Predigt · 8. Sonntag nach Trinitatis · 2. August 2020 · Jes Möller

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Johannes 9, 1 – 7

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, und der da war, und der da kommen wird. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich in den Evangelien lese, dann ist von blauen Seen im Norden die Rede, Fischer bessern Netze aus, wir hören von Säufern und Prostituieren, von Motten, aber auch von Lilien. Lebendige, anschauliche Bilder.

Und immer scheint in diesen Geschichten die Wirklichkeit Gottes als eine zweite Ebene durch. Die Texte sind im Wortsinn und im geistlichen Sinn auszulegen. Beide Bedeutungen ergeben sich aus dem Text.

In unserem heutigen Predigttext wird dies besondersdeutlich. Ich werde ihn Vers für Vers auslegen.

Am Ende des 8. Kapitels des Johannesevangeliums verlässtJesus den Tempel in Jerusalem. „Er ging aus dem Heiligtum heraus“. Und hier beginnt unser Predigttext in Johannes 9 Vers 1:


Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Liebe Gemeinde, Jesus sah einen Menschen. Wir erfahren seinen Namen nicht. Wir erfahren gar keine Einzelheiten, er wird nicht einmal als Mann erwähnt, sondern Johannes schreibt, dass Jesus „einen Menschen“ sah. Als wolle er sagen: Es geht hier nicht um einen bestimmten Menschen, es geht um den Menschen. Der Mensch: ein Blinder, blind geboren, schon immer blind.
Blind, aber unter anderen Menschen. Aus dem Tempel kommen viele Menschen heraus. Der Blinde sitzt einfach da, sieht Jesus nicht, wahrscheinlich weiß er ja gar nicht, wer an ihm vorübergeht. In vielen der Heilungsgeschichten kommen die Kranken von sich aus auf Jesus zu oder werden zu ihm gebracht. Der Glaube, dass Jesus ein begnadeter Arzt ist, lässt sie hoffen, geheilt und gesund zu werden. Hier sieht Jesus den Menschen. Es war ein belebter Platz. Aber Jesus geht nicht an dem Blinden vorbei und an seiner Not.
Für uns, liebe Brüder und Schwestern, schon dieser Beginn eine Zusage: Jesus sieht zuerst den Menschen, sieht uns, auch wenn wir ihn nicht sehen!Die Jünger wussten, dieser Mensch ist blind geboren;

im Vers 2 wird berichtet, dass sie fragen:

Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dasser blind geboren ist?

Die richtige Frage für den Rabbi Jesus, sollte man meinen. Jesus war ein jüdischer Rabbi, so wird er hier ausdrücklich angeredet, ein exzellenter Ausleger der Thora. Seinerzeit war klar, eine schwere Behinderung ist die Folge schuldhaften Tuns. Aber eben eigenen Tuns und so stellt sich die Frage, hat der Blindgeborene etwa schon im Mutterleib gesündigt? Das kann eigentlich nicht sein, haben also seine Eltern gesündigt? Blindheit als Folge der Sünde der anderen oder so etwas? Individuelle oder kollektive Schuld?
Für uns klingt das schon etwas akademisch, aber vielleicht meinten sie einfach: Worauf ist es zurückzuführen, dass die Dinge auf dieser Welt offensichtlich nicht in Ordnung sind?
Auch wir fragen heute doch immer noch: Wieso lässt Gott Krankheit und Krieg, Siechtum, Seuchen, Sterben zu?
Wir rätseln immer nach den Ursachen, also warum Dinge nicht in Ordnung sind. Sowohl im Gesellschaftlichen als auch ganz individuell in unserem eigenen Leben: was habe ich falsch gemacht, was haben andere falsch gemacht, dassdie Dinge nicht so stehen, wie sie eigentlich stehen müssten.
Man könnte natürlich auch sagen, die Jünger interessieren sich gar nicht für den Blinden. Angesichts seiner Krankheit, seines Schicksals führen sie ein theologisches Lehrgespräch. Aber da würde man sie schon etwas abqualifizieren. Was hätten sie auch tun sollen? Und so wollten sie wenigstens der Ursache auf den Grund kommen.
Das sind doch auch ganz ernsthafte Fragen: Wie hat sich nur das Leiden in die Welt geschlichen, wenn sie doch Gottes gute Schöpfung sein soll. Es ist gut, dass die Jünger ihrem Rabbi solche Fragen stellen.Ganz anders aber, als sie erwarten, antwortet Jesus.

