Predigt · 9. Sonntag nach Trinitatis · 13. August 2017 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz

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Matthäus 7, 24 – 29


24Alle, die nun meine Worte hören und entsprechend handeln,
werden einer klugen Frau, einem vernünftigen Mann ähnlich sein, die
ihr Haus auf Felsen bauten. 25Und Regen fällt herab, es kommen
reißende Flüsse, Stürme wehen und überfallen dieses Haus – und es
stürzt nicht ein! Denn es ist auf Felsen gegründet. 26Alle, die nun
meine Worte hören und sie nicht befolgen, werden einer
unvernünftigen Frau, einem dummen Mann ähnlich sein, die ihr Haus
auf Sand bauten. 27Und Regen fällt herab, es kommen reißende
Flüsse, Stürme wehen und prallen an dieses Haus – da stürzt es in
einem gewaltigen Zusammenbruch ein!“ 28 Als Jesus diese Rede
beendet hatte, war die Volksmenge von seiner Rede überwältigt, 29
denn er lehrte das Volk wie ein Mensch, der Vollmacht hat, nicht so
wie seine Schriftgelehrten.


Liebe Schwestern und Brüder,


heute vor genau 56 Jahren, am 13. August 1961, wurde die Mauer
gebaut. Sie ging quer durch Berlin und war Symbol der Spaltung
Deutschlands und Europas in Ost und West.


28 Jahre danach, am 9. November 1989, fiel sie in sich zusammen,
der ganze Ostblock löste sich auf und mit ihm die kleine DDR.


Das fiel mir sofort ein, als ich den Text vom Hausbau auf Sand oder
auf Steinen las.


Ich will nun nicht darüber spekulieren, inwiefern das sozialistische
System im Allgemeinen und im Besonderen auf Sand gebaut war
und von daher den Stürmen der Geschichte nicht standhalten konnte.


im Gegensatz zum kapitalistischen System, das sich ja prächtig
erhalten und scheinbar unbegrenzt weiter ausbreiten konnte.
Ich will aber dennoch darüber nachdenken, was einem Haus
Festigkeit und Halt gibt
und was das für einen jeden von uns zu bedeuten hat.


Das Gleichnis von dem Haus auf Sand oder auf Stein
erzählt Jesus zum Abschluss seiner ersten öffentlichen Predigt,
die er zu Beginn seiner Tätigkeit als Wanderprediger
auf einem Berg am See Genezareth gehalten hat.


Wir kennen sie als die „Bergpredigt“ – sie ist sozusagen die
theologische Grundsatzrede, von der aus sein ganzes Handeln und
Reden bestimmt ist.


Sie beginnt mit den Seligpreisungen, in denen Jesus die Armen, die
nach Gerechtigkeit Dürstenden, die Barmherzigen, die Gewaltlosen,
die Leidtragenden und die Friedensstifter selig preist,
und die von Gott reichlich belohnt werden.


Sie geht weiter mit dem absoluten Verbot des Tötens, das schon in
verbalen Angriffen beginnt, zum Rufmord wird und so den Weg zum
leiblichen Töten bereitet.


Sie verbietet das Schwören, das Vergelten, den Ehebruch, das Richten
und Verurteilen,
sie fordert auf zum Almosengeben, zum Beten, zum sorglosen
Vertrauen auf Gott und die Befreiung von allen materiellen Fesseln
und der Höhepunkt schließlich mündet in dem Gebot der
Feindesliebe –
eine Forderung, die wohl mehr Ablehnung als Zustimmung im Laufe
der Geschichte erfahren hat.

Dem Ganzen setzt Jesus eine entscheidende Aussage voraus:
Ich bin nicht gekommen, die Tora und und die Propheten außer Kraft
zu setzen, ich bin gekommen, um sie zu erfüllen.


Jesus will als gottesfürchtiger und frommer Jude nicht seine Religion
auflösen,
nein – er will sie reformieren,
er will sie vollenden.


Dass daraus in der Folge eine schmerzvolle und blutige Spaltung
entstand, und eine neue Religion sich entwickelte,
lag ganz gewiss nicht in seiner Absicht.


Jesus nimmt die Heilige Schrift ernst – das Gesetz und die Propheten,
er sieht in welchem Zustand sich die Welt und sein Volk befindet
und er fühlt sich von Gott berufen, die Welt und sein Volk zu retten.


Doch diese Rettung kann nur erfolgen, wenn eine radikale Umkehr
von allen alten Denkmustern und Handlungszwängen erfolgt.


Buße nennt er das – Umkehr !


Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen –
so sein Ruf an das Volk, an seine Anhänger, Jünger und Jüngerinnen.


Die Welt ist zu retten, wenn sie auf die Stimme Gottes hört,
der täglich und stündlich in seiner Liebe und Fürsorge ruft und wirbt.


