Predigt · 2. Sonntag nach Trinitatis · 13. Juni 2021 · Pfarrerin Stefanie Sippel

Posted by on Jun 14, 2021 in Predigten | No Comments

1. Korinther 14, 1 – 12 + 23 – 25

Das, was wir alle gemeinsam haben, ist die Angst vor dem sozialen Abstieg. Morgens nach dem Aufstehen gehe ich schnell Brötchen und einen Kaffee holen, springe in die U-Bahn und fahre ins Büro. Ich stelle meine Tasche ab und richte meinen Arbeitsplatz ein. Rechner hochfahren und Papierkorb auf den Boden stellen. Ich öffne das E-Mail-Postfach und prüfe die Mailbox.

Auf meinem Weg ins Büro haben andere die Arbeit gemacht, die ich niemals tun möchte oder froh bin, nicht mehr tun zu müssen. Jemand hat Brötchen gebacken, ist für mich ein Bahnführer gewesen, hat die Böden in meinem Büro gereinigt. Und auch wenn sie diese Arbeit lieben sollten: im Ansehen und in der Vergütung steht sie nicht hoch im Kurs.

Manche Menschen haben im Hinblick auf ihre Arbeitsstelle in der Corona-Zeit profitiert. Andere haben ihre Arbeitsplätze in der Krise verloren.

Als die DDR zuendeging und Deutschland wiedervereinigt wurde, haben viele schon einmal diese Erfahrungen im Positiven wie im Negativen gemacht. Während einige politisch Geächtete doch noch ihren Traumberuf ergreifen konnten, verloren beispielsweise Uni-Professoren ihre Titel und mussten sich auf den eigenen Posten, den sie jahrzehntelang innehatten, neu bewerben.

Diese Beispiele zeigen, dass sich der soziale Status eines Menschen nicht dauerhaft festlegen lässt. Er muss sich bewähren. Und das verunsichert oder lähmt. Und der soziale Status ist in jedem politischen System einer faktischen Ungleichheit und Ungerechtigkeit unterworfen.

Paulus bittet die Menschen in Korinth darum, gut miteinander im Gespräch zu sein: „Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde.

Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?“

Zu der korinthischen Gemeinde, an die Paulus schreibt, hielten sich privilegierte Menschen und einfache Leute.

Es gelang in der Gemeinschaft der Glaubenden zu überwinden, was gesellschaftlich galt – mit wenigen Ausnahmen. Man denke an die Geschichte vom Essen beim Abendmahl. Unfair sei es, wenn die Wohlhabenden sich sattessen und nichts mehr übrig bleibt für die Arbeitenden, die nach Feierabend darauf angewiesen sind. Diese Tücken versuchte er ihnen auszutreiben. Er malt das Bild des einen Leibes mit vielen unterschiedlich begabten Gliedern.

Ein Prophet gilt, wie Jesus schon wusste, nicht viel im eigenen Land. Propheten sind öffentliche Personen wider Willen. Sie lassen sich für den guten Zweck hassen. Die göttliche Beauftragung zwingt sie, Botschaften zu übermitteln. Dabei ging es bei den Propheten der Bibel häufig um Kritik an der ungerechten Gesellschaft oder um einen lieblosen Kult. Heute würde ein Prophet wohl über den Antisemitismus oder das Klima sprechen. Prophetie ist aber immer auch mehr als das, bringt immer eine Weisheit hervor, die etwas sagt, was man nicht schon wusste oder was viele sagen. Damit sich Dinge ändern.

Propheten haben einen echt schlechten Stand in unserer Gesellschaft, wie man diese Woche erfahren konnte.

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock machte zuerst die Erfahrung, in den Dreißigern schon so weit nach oben zu gelangen im Status und sofort dann auch, wie angreifbar sie in dieser Position ist. Ein paar Fehler. Und schon ist das Vorhaben, für das sie ein Leben lang hart gearbeitet hat, gefährdet.

Durch die Presse ging in dieser Woche eine Werbekampagne gegen Annalena Baerbock. In einer Foto-Montage sah man sie mit dunkelgrünem Gewand wie in einem altertümlichen Spielfilm als der Mose mit Steintafeln unterm Arm. Darauf standen anstelle der 10 Gebote 10 Verbote, wie: „Du darfst nicht fliegen“. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hatte diese Werbung in der Zeit und der Süddeutschen geschaltet.

Baerbock steht für Themen wie Mietendeckel und einen höheren Spitzensteuersatz sowie ein Tempolimit auf der Autobahn. Alles typisch prophetische Themen. So wie die Themen auch anderer Parteien. Haben mit Bewahrung der Schöpfung und sozialer Gerechtigkeit zu tun. Aber Frau Baerbock ist keine Prophetin, sondern Politikerin. Sie will diese Themen nicht prophetisch behandeln.

Politiker sind dazu da, Gesetze zu erlassen. Aber ihr wird es übelgenommen, dass sie ein Programm hat. Und so wird ihr ein Negativimage gegeben vom Propheten. Das ist interessant. Es zeigt uns: Prophetie wird falsch verstanden.

