Predigt · 5. Sonntag nach Trinitatis · 8. Juli 2012 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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1.Mose 12, 1 – 4a

Liebe Schwestern und Brüder,


„Gute Reise“, „Gute Fahrt“, „guten Flug“, „passt auf euch auf und
kommt gesund wieder“ –


manch eine und manch einer hat das in diesem Sommer schon gehört
oder auch gesagt zu Menschen,
die einem lieb und teuer sind
und die sich nun auf die langersehnte Reise in den Urlaub begeben
haben.


Eine Reise ist immer mit der Vorfreude auf das Neue, auf das
Abenteuer verbunden,
aber auch mit Sorgen und Ängsten vor dem Ungewissen und den
Gefahren.


Verabschieden geht einher mit dem Schmerz der Trennung
aber auch mit guten Wünschen für die Reisenden.


Viele Situationen kennen wir auch aus dem Alltag.


Wenn die Kinder morgens zur Schule gehen und wir sie umarmen mit
einem fröhlichen „mach´s gut“,


Freunde sich am Abend nach einem schönen Essen verabschieden mit
einem ehrlich gemeinten „bis bald“,


oder das Paar sich vor dem Schlafengehen eine „gute Nacht“ wünscht.


Abschiedsrituale in unserem Alltag sind wichtig, um den Alltag zu
bestehen,
den Gefahren auf den Wegen, die dann getrennt voneinander zu
gehen sind, gewachsen sein zu können.


Das Mitgeben von guten Wünschen für den Reisenden,
die Bitte um Schutz und Halt kennen wir auch unter dem Wort
„Segen“.


Vor ein paar Jahren habe ich die Kinder von einer deutschen
Mutter und einem kurdischen Vater getauft
und die Mutter erzählte mir, dass der Vater seine Kinder jeden
Morgen mit dem Segen Gottes aus dem Haus verabschiedet.


Das hat mich sehr bewegt.


Vielleicht kennen das auch noch einige unter uns von der
Großmutter, die ihre Enkelkinder mit einem Segenswort entließ.


Ein ganzer Reichtum von Segensworten und Segenshandlungen
begegnet uns in der Bibel
und da vor allem in der Hebräischen Bibel, dem 1. Testament.


Wir haben vorhin die Geschichte von Abraham und Sara gehört,
die von Gott aufgefordert werden, sich aufzumachen in ein Land,
das ihnen Gott zeigen will.


Alles sollen sie hinter sich lassen: das Vaterland, die
Verwandtschaft, und das Haus des Vaters
um in ein Land zu ziehen, das Gott ihnen noch nicht einmal
verrät.


Das ist schon eine aufregende Geschichte.


Das Vaterland – das bedeutet Heimat, Haus, Hof, materieller
Besitz, die vertraute Landschaft, die vertraute Sprache, die Kultur und die Religion


Die Verwandschaft – sie bedeutet soziale Absicherung, das soziale
Netz, die Burg, die Schutz bietet vor Angriffen von außen.


Das Vaterhaus – das Symbol für die eigene Identität, Verwurzelung mit
den Ahnen, mit der Tradition, der Religion und der Kultur


Verlasse das alles und geh:
„in ein Land, das ich dir zeigen werde“ sagt Gott.


Da ist alles offen, keine nähere Beschreibung, keinen Hinweis auf
Entfernung, räumliche oder zeitliche, keine Himmelsrichtung –


nur der Ruf: mache dich auf und ich zeige dir wohin.


Abraham weiß nicht wohin es geht, er weiß nur, er soll alles
zurücklassen,
sich von allem trennen, um in eine unbestimmte offene Zukunft zu
gehen.


Das ist sowohl Abendteuer als auch Zumutung.


Aber Gott lässt ihn nicht alleine ziehen, nicht ohne Schutznicht
ohne Segen.


„Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segen und dir
einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“


Ein neues Land, einen großen Namen und den Segen –
ein Segen, der auf alle Geschlechter der Erde übergehen soll.


