Predigt · 7. Sonntag nach Trinitatis · 19. Juli 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Jul 22, 2015 in Predigten | No Comments

Johannes 6, 1 – 15

Liebe Schwestern und Brüder,


wir hörten vorhin in der Evangeliumslesung die Geschichte von der
Speisung der Fünftausend.
Es ist eine der bekanntesten Geschichten aus dem NT.
Alle vier Evangelien erzählen davon.
Und das weist darauf hin, dass diese Geschichte damals schon sehr
bekannt war und überall erzählt wurde.
Alle vier Evangelien erzählen diese Geschichte ein wenig anders,
wir gehen heute auf die Version im Johannesevangelium näher ein.


Johannes erzählt, dass Jesus am See Genezareth ist und versucht, den
vielen Menschen, die ihm nachfolgen, auf einem Berg auszuweichen.


Viele Zeichen und Wunder und Krankenheilungen hat er getan und
die Menschen folgen ihm nach, um in seiner Nähe zu sein und von
seinen Heilungen zu profitieren.


Umsonst hat er die Menschen geheilt, er hat kein Geld von ihnen
genommen, also kein Geschäft aus seinen Begabungen gemacht –
und das hat wohl in erster Linie arme Menschen angezogen,
die sich sonst keinen Arzt leisten konnten.


Jesus zieht sich zurück auf einen Berg und versucht, ein wenig Ruhe
zu haben.
Doch da sieht er das Volk und er erkennt sofort die prekäre Lage in
der sich alle befinden.


5000 Menschen – die kann man nicht einfach mal so beköstigen.
Wo soll man in dieser wüsten Gegend etwas zu kaufen bekommen für
so viele Menschen?
Und selbst wenn man einen Laden findet – woher soll man das Geld
dafür nehmen?


So antwortet dann Philippus auch ganz realistisch: Selbst wenn wir
200 Silbergroschen hätten, würden die nicht ausreichen, um all diese
Menschen satt zu bekommen.


200 Silbergroschen ist ein Menge Geld. Der Tageslohn eines
Erntearbeiters betrug ca 1 Silbergroschen.
200 Silbergroschen wären also ein Lohn von einem halben Jahr.


Aber selbst diese Menge Geld würde nicht ausreichen, um all diese
Menschen satt zu bekommen.


Mit Geld ist dieses Problem also nicht zu lösen.


Und nun geschieht etwas unglaubliches.
Ein Kind kommt mit einem Korb, in dem 5 Brote und zwei Fische
sind.


Dass es ausgerechnet ein Kind ist, das mit Lebensmitteln kommt,
ist bemerkenswert.
Es hat nicht viel, aber was es hat, gibt es her, freigiebig und ohne zu
handeln und ohne danach zu fragen, ob es sinnvoll ist, diese wenigen
Brote zu verteilen und diese nicht viel eher für sich zu behalten.


Jesus lässt die Menschen sich lagern.


Erste einmal sollen sie ihre müden Beine ausruhen, ihre schweren
Taschen absetzten und sich gegenseitig bekannt machen.


Und dann nimmt er die Brote, spricht ein Dankgebet darüber und
verteilt sie.
So macht er es auch mit den zwei Fischen.

Beides teilt er aus, ohne danach zu fragen, ob es reicht.
Er gibt sie einfach weiter.


Und dann geschieht das Wunder – es reicht, alle werden satt und es
werden sogar noch 12 Körbe mit Brocken eingesammelt, die
übrigblieben.


Liebe Schwestern und Brüder, nun kann man natürlich viele
Erklärungen dafür finden, wie das geschehen konnte.


Eine Erklärung ist, dass das freigiebige Austeilen Jesu der wenigen
Gaben, die er hatte, eine Welle der Solidarität und der Großzügigkeit
ausgelöst hat,
so dass jeder in seine Tasche gegriffen hat und herausgeholt hat,
was da war – am Ende war es mehr als genug.


Das ängstliche und sorgenvolle Festhalten an den eigenen Vorräten
löste sich auf unter dem großzügigen Verschenken Jesu an alle
Bedürftigen.


Die Sorge, nicht genug zu bekommen, verwandelte sich in Vertrauen
auf die Hilfe und den Beistand der Versammelten.


Und diese versammelten Menschen standen unter dem Einfluss Jesu,
der sich als Sohn Gottes ganz unter die Fürsorge seines Vaters stellte.


So bewirkt Gottvertrauen die Befreiung von Angst und Sorge
und die Hinwendung zum Nächsten.


