Predigt · Christfest · 25. Dezember 2018 · Pfarrer Michael Hufen

Posted by on Dez 30, 2018 in Predigten | No Comments

Johannes 3, 31 – 36

Liebe Gemeinde!
Weihnachten ohne Weihnachten geht das?
Auf Politiker-Weihnachtsgrüßen ganz offensichtlich – und manche
fanden das ganz schlimm.
Aber was ist denn Weihnachten ohne Weihnachten überhaupt?
Nur ein Fest ohne Namen oder etwas ganz anderes?
Was macht Weihnachten zu Weihnachten, wann ist es für uns so
ganz richtig?
Wenn es um die Weihnachtsgeschichte nach Lukas geht, den
Weihnachtsgottesdienst oder vielleicht sogar ums
Weihnachtsoratorium von Bach, dann ist hier in Pankow
Weihnachten. Denn das gab es alles.
Falls noch etwas fehlt, dann versuchen wir es mal mit einem Text
aus dem Johannes-Evangelium:


Lesung


Ist das wirklich ein Weihnachtstext? Nichts von Bethlehem, nichts
vom Stall und von der Krippe, keine Hirtenfeld, kein Engelchor,
weder Maria noch Josef, keine drei Könige – nichts von alledem.
Eine Geburt wird überhaupt nicht erwähnt, ja nicht einmal der
Name Jesus. Das klingt nicht nach Weihnachten.
Stattdessen vernehmen wir geheimnisvolle Sätze: „Der von oben
kommt, ist über allen.“. Und: „Wer von der Erde ist, der ist von der
Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über
allem.“ (V.31) Weihnachtlich?
Um es gleich zu sagen: bei Johannes geht es um Weihnachten!
Nur in anderer Sprache als wir es gewohnt sind, nicht konkret und
erzählend wie bei Lukas, eher theologisch meditierend,
nachdenklich . Denn Weihnachten, das ist nun ja in der Tat die
Geschichte von dem, „der von oben kommt“.
Weihnachten „von oben“?
Damit hat mancher unter uns so seine Probleme. Ist es hilfreich,
das so zu betonen, wie es unser Text tut? Es könnte gutwillige
Sympathisanten unseres Glaubens, die gestern unsere Kirchen
füllten, irritieren. Auch mancher Prediger neigt deshalb eher zu
Zurückhaltung.
Überhaupt: Müssen wir denn so genau sagen und bekennen, woher
der ist, in dessen Namen wir Weihnachten begehen?
Wäre es nicht einfacher, sich dem allgemeinen Weihnachtstrend
anzuschließen und Weihnachten zu feiern, ohne das „von oben“
groß herauszustreichen – einfach so ein schlichtes, menschliches,
fröhliches Weihnachten ohne „oben“? Die alten Lieder „vom
Himmel hoch“ und über den, „den aller Weltkreis nie erschloss“,
der erscheint als das „ewig Licht“ und dem der Imperativ „Jauchzet
frohlocket!“ gilt – die können ja ruhig bleiben als unvergängliches
Kulturgut, als Zeichen unserer Treue zur christlichen Tradition.
Und auch von dem Christkind mag weiter gesungen werden, das
„alle Jahre wieder“ zu uns „auf die Erde nieder“ kommt. Aber damit
wäre es dann auch gut. Weihnachten ohne „oben“ – das würde
manches erleichtern.
Der Wunsch danach ist gar nicht neu. Überlegungen, die die
göttliche Herkunft Jesu nicht nur bezweifeln, sondern ablehnen,
gibt es in der Theologiegeschichte immer wieder. Und wäre das
nicht auch viel moderner – anschlussfähiger? Schließlich finden ja
auch die Moslems diesen Jesus ganz toll, außer wenn man eben
behauptet, er wäre Gottes Sohn.
Eine einfache Lösung, bei Lichte besehen freilich: auch eine
traurige Lösung.
Ein Problem scheint erledigt, doch in Wahrheit ist ein Weg versperrt.

