Predigt · Christnacht · 24. Dezember 2017 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz

Posted by on Dez 27, 2017 in Predigten | No Comments

Jesaja 9, 1 – 6

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht….., denn
uns ist ein Kind geboren…und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter
und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst…, dass
seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende……, dass er
sein Königreich stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von
nun an bis in Ewigkeit.“


Liebe Schwestern und Brüder,
so hörten wir es eben aus dem Buch des Propheten Jesaja
erst aus der hebräischen Bibel in der Originalsprache,
dann in deutscher Übersetzung.


Die Situation in die hinein diese prophetischen Worte gesprochen
wurden, war auf jeden Fall finster und die Sehnsucht nach Licht war
groß.
Krieg und Verwüstung überschattete das Land Israel.
Ein König, der das Land aus dem Elend führen soll,
wurde sehnlichst erwartet.
Der Gottesmann Jesaja prophezeit den Beginn einer Zukunft in
Frieden und Gerechtigkeit
mit der Geburt eines Königskindes hier und jetzt.


Ob Jesaja die Geburt eines Thronfolgers aus dem Hause Davids
meint,
der gerade geboren wurde als die Assyrer Israel bedrohten,
oder ob später, nach dem babylonischen Exil,
die Hoffnungen auf eine Wiederherstellung des Großreiches Davids
neu belebt worden ist,
ist in der Forschung umstritten.


In jedem Falle wurden solche Ehrentitel wie Friede-Fürst, Wunderrat
oder machtvoller Herrscher auch in anderen Dynastien im Alten
Orient angewandt.
Sie gehörten zur gängigen Königsideologie.


Der Prophet Jesaja hat damit aber ganz sicher nicht den ca. 700 Jahre
später geborenen Jesus von Nazareth gemeint.


Die Jesusanhänger aber haben nach dem Tod und der Auferstehung
Jesu
in ihre heiligen Schriften geschaut und die Visionen ihrer Propheten
auf Jesus bezogen.


Darüber kam es zu einem heftigen Streit innerhalb des Judentums,
der zu einer schmerzhaften Spaltung führte.


Die Jesusanhänger, die sich fortan Christen nannten,
glaubten, dass in Jesus von Nazareth der ersehnte Messias erschienen
ist.


Die Juden lehnten diesen Glauben ab, weil mit der Ankunft des
Messias auch die Erlösung der Welt versprochen wurde,
in der es keinen Krieg und keine Ungerechtigkeit mehr gibt.


Die Realität gab ihnen wohl Recht.


Wie kamen die Christen darauf, in diesem doch so gar nicht
königlichen Kind den Erlöser der Welt zu glauben,
den langersehnten Messias?


Er ist in keinem Schloss geboren – ein ärmlicher Stall hat ihn
beherbergt.
Seine Mutter war Keine von königlichem Stande – sie war eine Magd
von bäuerlicher Herkunft.
Die ersten, die davon erfuhren waren nicht die Königshäuser mit ihren Hofbeamten und Geschichtsschreibern –
es waren Hirten, die ärmsten der Armen in Israel.


Und hat sich seitdem die Welt zum Besseren gewandelt?