Liebe Schwestern und Brüder, wir können natürlich auch dieses
Wunder der Brotvermehrung als ein Wunder ohne wenn und aber
annehmen,
aber selbst wenn man diese rationale Erklärung dafür nimmt,
scheint mir doch beides gleichermaßen ein wirkliches Wunder zu
sein.
Dass Menschen bereit sind, das wenige zu teilen, was sie haben und
dabei zu erleben, dass es mehr als genug ist – das ist in meinen
Augen auch ein wirkliches Wunder.


Liebe Schwestern und Brüder, wir erleben in diesen Tagen, Wochen
und Monaten eine atemberaubende Zerreissprobe Europas an der
Frage um Griechenland.


Da ist ein Land in Armut und Elend gefallen, weil die korrupten
reichen Eliten dieses Land in den Abgrund gejagt haben.
Und nun wird eine andere Regierung vom Volk gewählt, um einen
Ausweg aus diesem Elend zu finden.


Und diese Regierung will nun wirklich einen Ausweg finden, in dem
nicht die Armen und die Steuerzahler wieder mal zur Kasse gebeten
werden,
sondern das angehäufte Kapital umverteilt wird und die Reichen zur
Verantwortung gezogen werden.


Und wir erleben einen Aufschrei und die harte Hand der Mächtigen
in Brüssel und in der EU – allen voran Deutschland mit einer Partei,
die sich christlich demokratisch nennt –
die es nicht zulassen, dass das Volk über seinen eigenen Weg
bestimmen soll
und es sogar noch dafür bestrafen, dass es gewagt hat, selbst zu
entscheiden.


So viel zum Demokratieverständnis in unserem westlichen Europa.


Liebe Schwestern und Brüder, kommen wir zurück zu unserem Text.


Die beiden letzten Verse in unserer Geschichte machen mich sehr nachdenklich. Da heißt es: Als Jesus nun merkte, dass Menschen
kommen würden und ihn mit Gewalt ergreifen und zum König
machen wollen, entwich er wieder auf den Berg.


Warum, um alles in der Welt, will denn Jesus nicht König werden?


Wer, wenn er nicht er, könnte doch wirklich für Frieden und
Gerechtigkeit sorgen!


Ich kann die Menschen verstehen, die ihn zum König machen wollen,
ich würde das auch begrüßen.


Wenn ich mir die Machthaber dieser Erde anschaue, dann kann man
doch wirklich verzweifeln.


Warum will er denn nicht das Zepter übernehmen und mal Ordnung
schaffen auf dieser Welt?


„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ antwortet Jesus dem Pilatus,
als der ihn fragt, ob er der König der Juden wäre.


Aber er sagt auch, dass er ein König ist – ein König – aber ohne
irdische Macht und Gewalt.
Ein König der Liebe, der Barmherzigkeit, der Geduld und der
Vergebung.


Das ist ein Konzept, das nicht in die weltlichen Machtstrukturen
passt.


„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die
Mächtigen ihnen Gewalt antun. So aber soll es nicht sein unter euch.“
(Matth. 20,25f) – das sagt Jesus seinen Jüngern als sie darüber
streiten, wer wohl der Größte unter ihnen sein würde.


Jesus lehnt jegliche Form der Macht und der Gewalt ab.
Wenn er König von Israel sein würde, müsste er sich fügen in die
irdischen Machtstrukturen.


Aber er will nicht König sein und das nimmt ihm am Ende das Volk
übel, denn sie hatten große Hoffnungen in ihn gesetzt.


Sein Weg ist der Weg von unten.
Sein Weg ist der Weg bei den Armen und Ausgegrenzten,
bei den Kranken und Notleidenden.


Und alle, die sich als Christen bezeichnen, seien sie nun in politischer
Verantwortung oder nicht, haben sich an diesen Richtlinien zu
orientieren.


Wir als christliche Gemeinde und christliche Kirche müssen dieses
immer wieder einklagen und einfordern.
Wir nennen das auch das Prophetenamt der Kirche.


Schauen wir noch einmal auf das Wunder der Brotvermehrung:
Die unglaubliche Geldsumme von 200 Silbergroschen hätten nicht
gereicht, um die Massen von Menschen satt zu bekommen.


Aber der Wille zu teilen
und der Verzicht, auf sein Recht und auf seinen Besitz zu beharren,


machten das Wunder möglich, das alle satt wurden und noch etliche
Körbe übrigblieben.


Möge Gott uns die Angst nehmen, zu kurz zu kommen und möge er
uns in das Vertrauen führen, dass wir alle satt werden an Leib und
Seele, wenn wir uns auf seine Richtlinien einlassen. Amen.