Paulus spricht: redet prophetisch. Heißt das, ich soll reden wie Moses? Ich soll zwei Tafeln mit den zehn Geboten empfangen und sie dem Volk bringen, das in der Zwischenzeit sich eine alternative Religion gesucht hat? Ich soll mich Jahrtausende später noch verhöhnen lassen dafür? Die Darstellung als Mose ist religionsfeindlich und zeigt die gängige Meinung: Der Prophet sei der Fremde, der meinen Frieden stört. Er sei ein Gutmensch, der sich anderen moralisch überlegen fühlt, rumnervt und lieber kein Gehör bekommen sollte.

Paulus meint etwas anderes. Gemeint ist wohl – wie schon bei Mose – nicht die schlichte Belehrung im und zum Glauben. Prophetisch reden ist mehr als die Zukunft vorhersagen oder eine Weisheit von sich zu geben. Die prophetische Rede ist nicht dazu da, dass wir uns selbst bestätigen mit der Klugheit über das, was notwendig ist. In dem Fall wäre die Rede sogleich genau das, was sie aufzuheben versucht, überheblich und ausgrenzend. Prophetische Rede ist wertschätzend und vermag, den Empfänger durchlässig für den Gott Israels zu machen.

Und das ist auch richtig: Man muss nicht in allem verständlich sein für die ferner Stehenden.

Beim Eurovision Songcontest gefallen einem auch die Lieder, die niemand versteht.

Die prophetische Rede lebt nicht davon, dass einer viel sagt. Ein richtiger Satz genügt schon. Es geht um Wirksamkeit. Sie soll – so verstehe ich Paulus – verständlich, aktuell, konkret, in eine Situation hineingesprochen, aufbauend im Sinne einer spirituellen Praxis. Für die Gemeinde.

Was aber ist die Zungenrede?

Menschen sprechen ohne Punkt und Komma und ohne eine erkennbare Betonung. Das muss nicht unkontrolliert sein. Es kann auch bei vollem Bewusstsein geschehen. Letztendlich das, was an Pfingsten passiert ist.

Die Zungenrede wird von Paulus nicht marginalisiert. Er selbst beherrscht sie. Und so darf seine Abwehr hier weder als Verurteilung jüdischer noch anderer religiöser Praxis verstanden werden. Heute wäre das die ausgrenzende Sprache, die man versucht, inklusiver zu gestalten mit leichten und geschlechtergerechten Formulierungen. Ein pauschaler Seitenhieb in die Richtung von freikirchlichen Geschwistern, die die Zungenrede praktizieren, ist nicht gerechtfertigt. Eine Prüfung im Einzelfall natürlich immer.

Hier wird gesagt, diese Rede kann übersetzt und gedeutet werden. Es gehört zu den Gaben Gottes, so reden zu können.

Die Gesellschaft funktioniert nach Prinzipien, die für alle hart sind. Schon morgen können wir ganz anders da stehen. Gott spricht mit weitem Herzen und offenen Armen. Er lädt alle ein; neben denen, die vor Energie strotzen, die Menschen, deren Herzen beladen sind und deren Arme schwer herabhängen. Gott verspricht Weisheit, Trost und neue Lebensenergie. In Gottes Namen laden wir Menschen in unsere Gemeinden ein. Hier ist die Möglichkeit aufzuatmen und eine Pause einzulegen.

Deshalb ist es so wichtig, Schutzräume zu schaffen. In der Familie. Im Freundeskreis. Im Wohnort. In der Kirchengemeinde. Ein Instrument ist die prophetische Rede. Im Glauben an den Gott Israels werden Machtstrukturen aufgehoben und allen Menschen gleich viel Macht zugesprochen. Der Maßstab, nach dem gemessen wird, sind die Fähigkeiten, die Gott den Menschen gegeben hat und der Leitfaden, nach dem ein Mensch sich richten kann für ein gelingendes Leben.

Natürlich wird es immer Situationen geben, die Menschen ausgrenzen. Aber die Gemeinde kann der Ort sein, an dem um Verständigung gerungen wird. Weil es unerträglich ist, in der Welt so anfällig zu sein gegenüber diesen Ungleichheiten und Diskriminierungen. Wir könnten aufmerksam werden auf die Verzahnung von Unterdrückung von Leuten, die keine Plattform haben und wenig Wahlmöglichkeiten, aber unser Leben als Putzfrau, U-Bahn-Fahrer oder Bäckerin absichern.

Paulus besteht darauf, dass dieser Schutzraum dann auch nicht ausgrenzend ist. Hier haben sowohl Politiker*innen mit und ohne Doktortitel Platz als auch diejenigen Initiativen, die eine sachliche Auseinandersetzung scheuen und stattdessen lieber geschmacklose Werbung schalten. Hier ist Platz für alle, die sich der Grausamkeit aussetzen, sich mit ihren Mitmenschen an einen Tisch zu setzen.

In der Gemeinde können wir überlegen: Wie trage ich dazu bei, für Distanzierte überzeugend und für Ausgegrenzte einladend zu sein?

Prophetisch zu reden wäre hier der Streit um die beste Lösung für die in den Verboten wie „Du sollst nicht fliegen“ angezeigten Probleme.

Prophetisch zu leben ist der Versuch, sich innerlich Stück für Stück freizumachen von dem, was faktisch ausgrenzt. Heute Morgen können wir hier zusammensitzen und eingeladen sein, als Gleiche an Gottes Tisch zu treten und einmal Pause zu machen von dem, was uns heute Nacht wieder den Schlaf raubt. Amen.