Predigt · Okuli · 23. März 2014 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Mrz 27, 2014 in Predigten | No Comments

1.Könige 19, 1 – 13a

Liebe Schwestern und Brüder,
für den heutigen Sonntag, den 3. Sonntag in der Passionszeit ist eine
der schönsten und ergreifendsten Geschichten des 1. Testamentes
vorgeschrieben.
Sie kommt aus dem 1. Buch der Könige im 19. Kapitel


Text lesen………………


„Es ist genug, so nimm nun Gott meine Seele; ich bin nicht besser als
meine Väter.“


Der große Prophet aus dem Volke Israel, der Gottesmann voll Kraft
und Schärfe, der Eiferer Adonajs, der Gottestreiter mit Schwert und
Feuer – Elia ist am Ende.
Und seine schreckliche Erkenntnis ist: Ich bin nicht besser als meine
Väter.


Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Geschichte geht eine Erzählung voraus, die ich zumindest
erwähnen muss, damit wir diese große Depression, die Elia
überfallen hat, verstehen.


Im alten Israel passiert es immer wieder, dass nicht nur der Gott
Israels verehrt und angebetet wird,
sondern auch die Götter der Kanaanäer, der Ägypter und der
umliegenden Völker.
So genießt Baal, der kanaanäische Fruchtbarkeitsgott eine große
Verehrung.


Der Jüdische König Ahab hat eine kanaanäische Prinzessin zur Frau
mit Namen Isebel, die eine große Verehrerin des Gottes Baal ist.
Am Hofe hat sie viele Baalspriester um sich geschart, die
verantwortlich für diesen Kult sind
und auch viele jüdische Männer und Frauen schließen sich diesem
Kult an und opfern dem Baal.


Der Gottesmann und Prophet Elia ist darüber mehr als erbost.
Er streitet für das 1. Gebot – Du sollst keine anderen Götter haben
neben mir.
Und für diesem Kampf gegen den Abfall Israels ruft Elia einen
Wettstreit zwischen den Baalspropheten und ihn aus.


Ein Stier wird auf einen Altar gelegt, der in Flammen aufgehen soll –
aber nicht mit der eigenen Hand angezündet, sondern von der Hand
Gottes, oder von Baal.


Nachdem die Baalspriester vergeblich Stunden um Stunden um Feuer
von Baal gerungen haben,
geht bei Elia der Stier sofort in Flammen auf, ohne dass er einen
Finger gerührt hat
und das Volk fällt vor ihm nieder.


Auf der Höhe seines Triumphes und im Zorn gegen seine Gegner läßt
er alle Baalspropheten zusammentreiben an den Bach Kischon
und metztelt sie alle ohne Ausnahme blutig nieder.


Isebel, die Königin, erfährt davon und sie lässt Elia ausrichten:
Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um
diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast.


Im Gegensatz zu Elia, der die Baalspropheten ohne Vorwarnung
niedergemetztelt hat, gibt Isebel ihm noch eine Chance.
Er bekommt einen Vorlauf von 24 Stunden.
Und Elia flieht – er flieht um sein Leben.


Der eben noch als großer Gottesmann gefeierte Prophet zittert nun um sein nacktes Leben.
Er flieht in die Wüste, lässt sogar seinen treuen Diener zurück
und will nichts als sterben.


Allein mit sich und mit Gott bricht alles über ihn zusammen.
Aller Hochmut, aller Stolz, aller Zorn über seine Gegner schrumpfen
zusammen in dem einen Satz:
Ich bin nicht besser als meine Väter.


Ja, er wollte besser sein, als sie alle.
er wollte sie alle übertrumpfen.


Sein Eifer für Gott sollte die Welt aber auch Gott überzeugen,
beseitigen wollte er alle Gottesverächter, so dass die Völker gar nicht
anders können als den einen Gott, den Gott Israels, zu fürchten und
zu ehren.


Doch nun stellt er fest: wer Zorn sät und Blut vergießt,
der erntet Hass und Verfolgung.


„Es ist genug, so nimm nun Gott meine Seele; ich bin nicht besser als
meine Väter.“


Elia fällt in eine tiefe Depression und will nur noch schlafen –
in den Tod hinein schlafen.


Doch da kommt von außen eine Berührung.
Ein Engel – ein Bote Gottes – rührt ihn an und spricht:
Steh auf und iss!
Ein Brot und ein Krug Wasser stehen da.
Elia isst und trinkt, doch die Kräfte sind noch nicht ausreichend.
Er schläft weiter.


Und ein zweites mal rührt ihn der Bote an: Steh auf und iss, denn du
hast einen weiten Weg vor dir.


