Predigt · 18. Sonntag nach Trinitatis · 25. September 2016 · Pfarrerin Heike Richter

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Römer 14, 17 – 19

Nicht Essen und Trinken machen Gottes Welt aus, sondern
Gerechtigkeit, Frieden und Freude – bewirkt durch die heilige
Geistkraft.
Wer davon bestimmt Sklavenarbeit für den Messias leistet, macht
Gott Freude und wird von den Menschen geachtet.
Darum sollten wir uns für den Frieden einsetzen und für das, was
unser Miteinander fördert.
(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)


Gott segne sein Wort an uns.


Liebe Gemeinde,
„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. Viele von uns
kennen diese Volksweisheit, denke ich. Und ich verbinde sie mit der
Generation meiner Mutter und meiner Großmütter, mit Frauen, die
richtig gut kochen konnten und können, denen man die Freude daran
ansah, wenn es den von ihnen Bewirteten schmeckte, die gerne dann
dazu animierten, ein zweites Mal zuzulangen: Denn Essen und
Trinken hält doch Leib und Seele zusammen. Wer lässt sich da schon
zweimal bitten.


Die Frauen, die mir so vor meinem inneren Auge stehen, entstammen
den Generationen, die den Zweiten Weltkrieg oder sogar noch den
Ersten miterlebt haben. Oft kannten sie deshalb aus eigener
Erfahrung den Hunger und die damit verbundenen
Herausforderungen, das damit verbundene Leid. Essen und Trinken
halten Leib und Seele zusammen, und wo beides nicht gegeben ist,
drohen Leib und Seele Schaden zu nehmen. Kinder werden in ihrer
körperlichen und geistigen Entwicklung beeinträchtigt. Die
vergebliche Suche nach Nahrung treibt Menschen in Verzweiflung
und macht sie manchmal zu Taten fähig, die sie unter normalen
Umständen niemals für möglich gehalten hätten.
Unser Predigttext irritiert da im ersten Moment etwas, wenn es heißt:
„Nicht Essen und Trinken machen Gottes Welt aus“, geht es doch
Gott sonst um den ganzen Menschen, als Einheit aus Leib und Seele,
die als heil erfahren werden soll. Sollte Paulus so weltfremd sein,
dass er um die zerstörende Kraft des Hungers nichts weiß? – Hunger,
der gerade mit Ungerechtigkeit, Krieg und Not in Verbindung steht
und Gerechtigkeit, Friede und Freude ohne die nötige Nahrung kaum
vorstellbar sind?


Natürlich ist Paulus nicht so weltfremd, denn er bewegt sich ja in den
christlichen Gemeinschaften der damaligen Zeit – in Korinth, in
Ephesus und anderen mehr. Hier versammelten sich gerade auch
Mühseligen und Beladenen, die im Römischen Reich so zahlreich
waren – Menschen, die ums Überleben kämpften. Wie sollte er deren
Not nicht wahrgenommen haben? Er selbst arbeitete hart für sein
tägliches Brot als Zeltmacher usw.. Von daher ist es hilfreich, nach
dem Zusammenhang unseres Predigtabschnittes zufragen, in dem er
im Römerbrief steht. Sehr schnell wird dann deutlich, dass es Paulus
hier um das Miteinander in der Römischen Gemeinde geht und zwar
auf dem Hintergrund der Verletzlichkeit religiöser Gefühle. Denn wo
es um religiöse Gefühle geht, da sind Menschen besonders sensibel,
weil diese Teil ihres Lebensentwurfes sind. Werden diese Gefühle
angetastet, dann geht es oft an die Substanz eines Menschen. Im
Interesse von gelingender Gemeinschaft wirbt Paulus hier um
Besonnenheit.


