Predigt · 9. Sonntag nach Trinitatis · 29. Juli 2018 · Pfarrerin Heike Richter

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Jeremia 1, 4 – 10

„Das Wort Gottes erreichte mich:
Schon bevor ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt. Noch bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich an mich gezogen. Zum Propheten für die Nationen habe ich dich bestimmt.
Ich sagte: Ach, Gott, du göttliche Macht! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch so jung.
Gott antwortete mir: Sag nicht, ich bin noch so jung. Denn wohin ich dich schicke, dorthin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du sagen.
Habe keine Angst vor ihnen, denn ich bin mit dir, um dich zu retten – so Gottes Spruch.
Dann streckte Gott die Hand aus, berührte meinen Mund und Gott sagte zu mir: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund.
Siehe, heute setze ich dich über die Nationen und über die Königreiche ein, um auszureißen und einzureißen, um zugrunde zu richten und niederzureißen, um aufzurichten und einzupflanzen.“
(Jer 1,4-10, BigS)


Gott segne sein Wort an uns.


Ich kann nicht, es graut mir – ich will nicht, denn das ist mir eine Nummer zu groß.


Liebe Gemeinde,
der junge Mann, Jeremia, von dem heute hier die Rede ist, war 24 Jahre alt, als er sich vor einen Auftrag gestellt sieht, der sein ganzes Leben verändern sollte. Aus nüchterner Selbsteinschätzung heraus und in Vorahnung dessen, was da auf ihn zukommen wird, lässt sich sein Zögern wohl gut verstehen: „Ach, Gott, du göttliche Macht! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch so jung.“ Und doch kann er Gott nicht ausweichen. 40 Jahre lang wird er als Gottes Prophet wirken, wird er mit Worten ausreißen und einreißen, zugrunde richten und niederreißen, aufrichten und einpflanzen. 40 Jahre lang werden ihn diese – seine – gottgewirkten Worte in äußert schwierige, ja lebensbedrohliche Situationen bringen, weil er die Lebenseinstellung seines Volkes kritisiert, weil er Unrecht und Ungerechtigkeit anprangert, weil er den Herrschenden ihre Selbstherrlichkeit und Willkür vor Augen führt. 40 Jahre lang erfährt Jeremia aber auch trotz aller Schwierigkeiten Gottes Beistand und Trost und dessen rettende Hand. Jeremia konnte doch, obwohl es ihm graute – 40 Jahre lang, dann verliert sich für uns seine Spur auf seiner ungewollten Flucht in Ägypten.


Jeremia – ein Mensch, der sich Gott nicht entziehen konnte, dessen Dasein durch Gott geprägt war. Er meldete sich immer dann zu Wort, wenn sein Volk und die Herrschenden sich in Selbstgerechtigkeit und Machtträumen badeten. Er meldete sich zu Wort, wenn sie – so geblendet – den Blick für die realen Machtverhältnisse und Möglichkeiten verloren, wenn Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit weichen musste. Dazu konnte Jeremia nicht schweigen, weil der wahrhaftige Gott in ihm viel zu lebendig war und so seine Worte formte. So war Jeremia Prophet seiner Zeit. Und ebenso erweckt sich Gott durch die Zeiten hindurch immer wieder Menschen, die ihm nicht ausweichen können. Und in der Konsequenz ihres Lebens bringen sie Gottes lebendiges Wort unter die Menschen.


In der Bibel begegnen uns solche Menschen, aber eben auch in der danach folgenden Geschichte bis in unsere heutigen Tage. Bekannte Namen wie Franz von Assisi, Martin Luther, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Bischof Romero, Mutter Teresa, Dorothee Sölle, Luise Schottroff und viele andere mehr reihen sich in die Folge der Propheten und Prophetinnen. Und dabei haben auch sie oft genug erfahren müssen, dass der Prophet/die Prophetin im eigenen Land nicht viel gilt und nicht auf Rosen gebettet wird, sondern Dornen ihm/ihr den Weg erschweren.


Doch das Wort der Propheten und Prophetinnen ist lebendiges Wort Gottes. Es lässt die jeweilige Gegenwart erscheinen als das, was sie ist. Das Wort dieser Männer und Frauen hält der Gesellschaft und den Menschen ihr wahres Bild vor Augen. Es reißt Scheinwelten ein und entlarvt Schönfärberei und Lügen. Das Wort der Propheten und Prophetinnen vermag es neue Hoffnung zu pflanzen und Visionen, Ziele aufzuzeigen, in deren Horizont Zukunft neu gebaut werden kann. Die Propheten und Prophetinnen – seien sie nun aus weit zurückliegenden Jahrhunderten oder aus unserer Zeit – sie können uns Orientierung geben und uns ermutigen, in ihr prophetisches Reden mit einzustimmen. Ja, sie können uns ermutigen Unrecht und Schuld beim Namen zu nennen, Ursachen dafür offenzulegen und nach Auswegen zu suchen – nach Auswegen zu suchen, die der Vision von Gottes Gerechtigkeit entgegenstreben.


