Predigt · Christnacht · 24. Dezember 2016 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Dez 28, 2016 in Predigten | No Comments

Samuel 7, 4 – 6, 12 – 14a

Seien sie herzlich willkommen, liebe Festgemeinde,
an diesem Abend in diesem warmen und wunderschön
geschmücktem Haus.
Es ist Weihnachten und wir alle bereiten uns darauf seit Wochen und
Monaten vor.
Wir kaufen ein, kochen, backen und schmücken unsere Wohnungen
mit dem besonderen Weihnachtsschmuck.


Auch unsere Kirchen bereiten wir auf dieses Fest vor ,
sie werden geputzt und mit dem Adventskranz und dem
Weihnachtsbaum geschmückt, so dass eine warme und wohltuende
Atmosphäre von ihnen ausgehen.


Es ist gut, dass wir solche Häuser haben, in denen wir uns
versammeln können und die für alle geöffnet sind.


Doch hören wir den Predigttext, der für das heutige Weihnachtsfest
aus dem Alten Testament kommt, aus dem 2. Samuelbuch.


„So spricht Gott: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin
wohne? Habe ich doch in keinem Haus gewohnt seit dem Tag, da ich
die Israeliten aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, sondern ich bin
umhergezogen in einem Zelt als Wohnung.“


So spricht der Prophet Nathan zu dem König David in Israel 1000
Jahre vor der Geburt Jesu.


Nachdem der König David die Grenzen Israels gesichert, Jerusalem
zur Hauptstadt von Israel erklärt hat,
sich selbst einen schönen Palast gebaut und nun endlich Ruhe vor
seinen Feinden hat,
drängt es ihn, auch ein Haus – einen Tempel – für seinen Gott zu
bauen.
Seit Generationen wurden die Gesetzestafeln – die Bundeslade – von
einem Ort zum anderen getragen und unter einem Zeltdach geschützt.


Dieses Umherwandern sollte nun ein Ende haben.
Der Gott Israels sollte auch so einen schönen Tempel haben, wie die
umliegenden Völker sie für ihre Götter bauten.


Nein, viel größer und prächtiger sollte er sein – eine Zierde des
Orients und ein Symbol für die Größe und Stärke Gottes
und natürlich auch für den Erbauer dieses Gebäudes.


Doch die Antwort Gottes durchkreuzt die ehrgeizigen Pläne Davids –
Gott will kein Haus, er will weiter in einem Zelt wohnen
und so ganz nah bei seinem Volk sein.


Später, so tröstet Gott ihn, wird ein Nachkomme von David ein Haus
bauen, der wird sein Sohn sein.


So geschieht es dann auch – Salomo baut einen wunderschönen
Tempel in Jerusalem.


1000 Jahre später – in einem kleinen Ort namens Bethlehem, nahe bei
Jerusalem, wird ein Kind geboren in einer ärmlichen Behausung.
Die Eltern kommen aus der armen Unterschicht, müssen fliehen vor
dem König, der das Kind umbringen will, weil es eine Konkurrenz
werden könnte.


Das Kind wächst heran und kündigt das Reich Gottes an, das Frieden
und Gerechtigkeit schaffen wird –
aber nicht durch Gewalt sondern durch Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit.


Die Anhänger der Jesusbewegung schauen in ihre heilige Schrift – Alte Testament – und deuten die Prophezeiungen und Visionen
auf Jesus hin.
Ja, so sagen sie – er ist es, auf den das Volk Israel so lange gewartet
hat.
Auch er wohnte nicht in einem Schloss, auch er hatte kein Dach über
dem Kopf, er wanderte umher, heilte und predigte den großen
Umsturz dieser Welt, war besitzlos und nahe bei dem Volk.
So zeigt sich der Gott Israels dieser Welt – so und nicht anders –
so der Glaube der Jesusanhänger.


Zwei mal in den Jahrhunderten danach wurde der Tempel in
Jerusalem zerstört – bis heute ist er nicht wieder aufgebaut worden.
Wenn der Messias kommt, wird er ihn aufbauen – so die Hoffnung
der Juden.


Wir Christen haben im Laufe der Jahrhunderte unserem Messias
Jesus von Nazareth unzählige Häuser, Kirchen und Kathedralen
gebaut.