Was war also los in der Gemeinde in Rom? In Rom gab es viele
Tempel für die verschiedensten Gottheiten. Je nach Prägung wurden
dort Opferriten abgehalten, wurden auch Tiere geopfert, deren
Fleisch dann auf die Märkte kam. Angesichts der großen Armut in
der Bevölkerung waren die Meisten froh, wenn sie überhaupt mal ein
Stück Fleisch zu essen hatten – egal ob Opferfleisch oder anderes,
deren Herkunft sowieso kaum sicher zu unterscheiden war. Und hier
wurde es schwierig in der römischen Gemeinde, dieser Gemeinschaft von Menschen verschiedenster Herkunft und Kulturen. Für die
christusgläubigen Juden war es ein Tabu, Opferfleisch aus
heidnischen Tempeln zu essen. Das verletzte ihre Tradition und
religiöse Überzeugung, wähnten sie sich doch bundesbrüchig
gegenüber Gott, wenn sie Götzenopferfleisch aßen. Für die
christusgläubigen Heiden waren Speisevorschriften kein Thema. Was
macht es schon aus, was wir essen, wenn wir nur Gott in Jesus
Christus als unseren alleinigen Herrn über Leben und Tod bekennen?
Wie bleibt man nun zusammen als Leib Christi angesichts
schwieriger Lebensbedingungen in Rom, wo Mangelernährung für
Viele und sicherlich auch viele Christusgläubige Lebensalltag war.


Paulus bringt in seinem Brief eine neue Perspektive in den Streit, in
dem er die Blickrichtung verrückt – nämlich Gottes Welt in den
Focus rückt – Gottes Welt, in der Gerechtigkeit, Frieden und Freude
sein werden, ermöglicht durch die heilige Geistkraft Gottes. „Wer
davon bestimmt Sklavenarbeit für den Messias leistet,“ heißt es im
Text, also sein Leben in Jesu Dienst stellt „macht Gott Freude und
wird von den Menschen geachtet. Darum sollten wir uns für den
Frieden einsetzen und für das, was unser Miteinander fördert.“


Mit diesem „Sollen“ provoziert Paulus bei den Streitenden
gleichzeitig die Frage danach, was dem Frieden dient und was die
Gemeinschaft fördert. Und das schafft beiden Seiten Handlungs- und
Entwicklungsspielraum. Es geht nicht mehr um richtiges oder
falsches Essen und Trinken. Sondern mit dieser Fragestellung im
Kopf gerät das Gegenüber mit in den Blick – mit seinen Grenzen und
seiner Bedürftigkeit, weil es darum geht, sich gegenseitig gerecht zu
werden. So wird der Grundstein gelegt für Annäherung und
gemeinsame Entwicklung, und Frieden und Miteinander kann
wachsen.


Der Frieden fängt im Kleinen an in der Suche nach dem, was
unserem Miteinander dient. Gespeist wird diese Suche von den
großen Hoffnungsbildern und Verheißungen Gottes von einer
verwandelten Welt, in der Gerechtigkeit, Frieden und Freude
herrschen. Und wo dieser Friede anfängt, da bricht Gottes Welt an
mitten unter uns im Hier und Jetzt, breitet sich Gerechtigkeit und
Freude aus, getragen von der Geistkraft Gottes.


Paulus lehrt uns in unserem Predigttext, unsere Welt von der Welt
Gottes her zu denken, lehrt uns danach zu fragen, was dem Frieden
dient und das Miteinander fördert. Diese simple Schule der
Besonnenheit, eröffnet nicht nur im innergemeindlichen
Zusammenleben Spielräume sondern auch für das Miteinander in
unserem weiteren Lebensumfeld. Sie hilft uns, andere mit in den
Blick zunehmen, nach deren Grenzen und Bedürfnissen zu fragen –
sozusagen einen Moment mal in deren Schuhe zu schlüpfen, ehe wir
tun, was wir zu tun für richtig halten. Denn zu Friedensstiftern und –
stifterinnen sollen wir werden, die sich dafür einsetzen, was das
Miteinander fördert.


Paulus Wort trifft uns in einer Zeit, in der der Ruf nach Ab- und
Ausgrenzung von Menschen wieder lauter wird, Feindbilder formiert
werden, die verunsicherten Menschen Orientierung geben. Sie geben
ihnen Orientierung, weil sie nun den vermeintlichen Grund ihrer
Misere zu sehen glauben. Paulus Wort fordert uns auch hier heraus,
uns für Frieden einzusetzen und für das, was unser Miteinander
fördert. Er fordert uns heraus – Paulus, selbst beseelt von der Vision
von Gottes Welt und gewiss, dass die, die diesen Dienst tun, Gott an
ihrer Seite haben werden, ja getragen werden von der Geistkraft
Gottes.


Gottes Welt macht Gerechtigkeit, Frieden und Freude aus und
Menschen, die miteinander teilen, was Leib und Seele zusammenhält.
Möge Gott die Sehnsucht nach dieser Welt in uns wach halten, möge
Gott uns dazu bewegen, an dieser Welt mit zu tun – uns und anderen
zum Heil. Amen.