Vers 3. Jesus antwortete:

Es hat weder dieser gesündigtnoch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

Liebe Gemeinde! Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich finde,er gibt eigentlich gar keine Antwort oder doch nur eine rhetorische. Es klingt, als habe er einfach mal genug von solchen Fragen. Kurz zuvor hatte er im Tempel mit den klugen Gelehrten diskutiert über Abraham, das endete im richtig handfesten Streit. Und jetzt sagt er, es reicht mit euren Warum-Warum-Warum-Fragen. Ich werde euch jetzt mal zeigen, auf was es wirklich ankommt.
Wenn er sagt, er wolle die Werke Gottes offenbaren, dann will er uns also sagen: Fragt zuerst nach dem Wozu, nach dem Ziel Gottes, nicht immer nach dem Warum! Fragt nicht nach dem Grund des Leidens, fragt nach dem Licht der Herrlichkeit.
Gottes Herrlichkeit kommt von vorn, sagt er. Jesus denkt eschatologisch, vom Reich Gottes her. Ich glaube, er will sagen: er ist nicht gekommen, die Welt zu reparieren – dann müsste man wissen, woran liegt es -, sondern um sie neu zumachen.

Liebe Gemeinde, Jesus ist hier nicht mehr der kluge Rabbi, sondern der Eine, der auf die Dinge ganz woanders her schaut. Diese Heilung soll etwas vorwegnehmen, so wie ausWasser Wein wurde, so soll aus dem blinden Menschen ein Sehender werden. Der Text will uns nicht erzählen, was einmal war, sondern davon, was einmal sein wird. Der Mensch ist auf das angelegt, was er durch Gottes Schöpferkraft werden soll. Das will Jesus uns verdeutlichen.Und das ist Gottes Reich, in dem menschliche Verletzungen, Leid, Blindheit und Tod weggewischt sein werden.

Jesus holt in Vers 4 sogar noch weiter aus:

Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandthat, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Stellt euch vor: Jesus steht am Tempel vor dem Blinden, kündigt groß etwas an, fängt dann aber gar nicht an, sondern es gibt mal erst eine kleine Rede. Was will er uns sagen?
Jesus verweist auf die Werke dessen, der ihn gesandt hat. Und Jesus nimmt damit für sich in Anspruch, er handle auf der Heils-Ebene Gottes. In dieser Heilungsgeschichte will der, der Jesus gesandt hat, nämlich Gott selbst, „den Menschen sehen“. Gott selbst will uns zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Was als lebendiges, plastisches Geschehen am Ausgang des Tempels begann, mit unserer menschlichen Sicht, wird umgedreht: Jesus schaut mit den Augen dessen, der ihn gesandt hat, auf die Menschen.
Woher aber diese merkwürdige Eile? „Solange es Tag ist“? Nur noch kurze Zeit?
Zeit war damals viel präsenter als heute – man konnte damals eben nur am Tag arbeiten, die Orte waren nicht rundum die Uhr ausgeleuchtet, abends war es richtig dunkel. Allen war klar: möglichst im Hellen fertig werden. Also eine kluge Lebensregel eines Weisheitslehrers: Nutze den Tag?
Es drückt aber auch noch etwas ganz anderes aus: Jesus ist ganz Mensch, er ist kein ewiges Erlösungsprinzip. Es gibtauch für ihn eine Zu-spät-Zeit. Der Mensch ist der Zeitlichkeit unterworfen und Jesus ist der Zeitlichkeit unterworfen. Unser Glaube hebt die Zeit nicht auf, sondern gibt ihr eine neue Qualität und Ausrichtung. Aber es ist begrenzte Zeit, die wir nutzen sollen.

In Vers 4 bin darüber gestolpert, dass Jesus sagt,

wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist.