Viele davon wurden zerstört und wieder aufgebaut, neues geschaffen,
altes verändert.


Gott, so wie er sich im AT seinem Volk offenbarte
und wie er sich uns in Jesus gezeigt hat,
lässt sich nicht einsperren in ein Gebäude, er steigt herab von den
Altären und geht hinaus auf die Straßen und Plätze der Menschen
und ist mitten unter ihnen.


Er braucht nicht den Schutz eines Hauses, die Sicherheit eines
militärischen Apparates, die Ordnung dogmatischer Lehrsätze.
Er befreit immer wieder aus den engen Vorstellungen unserer
kulturellen und religiösen Begrenzungen.


Liebe Schwestern und Brüder,
unsere Zeit ist geprägt von Angst und Furcht.
Angst vor Krieg und Terror, Angst vor Umweltzerstörung und
sozialem Abstieg, Angst vor dem Fremden und Unbekannten –
Angst vor der Zukunft.


Wir haben viel zu verlieren – das ist uns sehr bewusst
gleichzeitig wissen wir aber auch, dass es so nicht weiter geht.


Wir stehen vor einer Zeitenwende und wir wissen nicht wohin es
geht.


Die Gewalt kommt immer näher, wie uns jüngst bewusst wurde.


Einen Tag nach dem schrecklichen Angriff auf den Berliner
Weihnachtsmarkt habe ich mit den Konfirmanden darüber
gesprochen.
Und ich habe ihnen folgende Aufgabe gestellt:
Stellt euch vor, ihr sitzt mit dem Attentäter in einem Zimmer, ihr
beide alleine.
Es geht keine Gefahr von ihm aus, er ist nicht bewaffnet und
niemand, weder von innen noch von außen, bedroht euch.
Ihr könnt nun maximal drei Fragen oder Botschaften an ihn richten,
schreibt diese auf Zettel.


Ich lese einige davon vor:
„Warum hast du das getan? Wie sieht dein Paradies aus? Hast du
eine Familie? Brauchst du Liebe? Was hat dir das ganze
gebracht? Fühlst du dich jetzt besser? Welcher Grund würde das
rechtfertigen? Mama wird das gar nicht gefallen!


Du bist ein Kind Gottes! – auf die Frage, ob er sich nicht durch diese
Botschaft bestätigt fühlt, kam die Antwort: Das habe ich mehr zu mir
selber gesagt, als zu ihm, damit ich ihn weiterhin als einen
Menschen betrachte und nicht in Hass verfalle. Wir sind doch alle Kinder Gottes.


Alle haben sich mit großer Ernsthaftigkeit in diesen Dialog hinein
versetzt. Keiner hat Hasstiraden über ihn ausgeschüttet. Keiner wollte
nun alle Ausländer raus schmeißen.


Liebe Schwestern und Brüder, nach dieser Stunde sah ich voller
Zuversicht auf unsere Jugend und ich hatte auch wieder Hoffnung in
die Zukunft.


Wir wissen nicht wie viel sich um uns herum verändern wird.
Wir wissen nicht, was wir alles verlieren werden.
Aber es kann ja sein, dass wir auch so manches neue hinzu gewinnen.
Und dass das, was wir heute als wichtigen Besitz empfinden, am
Ende sich nur als eine lästige Fessel herausstellt.


Wir freuen uns darüber, dass dieses Haus – diese Kirche mitten in
Pankow steht,
wir freuen uns darüber, dass wir hier Wärme und Geborgenheit
empfinden,
wir danken Gott von ganzem Herzen dafür, dass wir hier ungestört
sein Wort hören können und Gemeinschaft erleben.


Wir lassen uns aber auch daran erinnern, dass Gott vieles an
Sicherheit, die uns überlebenswichtig erscheint, gar nicht braucht.


Unbehaust in einer Krippe geboren und dann sein ganzes Leben lang
auf Wanderschaft
hat er sich unter die Menschen gewagt und ihnen seine Liebe und
seine Freiheit angeboten.


„Fürchtet euch nicht“ – so verkündigen es die Engel den Hirten –
denn euch ist heute der Heiland geboren.


Die Rettung der Welt ist nur möglich, wenn wir auf ihn schauen –
den Gott der Gewaltlosigkeit, der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit
und der Liebe.
Amen.