der Grabhöhle Wache halten, werden starr vor
Schreck, als wären sie tot.

Nein, sie sind nicht tot, denn der Engel des Herrn ist kein Todesengel,
er ist ein Engel des Lebens.


Doch den Frauen fährt auch der Schreck in die Glieder
Aber im Unterschied zu den besinnungslosen Soldaten hören sie die
Stimme: Fürchtet euch nicht.


Und sie erleben: Ihr Trauerweg wandelt sich in einen Lebensweg.


Erdbeben, Blitz und ein offenes Grab – ungeheuerliche Bilder.


Was ist, wenn das Leben aus den Fugen gerät.
Was ist, wenn der Boden wankt, selbst der Stein seine Starre aufgibt
und rollt,
Erschütterungen bis ins Mark dringen?


Menschen, die solche Krisen durchstanden haben, berichten von einer
neuen Perspektive, berichten von Zuspruch, Trost und Halt.


Auch die Frauen erleben es: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, dass ihr
Jesus den Gekreuzigten sucht.“


Wie tröstlich zu wissen: der Engel des Herrn weiß um unser Suchen.
Er ist den Weg mit uns mitgegangen nach der verloren gegangenen
Hoffnung.
Er geht den Weg mit uns mit auf der Suche nach Liebe und Erfüllung.
Und da, wo wir es am wenigsten erwarten, wo das Ende des Weges
erreicht scheint, da greift er ein und bringt den Stein ins Rollen.


„Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Kommt her und seht, wo er
gelegen hat.“ –
Die zu Grabe getragene Hoffnung ist wieder auferstanden.
Sie wurde befreit aus den Fesseln des Leichentuches, sie liegt nicht
mehr auf dem Grund des Todes, sie ist wieder zum Leben erweckt
worden.
Seht – er liegt nicht mehr hier.


„Doch nun geht eilends nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen.“


Die Botschaft des Engels ist eindeutig: Bewegt euch wieder, löst euch
aus eurer Erstarrung, wendet euren Blick nun weg von dem Ort des
Grauens und geht zurück ins Leben. Dort werdet ihr ihn finden.


Galiläa – der Ort des Alltags, der Ort mit seinen Mühen und seinen
Sorgen, mit seiner Routine und seinen Gewohnheiten, der Ort der
täglichen Pflichten.
Dahin sollen sie wieder zurück. Dort hat alles angefangen, dort soll
es auch weiter gehen.


Die Frauen machen sich wieder auf den Weg.
Langsam, zaghaft mit zitternden Knien aber auch mit einer tiefen
beseeligenden Freude.
Und dann erleben sie ihn, sie spüren ihn, berühren ihn, hören seine
Stimme: „Fürchtet euch nicht. Verkündigt es meinen Brüdern.“


Und die Furcht ist dahin. Das Leben ist wiedergewonnen.


Liebe Schwestern und Brüder,
Ostern ist Auferstehung von den Toten.
Ostern ist die Hoffnung und der Glaube an ein Weiterleben nach dem
Tod.
Ostern ist der Glaube an das Eintreten in das Reich Gottes nach
diesem unseren irdischen Leben.
Ostern ist die Befreiung unserer Seele aus der Hülle unserer
materiellen Begrenztheit.


Aber das ist noch nicht alles.

Ostern ist der wiedergewonnene Glaube und das wiedergewonnene
Vertrauen in das Leben nach der Erfahrung von Tod und Zerstörung.


Ostern ist die wiederauferstandene Hoffnung auf Liebe und auf
Frieden nach der Erfahrung von Hass und Gewalt.


Ostern ist die Gewissheit eines Neuanfangs nach dem Erleben von
Scheitern und Versagen.


Ostern ist der Lebensbeistand schlechthin, denn in dem
Ostergeschehen erlebe ich, dass, wie tief ich auch falle,
ein Engel erscheint und sagt: „Fürchte dich nicht“


Und deshalb darf uns dieses Leben mit tiefer und dankbarer Freude
erfüllen,
deshalb müssen wir nicht den Mut verlieren, wenn Angst und Grauen
diese Welt überschatten,
deshalb dürfen wir weiter festhalten an dem Glauben der
Gewaltlosigkeit und der Liebe,
deshalb dürfen wir allen Hasstiraden und demagogischen Parolen
zum Trotz getrost unseren Weg weitergehen,
den Weg der Versöhnung miteinander und mit Gott.


Denn an Ostern hat uns Gott gezeigt, dass seine Liebe zu den
Menschen und zu seiner gesamten Kreatur nicht umzubringen ist.


Auch wenn sie getreten und gedemütigt wird, ans Kreuz geschlagen
und verhöhnt wird – er lässt sie immer wieder neu auferstehen.


In dieser Liebe dürfen wir uns geborgen fühlen im Leben wie im
Sterben.
Sie gebe uns Kraft und Zuversicht in Zeiten der Anfechtung und der
Zweifel.
Amen.