Von allem soll er sich lösen: die Sicherheit, die Kultur, die Religion,
die Identität
und er soll sich anvertrauen einem unsichtbaren Gott, der sich
ihm als der höchste und einzige Gott offenbart.


Und dessen Name heißt: „ich bin da“ oder „ich bin mit dir“


Und so macht sich Abraham mit seiner Sarah auf den Weg,
um keinem geringenen als diesem unsichtbaren Gott zu folgen,


der bei ihm ist – über ihm, unter ihm, neben ihm,
in ihm.


Und die Reise soll sie in ein Land führen, in dem sie die
Gegenwart Gottes entdecken, mitten in dieser Welt.


Liebe Schwestern und Brüder,
Abraham und Sara galten von alters her als das Vorbild für ein
gottesfürchtiges und frommes Ehepaar.


Wir wissen, wieviele Gefahren und Versuchungen ihnen
begegnen auf ihrer langen Lebensreise.


Wir wissen, wieviele Zweifel und Verirrungen es auf dieser Reise
für sie gab.


Das Versprechen, aus ihnen ein großes Volk zu machen,
wurde durch die lange Kinderlosigkeit von Sara stark
angezweifelt.


Und das gelobte Land, die versprochene neue Heimat,
haben erst viele Generationen nach ihnen betreten können
unter vielen Mühen und Kämpfen und immer mit der Gefahr des
Verlustes bis auf den heutigen Tag.

Der Gott Israels, der der Gott Jesu ist, lässt sich nicht in ein festes
Haus, in ein bestimmtes Land oder in eine dogmatische Religion
einsprerren.


Der Gott Israels ist ein Gott, der aus erstarrten Strukturen, aus Sklaverei
und Unmündigkeit heraus ruft und in die Freiheit führt.


Eine Freiheit, die ihren Halt in der Liebe Gottes findet,
sich aus dieser Liebe speist
und so zu unserem Nächsten und zur Welt führt.


Jesus hat uns das in seinem Leben vorgeführt.


Das Vertrauen in seinen Vater,
die Sorglosigkeit um die alltäglichen Dinge,
das Mitgefühlf für die Sorgen und Nöte der anderen,
die Kraft zu trösten und zu heilen
und die tägliche Bitte um das Kommen des Reiches Gottes
hat ihn direkt in dieses Reich geführt.


So sollen und dürfen auch wir uns auf diese Wanderschaft begeben.


Es ist ein tägliches Besinnen und Aufbrechen,
ein ständiges Prüfen und Abwägen über unseren Weg,
wo er uns hinführt – in eine neue Knechtschaft oder in das Reich
Gottes.


Und so führt uns diese Wanderschaft nicht in weite Fernen
oder große Höhen,
oder in ein Land, das wir mit Mauern sichern und mit Waffen
verteidigen müssten,
sondern sie führt uns in die Mitte unseres Seins – zur Quelle unseres
Lebens – in das Reich der Freiheit Gottes.


Und die Vermehrung dieses Volkes ist nicht abhängig von der
Fruchtbarkeit einer Sara oder der Manneskraft eines Abrahams,
sondern der Heilige Geist ergießt sich mit seinem Samen über
Frauen und Männer und macht so zu Kindern Gottes, die sich
von ihm bewegen lassen.


So will Gott sein Volk sammeln und vermehren.


Über all denen will er seinen Segen ausgießen –


Aber allen, die sich diesem Geist widersetzten und ihn
blockieren, will er Einhalt gebieten – die Bibel spricht vom
Fluch.


„Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich
verfluchen.“


So ernst ist es Gott mit seinem Reich der Freiheit –
einen Missbrauch duldet er nicht.


So lasst uns aufbrechen zu dieser Wanderschaft,
wie Abraham und Sara,
er will auf dieser Lebensreise mit uns sein.


So stärke und kräftige uns Gott mit seinem Segen,
dass er uns Schutz und Schirm vor allem Bösen
und Kraft und Hilfe zu allem Guten ist.
Amen.