Das Reich Gottes, es liegt nicht in unerreichbarer Ferne –
nein – es steht unmittelbar bevor –
ja – es beginnt schon mitten unter uns, wenn wir hören und tun,
was Gott von uns fordert.


Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einer
klugen Frau, einem vernünftigen Mann, die ihr Haus auf Felsen
gebaut haben.
Und dieses Haus wird allen Stürmen und Unwettern stand halten
können, es wird Schutz und Geborgenheit bieten und nicht
untergehen.


Liebe Schwestern und Brüder,
wir sehnen uns doch alle nach solch einem Haus, das auf einem
festen Grund steht und allen Unwettern trotzt.


Wir erleben im Laufe unseres Lebens so viele Unwetter und Stürme,
in denen so manches Gebäude wie ein Kartenhaus zusammen fiel.


Für viele ist nach der Wende 1989 solch ein Kartenhaus zusammen
gefallen.
Überzeugungen, die gestern noch galten, waren heute nichts mehr
wert.
Der Verlust der Arbeitsstelle,
der Verlust eines Lebenspartners durch Scheidung oder Tod,
der Einbruch einer Krankheit, das Auseinanderfallen der Familie
oder der Verrat einer Freundin –
können ein ganzes System, das bislang Geborgenheit und Sicherheit
bot, zerstören.


Unser Haus schien auf Sand gebaut – es droht nun in den Fluten unter
zu gehen.


Gibt es da noch einen Halt? Gibt es da noch eine Rettung?


Ja – solange noch Leben in uns ist, ruft Gott nach uns und bietet uns
seine Hand an.


Aber manchmal ist es so, dass wir diese Hand erst wahrnehmen,
wenn die Wellen über uns zusammenbrechen und wir mit letzter Kraft zugreifen, weil wir sonst keine andere Chance sehen.


Und manchmal ist es auch so, dass wir erst im Nachhinein die
rettende Hand erkennen, die uns durch den Sturm hindurch getragen
hat.


Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich heute auf den Zustand unserer Welt schaue, dann wird mir
auch Angst und Bange.
Die verbale Aufrüstung zwischen den USA und Nordkorea, die einen
Atomkrieg auslösen kann,
die permanente Zuspitzung des Konfliktes mit Russland wie z.B.
durch Nato-Manöver an den Grenzen Russlands,
das immer weiter auseinanderbrechende Gefälle zwischen Armen und
Reichen bei uns und in der ganzen Welt,
die auf Grund von Armut und Umweltzerstörung,
von Kriegen und Hungersnöten ausgelösten Flüchtlingsströme,
die ungebrochene fortschreitende atomare Aufrüstung
und und und….
all das löst in mir die bange Frage aus: Ist die Welt noch zu retten?


Wenn ich die Botschaft Jesu ernst nehme, dann ist die eindeutige
Antwort: Ja!


Aber nur unter der Bedingung der Umkehr –
der Umkehr von den alten Denkmustern und Handlungszwängen,


und der Öffnung für das ganz andere Wertesystem, das Jesus uns in
der Bergpredigt anbietet.


Hier soll das Böse nicht mit dem Bösen überwunden werden,
auf Gewalt und Hass nicht mit Gewalt und Hass reagiert werden,
hier soll verbale Abrüstung erfolgen und auf Lösungen gesetzt
werden, die ohne Gewalt erreicht werden können.


Entfeindung soll geschehen, indem man sein eigenes Verhalten
danach überprüft, was dem Gegenüber hilft, seine Angst vor uns zu
überwinden.


Wir haben das alles schon vor mehr als 30 Jahren in der
Friedensbewegung in Ost und West erkannt und praktiziert.


Und obwohl wir oftmals gezweifelt
und angesichts der Realitäten oft genug hoffnungslos waren,
haben wir trotz alledem daran festgehalten,
weil wir einfach keine andere Chance sahen.


Am Ende haben wir die Mauer fallen sehen und unser Land wurde
wieder vereint.


Das Reich Gottes konnte sich aber in seiner ganzen Kraft und
Herrlichkeit nicht durchsetzten, wie sich bald danach herausgestellt
hat.


Da hat Gott noch so manche Aufgabe und Herausforderung für uns
aufgehoben, vor die er uns nun stellt.


Und solange Leben in uns ist und wir auf dieser Erde wandeln,
dürfen wir uns diesen Aufgaben stellen.


Solange wir auf sein Wort hören,
wird das Haus, an dem wir bauen, auf festem Boden stehen,
uns Schutz und Halt in Stürmen und Unwettern bieten
und Trost und Hoffnung spenden in Zeiten der Dunkelheit und des
Lichts.


Amen.