Weihnachten mit verschlossenem Himmel, ohne „Gott“, ohne den,
„der von oben kommt “ – da bringen wir uns um das Eigentliche
dieses Festes und seiner Botschaft. Denn darin geht es um nichts
weniger als um Gottes Weg zu uns und um unseren Weg zu Gott.
Weihnachten – Gottes Weg zu uns.
Jesus ist geboren. In ihm kommt Gott zur Welt, zu uns.
Weihnachten wird von Gott her das Tor zu uns hin geöffnet. Gott
macht sich in unsere Richtung auf den Weg:
„Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt
aus allem Jammer.“ – so haben wir es vorhin gesungen. Die
Menschen spüren es von Anfang an: Jesus ist anders. Er spricht
nicht für sich allein. Er handelt und bezeugt Gott zugunsten der
Menschen, oder wie es in unserem Text ausdrücklich heißt: „der,
den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte.“ (V.34)
Jesus wird den Anbruch des Reiches Gottes verkündigen, er wird
sich den Armen, den Kranken, den Ausgestoßenen zu wenden. Er
wird dem Unrecht entgegentreten, die verkrustete Religiosität der
religiösen Institutionen in Frage stellen. Er wird ein wahrhaftiger
Zeuge seines himmlischen Vaters sein, ein Zeuge von dessen Liebe
zu allen Menschen. Er wird darin geliebt und gehasst werden. Er
wird aufgenommen, aber auch abgewiesen und ignoriert werden.
„Der von oben kommt“ geht einen risikoreichen Weg.
Er bleibt dabei, in unseren Tagen, zu unserem Weihnachten –
gerade auch dann, wenn viele Zeitgenossen empfinden, dass
dieses Fest gut auch ohne Ihn ginge.
Denn: die Botschaft bleibt, er bleibt.
Wer glaubt, kann ihn erkennen, Jesus, der so anders ist, uns zum
Heil.
Das, was wir für unseren Glauben mit Weihnachten verbinden und
worauf der Predigttext aus dem Johannesevangelium zielt, die
Beschreibung des Weges dessen, „der von oben kam“, hat
M.Luther in seinem Weihnachtslied auf unvergleichliche Weise
zum Ausdruck gebracht:


Das ewig’ Licht geht da herein
Gibt der Welt ein’ neuen Schein;
Es leucht wohl mitten in der Nacht;
Und uns des Lichtes Kinder macht.


Die letzte Zeile weist auf uns. Des „Lichtes Kinder“ sollen wir sein.
Da wird es deutlich:
Weihnachten, das ist auch: Unser Weg zu Gott.
„Der von oben kommt“, öffnet für uns den Weg nach oben.
Ein Ausleger schreibt. „Der von oben nach unten gekommen ist,
wird wie wir. Damit wird aber nicht nur der Himmel zur Erde hin
aufgerissen. Auch die selbst gebauten Gefängnisse der Menschen
werden aufgebrochen. Sein Kommen genügt. Kommt er von oben,
gerät unsere Tiefe in Bewegung.“ (G.Goldbach)
Das ist im Kern die weihnachtliche Erfahrung.
In Not, Einsamkeit und Verzweiflung die Hoffnung nicht fahren
lassen, auch wenn es dafür genug Gründe gibt.
Mindestens zu Weihnachten die Geschichte von Jesu Geburt als den
Lichtschein in der Finsternis wahrnehmen – das macht durch die
Jahrhunderte für die Mehrzahl der Christen Weihnachten aus.
In der Berliner Zeitung vom Sonnabend konnte man einem Text
über die Entstehung von „Stille Nacht, heilige Nacht“ lesen. Joseph
Mohr schrieb es wahrscheinlich 1816 im Jahr ohne Sommer, der
Himmel war dunkel, die Ernte verfaulte, die Menschen hungerten.
Im fernen Indonesien war der Vulkan Tambora ausgebrochen, aber
das wussten die Menschen nicht. Es war Endzeitstimmung,
Weltuntergang. In dieser Stimmung setzt sich Mohr hin, beschwor
„aller Welt Schonung“ – und endet mit den Hirten, denen der Weg
aus dem Jammertal gewiesen wird: “Jesus der Retter ist da“.


Die Botschaft von dem, „der von oben kam“, trifft uns persönlich in
ganz unterschiedlichen Situationen – sei es in einer glücklichen
Lebensphase, in familiärer Geborgenheit, sei es in eher getrübten Stimmung, unter dem Eindruck einer Enttäuschung, sei es im
Gefühl großer Einsamkeit. Wie hoffnungsvoll ist meine Zukunft,
wie ausgefüllt meine Leben, wie haltbar mein Glück?
Frohe Weihnachten? O gerne, aber nicht immer gelingt es. Wenn
ich den Weg nur finde! Den Weg zu Gott, den Weihnachten uns
eröffnet.
Oft ist es ein Tasten, den Weg zu finden, mancher bleibt auf der
Suche.
Aber gerade dazu ermutigt, „der von oben kommt.“
Die Auseinandersetzung mit dem Gott, den man immer wieder
vergisst und verdrängt, der aber im Hintergrund unseres Lebens,
da ist.
Ist das etwa wenig?
Tastende Wegsuche zu Gott.
Unsere Auseinandersetzung mit uns selber, unserem Ich – in der
wachsenden Überzeugung, mehr zu sein als nur Genetik und
Erziehung – nämlich gewollt, angenommen und geliebt zu sein.
Gewiss, „unsere Wege zu Gott“ sind nicht immer gradlinig. Aber
„der von oben kommt“ lässt all die holprigen, angedeuteten, auch
die nicht zu Ende gegangenen Wege gelten.
Er kommt uns ja entgegen!
Darum: Frohe Weihnachten, liebe Gemeinde!


Amen