Predigt · Letzter Sonntag nach Epiphanias · 31. Januar 2021 · Pfarrer Michael Hufen

Posted by on Jan 31, 2021 in Predigten | No Comments

Matthäus 17, 1 – 9 ; 2. Petrus 1, 16 – 21

Liebe Gemeinde,

haben sie eine Person in der Bibel, die sie besonders beeindruckend finden? Ich meine nicht nur beeindruckend, weil das Handeln und Reden dieser Person so vorbildlich, großartig oder begeisternd ist –

ich meine beeindruckend im Sinne von menschlich anrührend, so, dass diese Person mich erreicht, ich mich vielleicht sogar wiedererkennen kann.

Für mich ist Petrus so eine Person. Petrus der Fischer vom See Genezareth, der sich Jesus anschließt und ihn als Erster als den „Christus“ bekennt, der aber auch versucht, Jesus vom Weg nach Jerusalem, vom Weg ins Leiden abzuhalten.

„Hebe dich hinweg von mir Satan“ ist Jesu Antwort darauf.

Petrus, der eifrig verkündet, nie von Jesu Seite zu weichen, komme, was da wolle; der dann aber doch dreimal leugnet, Jesus überhaupt zu kennen.

Petrus begabt, eifrig, vorlaut und doch so wankelmütig, vorsichtig, ja feige.

Petrus, der von Jesus die Zusage erhält, der Felsen zu sein, auf den Gott seine Gemeinde gründen wird, hat auch in der Erzählung über die Verklärung Jesu eine besondere Idee. Er möchte Hütten bauen.

Petrus, Jakobus und Johannes sehen Jesus „verklärt“ – umleuchtet, in göttliches Licht getaucht und sie sehen ihn im Gespräch mit Elias und Mose.

Und Petrus fragt, ob er Hütten für die drei bauen soll.

Auch hier ist mir Petrus nahe. Er möchte bauen, er möchte festhalten, er möchte in schwerer Zeit – gerade hat Jesus zum ersten Mal von seinem bevorstehenden Leiden und den Herausforderungen der Nachfolge gesprochen – Sicherheit schaffen.

Ein Hütte HABEN – als scheinbar sichern Ort? Oder: in der Nachfolge SEIN?

Festhalten – Momente kreieren, die Stimmungen aufnehmen, um sie festzuhalten. Symbole schaffen, die scheinbar alle Gedanken und Gefühle aufnehmen und so uns Menschen anrühren und anschlussfähig zu sein scheinen, jedoch letztlich geschichtsvergessen und damit auch zukunftsignorant sind.

An Symbolhandlungen festhalten – ODER im Vertrauen auf Gott, der sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören“, weitergehen und in der Zuversicht des Glaubens leben?

„Fürchtet euch nicht“ – das ist Jesu Antwort auf die Furcht der Jünger

Ein Satz, den ich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr oft gelesen und gehört habe ist: “Nichts wird so sein, wie es war.“

In diesem Satz schwingt viel Sorge mit. Sorge angesichts der Veränderungen durch Corona und ja auch Furcht vor dem, was kommt.

Nur – sind es denn wirklich Veränderungen, die erst mit und durch Corona ausgelöst werden oder ist der Wandel nicht schon lange da? Brauchen wir neue Antworten auf neue, grundsätzlich veränderte Herausforderungen? Oder ist es an der Zeit, dass wir uns an das erinnern und es für uns und die Welt erkennbar machen, worauf sich unsere Zuversicht gründet, was uns voran gehen lässt?

„Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Auf den sollt ihr hören!“

Im Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem 2.Petrusbrief, schreibt der Verfasser mit der Autorität des Petrus: „Umso fester haben wir das prophetische Wort und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

Wir tun gut daran.

Und es tut uns gut.

In den Beziehungsabbrüchen, die der Lockdown, die Grundrechtseinschränkungen und Hygieneverordnungen mit sich bringen, sehen wir, wie unter einer Lupe, wie mehr und mehr menschliche Beziehungen in der modernen Welt verschwinden. Ja wie sich die Vorstellungen, von dem was der Mensch ist, verändern.

Wie schon lange nicht mehr, haben wir tagtäglich mit Krankheit und Tod zu tun.

Entdecken wir dadurch Tod und Trauer neu? Lernen wir durch die Beschäftigung mit Sterben und Tod neu für unser Leben?

Der Tod der Menschen verschwindet hinter einer Zahl. Gestorben wird allzu oft einsam in den Heimen und Krankenhäusern und viel zu oft auch allein zu Hause. Beerdigungen müssen schnell passieren. Manchmal noch bevor die Angehörigen informiert werden und Zeit zum Abschied und zur Trauer haben. Jedes Einzelschicksal wird unter dem Siegel Corona zu einer Masse verbunden, die in der Monstrosität der ständig steigenden Zahl nur noch Platz für Angst lässt.

Fürchtet euch nicht!“

Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch!“

Nehmen wir doch diese Zusage als Ermutigung , dass wir in dieser Welt keine Fremden sein müssen.

Im 2. Petrusbrief heißt es: „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt. Als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.“

Es sind Lebens- und Glaubenserfahrungen von denen hier geschrieben ist. Erfahrungen, die die Menschen verändert haben, die ihre Sicht auf die Welt verändert haben, ja die dabei geholfen haben, die Angst vor der Welt zu überwinden und der Welt und unserer Stellung in ihr Sinn zu verleihen.

Diese Welt wird nicht besser, weil wir einfach nur da sind, sondern wir sind als Christen in dieser Welt, damit sie anders und hoffentlich besser wird.

Wir sind in dieser Welt, aber als durch Christus wahrhaft Befreite – ihr gegenüber.

Dies gilt es auch auszuhalten und mit Leben zu erfüllen. Ich persönlich halte es z.B. nicht für einen Ausdruck christlicher Freiheit, den assistierten Selbstmord in christlichen Krankenhäusern und Heimen einzuführen.

Für Christen ist kein Leben lebensunwert. Wenn ein Mensch sein Leben jedoch so einschätzt und es beenden möchte, so ist es Ausdruck christlicher Verantwortung und Seelsorge, diesem Menschen zu begleiten, ja zu versuchen ihn aufzufangen, nicht aber ihm zu helfen, sein Vorhaben in die Tat umzusetzten.

Und Petrus? Petrus will den „geöffneten“ Himmel, der sich über Jesus, über Elia und Mose auftat, festhalten.

Die Sehnsucht nach Leben, die Sehnsucht, dass sich der Himmel auch über uns auftue, kann man aber nicht festhalten.

Als der Hahn kräht ist er erschrocken, niedergeschlagen. Er erkennt sein Versagen und er sieht die Enttäuschung in Jesu Augen. Er ist bei denen, die sich nach der Kreuzigung Jesu voller Angst einschließen. Doch er lässt sich herausrufen und geht nach anfänglichem Zögern hinaus in die Welt, um von seinen Erfahrungen mit Jesus zu erzählen. Hinaus – damit die Welt Jesu Botschaft von Liebe und Barmherzigkeit erfährt.

Ob er dabei ein Lied auf den Lippen hatte, wissen wir nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass die Worte so klangen, wie wir sie gleich hören:

Ich will nur dir zu ehren leben, mein Heiland gib mir Kraft und Mut, dass es mein Herz recht eifrig tut. Stärke mich, deine Gnade würdiglich und mit Danken zu erheben.“

Amen

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus sei und bleibe bei uns, „bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt“, wie es im Petrusbrief heißt.