Predigt · Estomihi · 15. Februar 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Markus 8, 31 – 38

„Und Petrus nahm Jesus beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber
wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach:
Geh weg von mir Satan! Denn Du meinst nicht, was göttlich, sondern
was menschlich ist.“


Liebe Schwestern und Brüder, so hörten wir es vorhin in der Lesung
aus dem Markusevangelium.


Es ist eine harte eine schroffe Zurechtweisung, die Petrus da erfährt.
Er, der doch einige Zeilen davor das entscheidende Bekenntnis
gemacht hat, dass Jesus der erhoffte und sehnlichst erwartete Messias
ist.


Hier wird er als Satan beschimpft, der sich von Jesus entfernen soll.


Ja, liebe Schwestern und Brüder, hier geht es um die alles
entscheidende Frage nach dem Auftrag und dem Erscheinungsbild
des Messias.


An dieser Frage hat sich das Judentum und das Christentum
gespalten,
an dieser Frage gibt es Spaltungen innerhalb des Christentums
während seines 2000-jährigen Bestehens
und sie gibt bis auf den heutigen Tag Grund zu Diskussionen und
Streitigkeiten.


Es ist die Frage nach dem Kreuz und seiner Deutung.


In dem Text erzählt uns Markus, wie Jesus seine Jünger und
Jüngerinnen auf das schreckliche Ereignis der Kreuzigung
vorbereitet.
Er befindet sich mit ihnen auf dem Weg nach Jerusalem, in dem er
das Passahfest mit ihnen feiern möchte.
Doch er ahnt auch, dass er sich mit jedem Schritt auf diese Stadt
einem schrecklichen Ereignis nähert.


Die Zeichen um ihn herum deuten alle auf Eskalation.


Das Volk feiert ihn als den erhofften Erlöser aus der römischen
Knechtschaft
und Befreier aus der religiösen Bevormundung des jüdischen Klerus.


Die israelische Elite fürchtet ihn als einen Aufrührer und Umstürzler,
der den so mühsam geschaffenen status quo mit der römischen Macht
gefährden könnte
und das religiöse Gebäude, das Halt und Sicherheit bietet,
zum Einstürzen bringt.


Wird sich Jesus als der starke Gottesmann erweisen, der mit Kraft
und göttlicher Autorität die Mauern zum Einstürzen bringt, die
Mächtigen stürzt und die Elenden aufrichtet?


So jedenfalls wird es zumindest Petrus gehofft haben
und nicht nur er, sondern viele andere aus seiner Umgebung und aus
der Bevölkerung.


„Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden
und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und
Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen
auferstehen.“


Jesus bereitet seine Jünger und Jüngerinnen auf das schreckliche
Ereignis vor, das sie in Jerusalem erwartet.

Er will sich ihnen verständlich machen und sie nicht schutzlos
diesem Geschehen ausliefern.


Doch da trifft er bei Petrus auf völliges Unverständnis.


Petrus zieht ihn zur Seite und beschimpft ihn.


Und ich stelle mir vor, was da alles aus ihm heraus donnert:


Wie kannst Du so etwas sagen?
Du bist doch der Gottesmann, der Messias, eben habe ich es in aller
Offenheit bekannt.
Niemand darf es wagen, Dich zu beleidigen, zu beschimpfen, ja zu
töten.
Und schon gar nicht die Priester und Schriftgelehrten, die doch die
Heilige Schrift nur zum eigenen Vorteil auslegen.
Du wirst jetzt in Jerusalem das Gottesreich ausrufen, du wirst König
von Israel sein, das Volk wartet darauf, alle werden sie dir dienen.


Die Empörung von Petrus ist mit Sicherheit echt und heftig.


Und da kommt die harte Abfuhr von Jesus: „Geh von mir Satan, denn
du meinst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist.“


„Weiche von mir Satan“ – diese Worte sind uns bekannt aus der
Versuchungsgeschichte, in der Jesus in der Wüste mit dem Satan
kämpft.


Der Satan zeigt ihm alle Reiche der Welt und bietet ihm die
Herrschaft über sie an, wenn Jesus ihn anbetet.


„Weiche von mir Satan“ so weist Jesus ihn zurück.
Nein, er will nicht die Macht über die Welt, er will nicht Reichtum,
nicht Geld und Güter dieser Welt –
er will nicht der König dieser Welt sein –


er will der König der Liebe sein, der König der menschlichen Herzen
und ihrer Seele.