In dem Buch „Der letzte der Gerechten“ von dem jüdischen Autor
André Schwarz-Bart wird von einer mittelalterlichen Disputation
berichtet, zu der die Juden vor allem in der Karwoche gezwungen
waren.
Die Talmudgelehrten standen vor einem kirchlichen Tribunal, und sie
wussten dass eine falsche Antwort ihren Tod bedeuteten konnte.
Auf die Frage des Bischofs Grotius hin sah man plötzlich Salomon
Levy hervortreten:
„Schmächtig wirkte er in seinem schwarzen Gewand, und zögernd
begibt er sich vor das Tribunal. ‚Wenn es stimmt’, flüstert er mit
gedrückter Stimme, ‚wenn es stimmt, dass der Messias, von dem
unsere alten Propheten reden, schon gekommen ist, wie erklärt Ihr
dann den gegenwärtigen Zustand der Welt?’
Darauf, hüstelnd vor Angst, und mit einer Stimme, die nur noch ein
dünner Faden ist: ‚Edle Herren, die Propheten haben doch gesagt,
dass bei der Ankunft des Messias Weinen und Stöhnen aus der Welt
verschwinden würde, … Dass Löwen und Schafe nebeneinander
weiden würden, dass der Blinde geheilt sein und der Lahme wie ein
Hirsch springen würde! Und auch, dass alle Völker ihre Schwerter
zerbrechen würden, o ja, um aus ihnen Pflugscharen zu gießen…’
Schließlich, den König Ludwig traurig anlächelnd: ‚Ach, was würde
man sagen, Sire, wenn Ihr vergäßet, wie man Krieg führt?’“


Liebe Schwestern und Brüder,
diese jüdische Stimme ist der Einwand gegen jede triumphalistische
Christologie,
deren sich die Kirche jahrhundertelang gegenüber den Juden
und gegenüber anderen Religionen hochmütig bedient hat.
Das Kind in der Krippe ist so ganz anders als der Held und
Friedefürst, der uns von Jesaja prophezeit wird.
Er wird später einen erbärmlichen Tod sterben und er wird keinen
Thron erben.


Aber was lässt mich trotz alledem daran festhalten,
Weihnachten zu feiern als das Fest der Geburt des Gottessohnes,
des Gesandten Gottes, des Messias?


Wir Christen sagen – und nicht wenige glauben das auch,
dass sich in Jesus von Nazareth das Antlitz Gottes den Menschen
gezeigt hat.
Wer Gott ist, erkennen wir an jenem Jesus, geboren in einem Stall,
der Sohn niederer Leute, der mit kleinen Leuten Umgang pflegte;
der die Armen seligpries; der Wunden heilte und Ängste bannte
und der am Ende seines Lebens als Verbrecher ans Kreuz gehängt
wurde.
Ein sich erniedrigender Gott, der alles Triumphieren abgelegt hat.


Die Kirche hat diesen Gott ein ums andere mal uminterpretiert und
instrumentalisiert, verraten und verleugnet,
ihn auszulöschen und zu beseitigen ist ihr aber Gott sei Dank nicht
gelungen.


Die Kirchen sind auf der anderen Seite aber auch die Orte und
Gemeinschaften, in denen diese Geschichten aufbewahrt und weiter
gegeben werden,
in denen an der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit festgehalten
wird – trotz oder gerade wegen der finsteren Realität.


Jedes Jahr hören wir die Jesajaverheißung in unserer
Weihnachtsliturgie.
Jedes Jahr hören wir sie, und noch nie war sie erfüllt.

Und dennoch ruft Gott immer wieder Menschen,
die sich mit der Finsternis nicht abfinden,
die sich mit der Jochstange und den blutgetränkten Soldatenmänteln
nicht abfinden,
die ihre Hoffnung auf Gott
und ihre Liebe zu den Menschen nicht verlieren.


Unzählige Beispiele ließen sich hierfür aufzählen,
angefangen bei den Bettelorden des Mittelalters,
die sich gegen eine macht- und reichtumsorientierte Kirche
abgrenzten,
über die Friedenskirchen in den USA, die für die Abschaffung der
Sklaverei kämpften,
bis hin zu den Eine-Welt-Läden, die in vielen Kirchen und
Gemeinden für eine gerechtere Welt arbeiten
und all den Gruppen, die gegen Waffenhandel und atomare
Aufrüstung protestieren.


Gott ruft immer und überall solche Menschen
auf der ganzen Welt, in allen Religionen und allen Kulturen.


Die Zukunft beginnt mit der Geburt eines Kindes mitten unter uns,
in diesem Kind ist alles möglich,
weil Gott selbst in diesem Kind erscheint.
Amen.