Und trotzdem, scheint es mir, bewegen wir uns viel zu wenig in dieser prophetischen Tradition. Wo bleibt z.B. der laute Aufschrei der Kirchen, wenn die Rettungsschiffe privater Hilfsorganisationen in den Mittelmeerhäfen auch mit deutschem Einverständnis festgesetzt werden und deshalb täglich Menschen auf der Flucht ertrinken – ertrinken, weil sie keine Hilfe erfahren. Wo bleibt unser lauter Protest, wenn so Hilfe kriminalisiert wird und Menschen, wie Kapitän Claus-Peter Reisch, sich wegen ihres Engagements vor Gericht verantworten müssen?


Wir erleben in unserer Gesellschaft eine schleichende Enthumanisierung, weil die Parolen der Populisten in Köpfen und Herzen der Menschen fruchten, weil die Regierenden nicht in der Lage sind, der immer größer werdenden Kluft zwischen Armen und Wohlhabenden wirksam etwas entgegenzusetzen. Gesellschaftliche Teilhabe wird für immer mehr Menschen schwieriger. Zukunftsängste setzen sich fest angesichts der politischen Großwetterlage, angesichts von Klimaerwärmung und Umweltzerstörung mit ihren Folgen, angesichts unberechenbarer Finanzmärkte und kaum kontrollierbaren weltweit operierenden Wirtschaftsunternehmen usw..


In unseren Gemeinden gibt es ein vielfältiges Engagement – gerade auch für Geflüchtete. Und dennoch frage ich mich, ist unsere Stimme laut genug gerade auf dem Hintergrund der sich rasant verändernden Gesellschaft. Wenn nicht, was hält uns davon ab, unsere Stimme lauter zu erheben? Denn das Schlimme, es berührt uns doch, wir beklagen und betrauern es. Ist es die geheime Hoffnung: so schlimm wird es schon nicht werden und wir werden schon davonkommen? Denn wir haben uns doch ganz gut eingerichtet in dieser Welt. Oder ist es Resignation, sind es Ängste und Zwänge die uns bestimmen, uns verharren lassen im Zögern wie Jeremia: Ich kann nicht, es graut mir – ich will nicht, denn das ist mir eine Nummer zu groß.


Und wir nehmen schon, denke ich, vielleicht sogar mit Bewunderung die unermüdlichen Idealisten wahr, die sich für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Schuldenerlass, die sich gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus u.a. mehr einsetzen. Sollten wir uns nicht von ihnen immer wieder anstecken lassen – anstecken lassen von ihrer Hoffnung, von ihrem Mut und ihrer Sehnsucht nach Veränderung? Sollten wir uns nicht immer wieder anstecken lassen, weil Gott der Gott der Hoffnung ist, der Gott der Zukunft und des Lebens – ein Gott, dessen Propheten und Prophetinnen sich schon immer dem Leben und damit den auf den Nägeln brennenden Fragen zugewandt haben – Fragen, deren Beantwortung das Geschehen um uns herum in dieser Welt entscheidend beeinflussen?


Ich denke, es kann uns und dieser Welt nur guttun, wenn wir uns auf unsere prophetischen Traditionen besinnen. Sie lehren uns unser Leben und die Geschehnisse dieser Welt aus dem Blickwinkel göttlicher Hoffnung kritisch zu betrachten. Aus diesem Blickwinkel heraus eröffnen sich oft unerwartete und ungewöhnliche Wege. Die Prophetinnen und Propheten lehren uns, dass die Zukunft dieser Welt nicht hoffnungslos ist, aber es gilt viel in dieser Welt zu verändern. Und dieser Spur folgend ist es an uns, Acht zu geben, sich zu Wort zu melden, verantwortlich mit anzupacken und mitzugestalten. Wir sind dabei nicht alleine. Wir haben Gott an der Seite und Mitchristen, die sich von seinem Wort, verführt, geführt und gehalten wissen.

Gott erweckt sich zu jeder Zeit Propheten und Prophetinnen, Menschen, die vordenken, die eingefahrenen Bahnen verlassen, die wenn nötig auch Unbequemes sagen in Gesellschaft, in Kirche, in ihren Lebensbezügen und deshalb nicht selten umstritten sind. Aber in ihren Worten, in ihrem Tun lässt sich die Leidenschaft für Gott finden – für Gott, der das Leben und die Menschen liebt. In ihren Worten lassen sich Mut und Hoffnung finden, die Gott in uns Menschen anrichten kann.


„Ach, Gott, du göttliche Macht! Ich kann doch nicht reden“. Gott möchte uns ähnlich wie Jeremia darüber hinaus wachsen lassen, möchte uns auf seinen Weg locken getragen von seinem „Habe keine Angst . . ., denn ich bin mit dir, um dich zu retten“.


Lassen wir uns vom Gott des Lebens locken, dass es uns immer schwerer fallen möge, diesem Gott auszuweichen.


Amen.