Was meint denn eigentlich „wir“? Jesus spricht doch von sich und sagt hier auf einmal „Wir“, also 1. Person Plural. Johannes, der Evangelist, legt das „Wir“ Jesus in den Mund,weil er sich und alle Christen mit einbezieht. Christus und alle, in denen und für die er Licht ist und mit denen er wirkt, müssen Gottes Werke tun, solange wir in der Zeit sind. Wenn Jesus weiter sagt, wir „müssen“ die Werke tun, dann ist das kein Imperativ im Sinne von „Du musst dies und du musst das“, sondern soll heißen, wer nach vorn, auf Gottes Reich hin lebt, wer zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit trachtet und es kommen, es vor sich sieht, der richtet sein Leben gewissermaßen automatisch danach aus und setzt als Werkzeug Gottes seine Werke hier ins Werk, ganz der Welt zugewandt.

Es folgt Vers 5

Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Jetzt leuchtet Gottes Wirklichkeit so richtig auf. Jesus, so der Evangelist, schaut hier nicht als Menschen auf Gott, sondern das ist die Sicht Gottes auf den Menschen, er nimmt für sich erneut in Anspruch, Gottes Licht zu sein. Und das bedeutet: Jesus lässt sich nicht vereinnahmen als begnadeter Arzt, er ist nicht ein verfügbarer Mensch, den wireinordnen und einnorden können. Er ist kein Supermenschen. Jesus ist dem Evangelium zufolge immer auch zugleich der ganz Andere.
Und so beschreibt Johannes Jesus in unserem kleinenAbschnitt ganz als Menschen (und zwar ganz und gar als Menschen) und als Gott (und zwar ganz und wiederum ganzund gar als Gott). Gott von Gott, Licht von Licht, für uns Mensch geworden.
Aber weiter im Text und ganz dicht zum Text. Er sagt: „Solange“ ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Wiemüssen wir dieses „solange“ verstehen? Das bedeutet nicht, solange ich – Jesus – in der Welt bin, und danach bin ich weg, sondern das griechische Wort im Urtext bedeutet „wann immer“. Es meint Christus: Wann immer er in der Welt ist, ist er das Licht der Welt. Wann immer Christus in uns scheint und wirkt, sind er – und sind wir – das Licht der Welt. Und wenn ihr müde und resigniert sind, in den dunkelsten Stunden, dann erinnert euch an diese Zusage: Wann immer er in der Welt ist, ist er unser Licht.
Und nun macht sich Jesus ans Werk. Die realistische Ebenetritt wieder deutlicher hervor.

Vers 6:

Als er das gesagt hatte, spuckt er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

Geht die pralle realistische Geschichte weiter? Back on earth gewissermaßen? Voller Farbe und Interesse an Einzelheiten? Ja. Denn wir Menschen sollen die Hoffnung nicht bildlos haben, auch wenn uns nach 2000 Jahren das Bild vom Erde-Speichel-Brei nicht sofort einleuchtet und wir uns heute andere Bilder menschlicher Heilung vor Augen führen müssen, um die Vorwegnahme des Reiches Gottes farbig und greifbar, körperlich zu sehen.Aber die zwei Ebenen in einer Erzählung, das haben wir auch hier. Jesus spuckt auf die Erde. Und das heißt ja nicht,er spuckte in den Dreck, sondern er nimmt denselben Stoff, aus dem Gott selbst den Menschen gemacht hatte.Gott der Herr formte aus Erde alle Tiere des Feldes und alleVögel des Himmels. und die Menschen aus Erde und blies in seine Nase den Lebensatem. So steht es in der Schöpfungsgeschichte. So ist es nicht nur Erde, mit der Jesus heilt, sondern Gottes lebendige, fast würde ich sagen:künstlerische Schöpferkraft ist am Werk. Doch zurück zum Geschehen: Und als er den Brei aus Speichel und Erde auf den Augen verstrichen bekam, da war der Blinde geheilt? Jesus handelt, und alles ist gut, meint ihr? Nein, ganz so ist es nicht. Der Blinde muss seinen eigenen Beitrag leisten. Aber was muss er tun?