Und Elia steht auf, isst und trinkt und durch die Kraft der Speise
gelangt er zum Berg Horeb – zum Gottesberg.


Es ist der Berg der Gottesoffenbarung, auch Sinai genannt.
Hier hat sich Gott dem Mose offenbart und ihm die Weisungen für
das Volk Israel übergeben.
Hier will sich Gott auch dem Elia zeigen.


Elia verkriecht sich in eine Höhle und hadert weiter mit seinem
Schicksal.


Und Gott sprach zu Elia: tritt hinaus aus der Höhle, ich werde an dir
vorübergehen.


Da kommt ein großer starker Wind, der die Berge zerreißt und die
Felsen zerbricht – Gott aber war nicht in dem Wind.


Nach dem Wind kam ein Erdbeben: aber Gott war nicht im Erdbeben.


Und nach dem Erbeben kam ein Feuer, aber Gott war nicht im Feuer.


Und nach dem Feuer kam „eine Stimme verschwebenden
Schweigens“ – so übersetzt es der jüdische Theologe Martin Buber.


Und in diese Stille hinein horcht Elia und er erfährt die Gegenwart
Gottes.


Nicht in den Naturgewalten, in denen Elia gewohnt ist Gott zu
suchen, im Dröhnen, Krachen und Zerstören –
Nein in der Stille findet er Gott.


Während er sich beim Sturm, Erdbeben und Feuer aus lauter Angst nur noch tiefer in seine Höhle zurückzieht und sich verkrümmt,


öffnet die „Stimme verschwebenden Schweigens“ seine Seele.


Die Angst weicht und Elia tritt vor die Höhle vor Gott.


Aber nur mit verhülltem Antlitz darf er sich vor Gott wagen,
ohne diese Schutzschicht, die ihn von Gott trennt, müßte er sterben.
Das Licht und die Schönheit Gottes kann kein menschliches Auge
aushalten –
es sei denn, er ist durch den Tod hindurch gegangen.


Aber Elia soll noch nicht sterben, er soll leben.


Und Gott fragt ihn: Was willst du hier?


Elia muß nun sein Leben neu buchstabieren,
die Frage steht für ihn: Was will ich hier?


Liebe Schwestern und Brüder,
eine wunderbare Geschichte.


Die großen Schweigeorden, die christlichen und jüdischen Mystiker
und Mystikerinnen fanden in dieser Geschichte den Grund,
in der Stille Gott zu suchen.


Die gängigen Gottesbilder, die Elia und auch uns prägen,
werden in dieser Geschichte radikal in Frage gestellt.


Nicht der feuerspeiende, felsenzerschmetternde und die Erde
zerspaltende Kraftgott tritt uns hier entgegen,
sondern die stille, im verschwebenden Schweigen
sich zeigende Stimme nimmt Raum im Herzen des Menschen und auf
dieser Erde.
Das ist schwer zu fassen, ja- es ist gar nicht zu fassen.


Wir Menschen möchten einen anderen Gott haben,
einen der durchgreifen kann, der die Bösen bestraft und die Guten
beschützt, der Ordnung schafft auf dieser Welt.


Aber ein Gott, der durch Zartheit, Stille, Sanftmut und
Barmherzigkeit in Liebe zur Menschheit sich dahin gibt –
ist ein nicht zu fassender Gott,


ihn kann man nur erfahren.


Und immer wieder zeigt er sich auf diese Weise,
immer wieder öffnet er so die Herzen von Menschen
und macht sie fähig zur Liebe.


In allen großen Weltreligionen – im Buddhismus, im Judentum, im
Christentum, im Islam, in den Naturreligionen –
überall gab und gibt es Menschen, die der göttlichen Gegenwart in
dieser Stille begegnen.


Und wir sollten nun nicht in den gleichen Fehler wie Elia verfallen,
mit Schwert und Blutvergießen und mit großem Geschrei um die
Wahrheit Gottes zu streiten –


das haben unsere Väter und Mütter auch getan – was machen wir da
besser?


Wir Christen sollten uns an Jesus orientieren, der sich auch dieser
Liebe hingegeben hat und dafür sogar mit dem Leben bezahlte.


Unzählige Männer und Frauen auf der ganzen Welt haben dafür mit
ihrem Leben bezahlt.

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir in der Passionszeit nun an das Leiden und Sterben Jesu
denken, dann werden wir zu dem Glauben gelangen,
dass all diese Opfer nicht umsonst waren,
dass all dieses Leiden um der Liebe willen aufgehoben ist bei Gott,
unabhängig davon, welchen Namen wir für Gott finden.


Das sei uns Trost und Orientierung in dieser lauten und schrillen
Welt.
Amen.