Wir hörten vorhin den wunderbaren Text aus dem Korintherbrief:
Das Hohe Lied der Liebe. In ihm wird die Liebe über alles gestellt,
sogar über den Glauben und die Hoffnung.


Gott ist die Liebe, sie ist der Beginn und die Ermöglichung allen
Lebens.


„Geh von mir, Satan, denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was
menschlich ist.“


Liebe Schwestern und Brüder, die Auseinandersetzung zwischen
Petrus und Jesus spiegelt wohl genau den Konflikt wieder, in dem
sich jeder und jede von uns nicht nur einmal im Leben befindet.


Das Leben fordert von uns oft genug Entscheidungen ab, die in die
eine oder andere Richtung führen.


Da sind Entscheidungen zu treffen über den beruflichen Fortgang,
da sind Entscheidungen zu treffen über den Weg unserer Kinder,
da werde ich gefragt nach meiner Meinung in gesellschaftlichen und
politischen Konflikten von den Kollegen oder am Biertisch.


Wir müssen mit unseren Entscheidungen leben und wenn es gut läuft,
dann halten wir hin und wieder einmal inne und überprüfen sie –


wo bin ich nicht dem Gesetz der Liebe, sondern dem menschlichen
Gesetz gefolgt?


Wo habe ich an meiner Seele Schaden genommen und wie kann diese wieder geheilt werden?


Auf dem Weg nach Jerusalem bereitet Jesus seine Anhänger auf ein
Ereignis vor, das sie auf das tiefste und heftigste treffen wird –
der schmachvolle Tod am Kreuz.


Wir lesen diese Geschichte von hinten – wir kennen den Ausgang,
wir wissen um die Verzweiflung Jesu am Kreuz
aber auch um seine Auferstehung von den Toten.


Das wussten seine Jünger damals noch nicht.
Für sie war die Kreuzigung das Ende aller Hoffnungen,
das Ende eines Traums von Frieden und Gerechtigkeit.


An der Kreuzigung haben sich dann auch schon damals die Geister
geschieden.


Die einen wandten sich von der Jesusbewegung ab –
für sie war Jesus einer von den vielen Hoffnungen, die sich wieder
einmal nicht eingelöst hatten.
Hoffnungslosigkeit und Scham über ihre Leichtgläubigkeit machten
sich breit.


Für die anderen war das Ostergeschehen das Ereignis, das ihnen
zeigte, dass Jesus eben nicht am Kreuz geendet ist.


Er war lebendig – Gott hat ihn nicht verlassen, er ist mit ihm durch
den Kreuzestod hindurchgegangen in ein Leben, das nicht mehr
zerstört werden kann.


Die Kraft aus diesem Glauben nimmt bis heute die
Befreiungstheologie, die sich in Lateinamerika in den 70 Jahren
entwickelte.
Die Basisgemeinden, bestehend aus Priestern und armer
Landbevölkerung, deuteten den Kreuzestod als einen bösen
menschlichen Gewaltakt gegen die Liebe und die Gerechtigkeit
Gottes, die sich in Jesus den Menschen gezeigt hat.


So wie es die unterdrückten und ausgebeuteten Bauern tagtäglich
erfuhren, wie sie von ihrem Land vertrieben, in den Gefängnissen
gefoltert und umgebracht wurden,


so ist es auch dem Menschensohn Jesus ergangen, als er den
schrecklichen Tod erlitt.


So wie sie um Gerechtigkeit und Befreiung aus Unterdrückung
kämpfen, so hat auch Jesus das Reich Gottes herbei gesehnt und
dafür bitter mit dem Tode bezahlen müssen.


Doch das leere Grab war der Beweis dafür, dass nicht die Soldaten
mit ihren Schwertern das letzte Wort haben, sondern der ewige und
gerechte Gott.
Er lässt seinen Sohn eben nicht allein, auch wenn der in seiner
gefühlten Gottverlassenheit schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?“
Nein, der Gott Israels ist ein treuer Gott, der sein Volk niemals
verlässt, der mit ihm in den Tod hinein und durch den Tod
hindurchgeht.
Davon zeugt sein Name „JHWH“ und das heißt übersetzt: „Ich bin
da“, oder „Ich bin mit dir“.


So hat sich das Kreuz gewandelt von einem Todessymbol in ein
Befreiungs- und Lebenssymbol.


So darf es auch uns Hoffnung geben hier und heute und mitten unter
uns. Amen.