Predigt · Karfreitag · 22. April 2011 · Pfarrer i.R. Werner Krätschell

Posted by on Apr 25, 2011 in Predigten | No Comments

Lukas 23, 33 – 49

Liebe Gemeinde,

die Passions-, die Leidenszeit hat in diesem Jahr die Bedeutung des Leidens
auf einen fast vergessenen Bereich gelenkt: auf das Leiden der Schöpfung. Der Beginn der Passionszeit fiel ja zusammen mit den schrecklichen Bildern und Nachrichten aus Japan. Seit jenem 10. März verschlagen uns die Nachrichten die Sprache und die Bilder den Atem. Wehe allen Verharmlosern und Schönrednern, die uns diese Betroffenheit möglichst schnell wegnehmen wollen und damit bewusst oder unwissend ganz bestimmte Interessen unterstützen. Diese Leute rechnen im wahrsten Sinn des Wortes mit der Vergesslichkeit und mit der Unwissenheit der Menschen. Auch bei uns werden die Schöpfungssensiblen schon
wieder als „hysterisch“ abgestempelt.

Unter den vielen Bildern aus Japan gab es eine Sequenz, die mich in besonderer Weise nachdenklich gemacht hat. In blauen Arbeiteranzügen verneigen sich eine Reihe von Managern des Atomkonzerns Tepco und bitten immer neu um Entschuldigung. Gewiss, diese Bitten richten sich an die Opfer der Atomkatastrophe von Fukushima. Gewiss, sie wurzeln in
den uralten, rituell geprägten, auch religiösen Formen in Japan.
Aber für mich äußert sich in diesem wiederholten Verneigen als Ausdruck des Schuldhaften bildstark und heimlich viel mehr: die Schuld der Menschen dieser Erde gegenüber der Schöpfung und gegenüber ihrem Schöpfer. Für mich steckt in diesem wiederholten Verbeugen eine Art menschheitliches Eingestehen, was wir aus dieser Erde und mit dieser
Erde als ihre Ausbeuter gemacht haben. In diesem Verbeugen äußert sich für mich auch das Eingeständnis, was wir im Hinblick auf künftige Generationen nicht gemacht haben.
Und dann höre ich aus unserem Predigttext, aus dem Kreuzigungsdrama, die Stimme Jesu vom Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Natürlich, zuerst ist dieses Wort Jesu zu beziehen auf die Borniertheit all der Menschentypen um das Kreuz Jesu – bis auf zwei Persönlichkeiten: den Verbrecher zur Rechten und den römischen Hauptmann. Die anderen wollen nicht wissen, nicht glauben, nicht wahr haben, dass sie an diesem Kreuz Gottes Sohn, nein, Gott selbst töten.
Lasst uns Jesu Bitte um Vergebung beim Vater so weit, so Zeit übergreifend verstehen, dass, alle menschliche Schuld, auch die gegenüber der Schöpfung, von dieser Bitte Jesu umschlossen wird. Selbst wenn die Welt durch der Menschen Tun oder durch der Menschen Nicht-Tun wie bei der Sintflut unterginge, selbst dann hätten die Menschen, hätten auch wir,
hättest auch du in diesem Jesus den Fürsprecher, der bei Gott aus einem Sünder einen Begnadeten, aus einem Toten einen neu Lebenden machen will und machen kann. Diese Vollmacht schwingt im anderen Satz Jesu am Kreuz mit: „Heute noch wirst du, der ahnend wissende Verbrecher, mit mir im Paradiese sein.“
Wir hörten als Predigttext den Lukas-Bericht von der Kreuzigung Jesu. Unsere Frömmigkeit und theologische Tradition hat sich seit Jahrhunderten festgemacht an dem ewig sündigen Menschen in diesem Bericht, festgemacht an der Erlösungsbedürftigkeit aller Menschen, vor
allem der Erlösungsbedürftigkeit von mir Einzelnem. Dieser Mensch wird in all seinen Facetten des Bösen von Lukas unter dem Kreuz geschildert: voller Hohn, voller Spott, voller Gemeinheit.


In dieser, unserer Tradition ist völlig vernachlässigt, was am Ende der Kreuzigungsgeschichte von Lukas berichtet wird, dass nämlich die Schöpfung, die Natur am Tod des Gottessohnes Teil nimmt, ja, „die ganze Erde“, wie es in Vers 44 heißt. „Es war etwa um die sechste Stunde
(also mittags), als eine Finsternis über die ganze Erde hereinbrach. Sie (diese Sonnenfinsternis) dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich.“ Will sagen: der Tod dieses Menschen hat kosmische Auswirkungen. Die Schöpfung selbst braucht, wie der Mensch, Erlösung, Befreiung, Rettung durch Gott. Es ist, als trauerten Sonne und Erde
mit mit dieser Gestalt am Kreuz, die ja nach christlichem Bekenntnis wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Es ist so, als erhoffe sich die Schöpfung aus diesem Sterben Erlösung und Rettung.
Liebe Gemeinde, sehr abrupt folgt bei Lukas der folgende Satz: „Und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.“ Wenn etwas zerreißt, so ist dieses Etwas zu Ende. Zu Ende ist im Tempel das Opfern, das ewige, ständige Gnädig-Stimmen-Wollen Gottes. Schluss damit!
Gott selbst hängt da am Kreuz und hat sich selbst für die Menschheit geopfert. Von jetzt ab kann und muss die Energie des frommen Menschen umgeleitet werden: weg vom Gnädig- Stimmen-Wollen, vom Opfern, hin zu einer ganz neuen Mitverantwortung für Gottes Schöpfung, für diese Erde, für menschen-, und zukunftswürdige Bedingungen in der Welt.
Das ist eine Art Mitarbeit an Gottes Schwerstarbeit, um diese Welt noch zu retten. Er, Gott, hat diesen Kosmos, diese Welt und sogar uns unkluge Menschen so sehr geliebt, er hat sie bis heute so sehr geliebt, dass er sie seit dieser Kreuzigung retten will – bis heute.
Dietrich Bonhoeffer war ein Mensch, der von diesem Gedanken der Mitarbeit an Gottes Seite bis zum letzten Atemzug erfüllt war. Aber er hat immer auch in sich bewahrt und gepflegt das Wissen und die tief fromme Haltung, dass ich plötzlich diese Mitarbeit beenden kann und
muss, um mich erlöst und voller Hoffnung in Gottes Hände zu legen.
So endet auch das Kreuzigungsdrama. Jesus rief laut, wörtlich: mit lautem Ruf rufend: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Welch’ großes und hilfreiches Wort für alle Sterbesituationen, auch bei uns, auch bei mir: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“! Amen