Predigt · 17. Sonntag nach Trinitatis · 23. September 2018 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz

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Jesaja 49, 1-6

Liebe Schwestern und Brüder,


der Prophet, dessen Schriften in den Kapiteln 40-55 des biblischen
Jesaja wieder gegeben sind, bleibt anonym, namenlos.


Die Alttestamentler nennen ihn mangels eigenem Namen den
„Deuterojesaja“,
also den zweiten Jesaja, weil seine Schriften im Lauf der
Überlieferung ans Buch des Propheten Jesaja angehängt wurden.


Dieser unbekannte Prophet spricht von einem „Knecht Gottes“,
der gleichfalls unbekannt bleibt.
Bis heute sind die Bibelausleger nicht sicher, ob der Prophet mit dem
Knecht Gottes sich selbst, das ganze Volk Israel oder einen
unbekannten Dritten meint.


Die jungen Christengemeinden, die ein halbes Jahrtausend später,
nach der Auferstehung Jesu, entstanden sind,
haben in diesem Knecht Gottes Jesus Christus gesehen.


Der Prophet, der in Jesaja 49 spricht, ist überzeugt, dass Gott ihn
schon im Mutterleibe persönlich ausgewählt hat,
um das Volk Israel zum Glauben an Gott zurückzuführen.


Er fühlt sich sozusagen zum Volksmissionar berufen.
Aber an dieser Aufgabe ist er gescheitert,
und nun zweifelt er, ob seine Arbeit überhaupt einen Sinn gehabt hat.


Er zweifelt an sich und an Gott.


Liebe Schwestern und Brüder,
der Zweifel ist ein Kind des Glaubens.
Nur wer von Gott etwas erwartet, kann auch enttäuscht werden.
Zweifel ist fast immer ein Zeichen des Glaubens, ein Symptom
enttäuschter Liebe.


Der Prophet also stellt fest, dass seine Arbeit umsonst war,
seine Worte blieben ungehört, sein Volk ließ sich nicht abbringen
vom falschen Weg.


Und nun bekommt die ganze Geschichte eine überraschende Wende.
Anstatt das Gott ihn tröstet und sagt:
Mute dir nicht zu viel zu, stecke deine Ziele kürzer,
bekommt der Prophet eine ganz andere Antwort,


Gott sagt: „Es ist zu wenig, was du dir vorgenommen hast,
du bist mein Knecht, der nicht nur die Stämme Israels aufrichten und
die Zerstreuten Israels zurückbringen soll,
sondern ich habe dich auch zum Licht der fremden Völker gemacht,
damit meine Rettung reicht bis an die Enden der Erde.“


Der Prophet ist also nicht nur ein Volksmissionar, sondern er
bekommt einen weltmissionarischen Auftrag.


Liebe Schwestern und Brüder,
unsere Kirche setzt eine Menge Energie und Kraft frei, um die
Volkskirche zu erhalten.
Bei den schwindenden Kirchenmitgliedern werden natürlich auch die
Finanzen, die gesellschaftliche Bedeutung und der Einfluss der
Kirche immer geringer.


Auf der anderen Seite bekommen andere Religionen immer mehr
Zulauf.


Nicht wenige Menschen fordern kirchliche Strategien gegen die Ausbreitung des Islams in diesem Land und in Europa.


Die Furcht vor dem Verlust von Privilegien und der Kampf um die
Besitzstandwahrung lähmt den Blick auf das Neue,
auf die neuen Herausforderungen und Aufgaben, die Gott für uns nun
bereit hält.


Es ist zu wenig, sagt Gott, dass du nur Volksmission und
Besitzstandswahrung planst.


Was heißt das aber für uns heute und jetzt?


Schau dich um, sieh die vielen Menschen, die zu uns aus den
Kriegsgebieten kommen wie Syrien, Pakistan, Irak, Afghanistan,
die Frauen aus Thailand und der Ukraine, die im modernen
Sklavenhandel in deutschen Bordellen landen,
die Menschen aus Afrika, die aus den Dürregebieten fliehen und ums
Überleben kämpfen,
die Liste könnte beliebig verlängert werden, weil die Not von
Menschen in der Welt uferlos ist,


schau dich um, sie alle gehören dazu, sie alle gehören zu uns.


Nun könnte man resigniert sagen:
aber ich kann doch nicht die ganze Welt retten.


Nein, musst du ja auch nicht – aber das Evangelium gilt nicht nur den
Christen in unserem Land.
Gottes Heilsangebot gilt allen Menschen dieser Erde
und jeder Versuch, dieses Angebot zu beschränken, zerstört es.


Liebe Schwestern und Brüder,
spätestens hier müssen wir inne halten und fragen:
Ist denn die Mission bei den Andersgläubigen erlaubt?


Das Bild zum Teil aggressiver, christlicher Missionierung
vergangener Zeiten schleicht sich da an,
wo mit der christlichen Botschaft auch gleich westliche Kultur und
Kolonisation übergestülpt wurde.


Oder die Gegenreaktion von muslimischer Seite, wo Teile Afrikas auf
aggressive Weise islamisiert werden.


Die Angst vor religiösen Eiferern im Islam, im Christentum und auch
im Judentum bewegt die Menschen sehr.
Der Fundamentalismus ist leider in allen drei monotheistischen
Religionen zu finden und nicht nur in diesen.


„Kann Religion überhaupt friedlich sein“ mit diesem Anspruch auf
Missionierung der Welt?


Sicher darf Mission unter den bei uns wohnenden Flüchtlingen und
Andersgläubigen nicht einfach Mitgliederwerbung für christliche
Kirchen sein.


Aber Gott sagte dem Propheten ja auch nicht, dass er Mitglieder
anwerben sollte,
sondern dass er den Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören,
auch das Heil Gottes mitteilen soll.


Hier ist eine Mission, eine Sendung, gemeint, die für die ganze Welt
gilt.
Licht zu bringen ins Dunkel wo Hunger herrscht und Verblendung.


Licht zu bringen in die schuldhaften Verstrickungen durch Machtund
Geldgier, Egoismus und Gleichgültigkeit.


Und Heil – Heilung – zu verkünden, wo Menschen an Leib und Seele geschädigt sind von Terror, Hass und Gewalt.
Heilung oder auch rettendes Tun zu leben zu praktizieren für die
Menschen, die am Ende sind.


Diese Botschaft sagt: Es geht nicht nur um dich, nicht nur um dein
Heil, um dein Land,
es geht nicht nur um deine Kerngemeinde,
es geht um die ganze Stadt, ja die ganze Welt.


Die missionarische Aufgabe, die heute vor uns liegt, heißt,
dass wir das Heil, den Frieden, den Schalom Gottes mit allen teilen,
die um uns herum leben.


Wenn wir den Frieden, den wir noch haben,
nur mit unseresgleichen teilen und nicht mit den Fremden in unserer
unmittelbaren Umgebung,
dann wird er auch uns verloren gehen.


Wenn wir aufhören Asylland für Notleidende zu sein,
dann werden wir bald wieder ein Land werden, aus dem Menschen
fliehen müssen.


Wir Christen glauben, dass mit Jesus Christus die Heilsbotschaft über
die Grenzen des Gottesvolk der Juden hinausgegangen ist für alle
Menschen dieser Erde – für alle Völker.


Nehmen wir die Botschaft ernst, dann gilt genau dass, was wir vorhin
in dem Brief des Paulus an die Römer hörten:


„Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“

Amen