Und Jesus sprach zu dem Blinden, gehe zu dem Teich Siloah, das heißt übersetzt gesandt, und wasche dich. Da ging der hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Etwas Merkwürdiges. Der von Geburt an Blinde, der selbst eigentlich ja gar nichts von Jesus wollte, soll nach dieser merkwürdigen Prozedur nun aufstehen und sich – er ist ja noch blind! – durch die halbe Stadt durch das Gewimmel deralten Gassen bis hin zum Teich Siloah bewegen und dort komplett ins Wasser tauchen.
Ich stelle mir ihn vor und das ist für mich das eigentliche Rätsel der Geschichte: Warum macht er das, warum steht er auf? Da nimmt ein Rabbi Erde, spuckt hinein, und er, der von Geburt an blind war, soll vielleicht geheilt werden? Warum glaubt er Jesus?
Irgendwie muss er es immerhin für möglich gehalten haben, dass er all dies, wovon andere ihm immer erzählt haben, wird sehen können: die blaue Seen, die grüne Blätter im warmen Wind, die Fischer, die ihre Netze ausbessern, der Blick von einem Berg in die weite Landschaft. Ich kann es mir so erklären: Er denkt nicht mehr an das Warum-ist-es-so-gekommen, sondern an das Was-kann -werden, Was-kann-vielleicht-werden. Er weiß, was jetzt ist, und doch er stellt sich vor, was werden könnte. Das ist sein Antrieb, deshalb macht er sich auf den Weg.
Und das finde ich auch toll an der Geschichte, dass dieses unsichere Losstolpern des Blinden vor Gott genügt! Ein fester und ganz sicherer Glaube ist offensichtlich nicht nötig.Wichtig ist nur: Dass wir uns an dem Ziel unseres Lebens ausrichten, an dem, was kommen soll, und uns dann auf den Weg machen, sei es unsicher, sei es tastend. Das soll diese Geschichte uns heute bedeuten.
Und angekommen am Ziel werden wir staunen wie der Blinde. Der Blinde hatte, denke ich, so seine Vorstellungen von Farben, er hatte ja viel davon gehört. Ich bin mir sicher: Als er sehen konnte, war er überwältigt, fand er die unglaubliche Vielfalt der Farben phantastisch, noch so viel schöner, als er es sich vorgestellt hatte. Und so wird es uns auch gehen.

Liebe Gemeinde! Wir haben jetzt die gesamte Geschichte gehört. Sie lässt sich kurz zusammenfassen. Jesus begegnet einem Menschen. Dieser macht sich, von Jesus losgesandt, aus Glauben an die Heilung, die kommen soll, auf den Weg und taucht im Wasser unter, um heil zu werden, und er wird dann auch wirklich geheilt. Eine Erzählung, die berichtet und vorweg nimmt, was kommen soll im endgültigen Reich der Freiheit.Im Verlauf des Textes, der heute nicht mehr Predigttext ist, wird sich an diese Heilung erneut eine heftige Auseinandersetzung mit der etablierten religiösen Gemeinschaft der damaligen Zeit anschließen. Ich finde dasnur folgerichtig. Dieses extrem eschatologische Von-Gottes-Zukunft-her-Denken, vom Telos, vom Ziel, stellt ja das, was ist, grundlegend in Frage, weil es ja doch ganz anders werden soll. Am Ende dieser Auseinandersetzung scheint alles anders geworden zu sein: der Blinde ist sehend geworden, und die, die alles scheinbar so genau, so selbstgewiss erklären können, werden von Jesus zu Blinden erklärt. Jesus selbst fasst das Geschehen am Ende des 9. Kapitels so zusammen:

„Um zu trennen, bin ich in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden.“

Wir haben den Predigttext gerade Vers für Vers gehört und ich möchte ihn jetzt im Zusammenhang vorlesen.

Die Heilung eines Blindgeborenen
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn undsprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessenwirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machtedaraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen desBlinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde! Wir Christen, so das Evangelium, sind Blinde, die sehend werden. Wir leben als Kinder des Lichts, auch wenn wir der Zeitlichkeit unterworfen sind. Von vorn, von Gottes Zukunft, kommt schon jetzt ein heller Schein in unsere Herzen. Und deshalb: Öffne Gott auch uns Blinden die Augen, dass wir sehend werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christo Jesu. Amen