Predigt · Karfreitag · 25. März 2016 · Pfarrerin Heike Richter

Posted by on Mrz 27, 2016 in Predigten | No Comments

2.Korinther 5, 14 – 21

Liebe Gemeinde,
die Anschläge von Brüssel in dieser Woche treffen nicht nur die
Opfer und deren Angehörige. Dieses brutale Morden, dieses wahllose
Dahinmetzeln von Menschen macht Menschen nicht nur in der
westlichen Welt fassungslos. Menschen – und ich denke auch wir –
nehmen über Ländergrenzen hinweg Anteil an der Trauer der
Hinterbliebenen, Anteil an Schmerz, Ratlosigkeit und Verzweiflung.


Das Bild des kleinen syrischen Jungen – tot am Mittelmeerstrand
liegend, ertrunken auf der Flucht – dieses Bild, dass im letzten Jahr
um die Welt ging, erfüllte die Herzen vieler Menschen mit Entsetzen
über das sinnlose Sterben auf den gefährlichen Fluchtrouten, aber
auch über den Wahnsinn der furchtbaren Gewalt und Zerstörung, der
Menschen aus ihrer Heimat fliehen lässt.


Und ich beginne zu begreifen, was Paulus damit meinen könnte,
wenn er in unserem Predigttext an die Korinther Gemeinde schreibt:
„Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben.“ –
nämlich dann, wenn der Tod Einzelner am Lebensfundament einer
Gemeinschaft oder sogar aller rüttelt. Wo Menschen dies erleben,
können sie sich dem Schrecken dieses Todes nicht entziehen.

Ich lese uns den Predigtext, die bereits gehörte Epistel noch einmal in
der Fassung der Neuen Genfer Übersetzung:
„Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann
sind alle gestorben.
Und er“ Christus „ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben,
nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie
gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist.
Daher beurteilen wir jetzt niemand mehr nach rein menschlichen
Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun
wir das nicht mehr.
Vielmehr ´wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen! Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. Ja, in ´der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt,
sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns
hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu
verkünden.
Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf;
Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns ´zur Umkehr` ruft. Wir
bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott
euch anbietet!
Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht,
damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit
bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“

Gott segne sein Wort an uns.


„Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben.“ Mit
dem gewaltsamen Tod Jesu am Kreuz ist auch die Hoffnung derer
gestorben, die sich endlich Veränderung durch ihn erhofft hatten, die
ihm gefolgt waren, die ihm vertrauten. Die sich so sehnten nach der
Gerechtigkeit Gottes angesichts einer gnadenlosen Gewaltherrschaft
der Römer, angesichts von Elend und Not, die werden ergriffen vom
Entsetzen und dem Schrecken dieser furchtbaren Hinrichtung Jesu.
Und das war ja auch der Sinn dieser qualvollen Hinrichtungen: die
Hoffnung auf Veränderung, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit zu
töten, indem die Mächtigen dem Volk zeigten, was die erwartet, die
solche Hoffnungen schüren.


Doch Paulus schreibt nicht aus dieser Todesstarre derer, die das
Hinrichtungsgeschehen miterleben mussten. Er schreibt über Jesu
Tod aus der Perspektive des Ostermorgens. Er schreibt mit dem Wissen um Gottes Eingreifen, der auf den Tod Jesu mit Leben
antwortet. „Und er“ Christus „ist deshalb für alle gestorben, damit
die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der
für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist.“ Jesu Weg
ist der Weg in die Zukunft trotz aller Kreuze die immer wieder für
Menschen errichtet werden, trotz des sinnlosen Sterbens und der
Gewalt, des Hasses, des Elends und der Not in dieser Welt.


Die Hingabe an den Dienst der Gerechtigkeit Gottes wird trotz
alledem ins Leben führen. In dieser Hingabe sieht Paulus die innerste
Berufung derer, die in Jesus den Christus, den Auferstandenen
bekennen. Es ist für ihn so etwas wie die Verpflichtung des
Karfreitags, das Versöhnungshandeln Gottes in die Welt zu tragen,
weil Gott sich am Kreuz mit uns Menschen versöhnt hat. Auch wenn
niemand sich dem grauenhaften Tun der Mächtigen entgegengestellt
hat, traut Gott denen, die Gott im Auferstandenen glauben, zu, das
Rechte zu tun – das zu tun, was der Gerechtigkeit dient. Trotz des
Karfreitags glaubt Gott an uns! – hält Gott uns für fähig, seine
Versöhnung hinaus in die Welt zu tragen, hält Gott uns für fähig, als
Leib Christi das Werk des Gekreuzigten weiterzuführen. „Ja, in ´der
Person vonChristus hat Gott die Welt mit sich versöhnt,“ schreibt Paulus „sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu verkünden.“

Versöhnung soll uns gelingen! Oder: Versöhnung soll uns gelingen? Zuversicht oder Zweifel? Paulus möchte uns die Zuversicht nähren, weil er im Kreuz Christi das Scheitern des Todes erkennt - das Scheitern des Todes, der dem Leben letztendlich weichen muss. Doch angesichts der Gewalt, die in so vielfältiger Weise in unserer Gegenwart präsent ist begleitet von Unrecht und Not, merke ich, wie Zweifel immer wieder an mir nagen - wie Schatten des Todes, die der Liebe und dem Leben die Kraft nehmen wollen. Und sicherlich teilen sie auch mit mir die Erfahrung, wie schwer es schon manchmal ist, sich im engsten Kreise gegenseitig gerecht zu werden oder wie schwer es sein kann, nach einem misslungenen Miteinander aufeinander zuzugehen, einen neuen Anfang zu wagen usw.. Karfreitagsgedanken, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie dem Tod oder dem Leben trauen und die durchaus dazu geeignet sind, dass wir uns in der Resignation einrichten, weil der Tod in seinen Facetten so mächtig ist.

Und dennoch, Karfreitag bekommt seine Kraft von Ostern her, weil Gott sich mit Jesu Auferstehung mit uns Menschen versöhnt, uns sich zu Freunden macht, uns gerecht wird. „Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns ´zur Umkehr ruft.“ schreibt Paulus. Denn wenn
jemand zu Christus gehört, ist er, ist sie eine neue Schöpfung – eine
neue Schöpfung, weil wir beschenkt sind, mit der Hoffnung auf
Leben, das stärker ist als der Tod, weil wir begabt sind zur Umkehr
und zur Versöhnung, weil wir begabt sind zur Gerechtigkeit Gottes.
Gott glaubt an uns! Deshalb kann uns Versöhnung gelingen, können
wir Gottes Gerechtigkeit in diese Welt tragen.


Der Blick auf Jesu Kreuz schütz dabei vor überschwänglicher
Euphorie, weil der Tod sehr widerständig ist und den Weg der
Gerechtigkeit und Versöhnung sehr steinig machen kann. Doch wie
sähe die Alternative dazu aus? Wir kennen sie längst – wenn Hass
mit Hass beantwortet wird, Gewalt mit Gewalt, auf Abschreckung
statt auf Verständigung gesetzt wird und das Recht des Stärkeren gilt!
Ist unsere Welt nicht deshalb, so wie derzeit ist und leidet Mensch
und Kreatur? – nicht anders, als zu Jesu Zeiten. Gerade in einer Zeit,
in der die Welt auch für uns so spürbar aus den Fugen zu geraten
scheint, haben wir versöhnendes Handeln nötiger denn je.


Gott glaubt trotz Karfreitag an uns! Deshalb lasst uns durch Paulus
ermutigen: „Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht,
damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit
bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ Uns und dieser
Welt zum Heil. Amen