Predigt · 17. Sonntag nach Trinitatis · 22. September 2013 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Sep 24, 2013 in Predigten | No Comments

Johannes 9, 35 – 41

Liebe Schwestern und Brüder,
dem Predigttext im Johannesevangelium geht voran eine ausführliche
Schilderung der Heilung des blinden Mannes,
mit dem Jesus nun im Gespräch ist.


Sie beginnt in Jerusalem am Rande des Tempels,
außerhalb des heiligen Bezirkes,
dort, wo hilfsbedürftige und kranke Menschen um Unterstützung
betteln.


Der Rand des Tempelbezirkes ist zugleich der Ort der
Randexistenzen der Gemeinschaft.


Als Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen an dem
blindgeborenen Mann vorübergehen,
wollen diese wissen, wer denn gesündigt habe,
also wer für die Strafe der Blindheit verantwortlich sei,
der Betroffene selbst oder seine Eltern.


Jesus weist jeglichen Zusammenhang von Krankheit und Schuld
zurück
und erklärt, dass an dem Kranken die Werke Gottes offenbar werden
sollen.


In der Begegnung mit dem blinden Menschen zeigt Jesus keine
Berührungsängste
und heilt ihn, indem er seine Augen mit einem Brei aus Erde und
Speichel bestreicht.
Eine übrigens damals gar nicht so ungewöhnliche Handlung von
Wunderheilern.


Er schickt ihn nun zum Teich Siloah, in dem er seine Augen waschen
soll –
und das Wunder ist geschehen: – der Blinde kann sehen.


Nun da das Wunder geschehen ist, wird nicht etwa laut gejubelt und
gedankt,
nein – im Gegenteil, der ehemals Blinde wird einer peinlichen
Untersuchung ausgesetzt,
in dem er von den Pharisäern genauestens verhört wird,
ob er denn wirklich blind war
und wer das war, der ihn heilte
und was er, der ehemals Blinde, von diesem Wunderheiler wohl hält.


Der arme Mann weiß gar nicht wie ihm geschieht.
Lauter Zeugen werden herbei gerufen, die seine ehemalige Blindheit
bezeugen müssen,
von ehemaligen Nachbarn angefangen bis hin zu seinen Eltern.


Diese bezeugen zwar, dass er ihr Sohn ist und wirklich blind war,
aber was den Wunderheiler betrifft, da halten sie sich zurück,
sie fürchten sich vor den Autoritäten der Religionsgemeinschaft,
die schon seit längerem mit diesem Wanderprediger aus Nazareth im
Streit sind,
weil von ihm behauptet wurde, dass er der Messias sei,
der Gesandte Gottes.


Darüber gab es in der jüdischen Religionsgemeinschaft einen
heftigen Streit.


Ja, es kam zu der Zeit, in der der Evangelist Johannes sein
Evangelium schrieb,
über diese Frage zu solch heftigen Auseinandersetzungen, dass die Anhänger Jesu aus der Religionsgemeinschaft ausgeschlossen
wurden. Und das bedeutete den Verlust der Gemeinschaft und den Schutz der Synagoge.


Ja, liebe Schwestern und Brüder,
an der Frage, ob Jesus der Messias sei oder nicht
schieden sich damals und scheiden sich bis heute die Geister.


Die einen sagten: Das kann gar nicht der Messias sein, auf den unser
Volk wartet.
Aus solch einem armen Elternhaus,
geboren unter ärmlichen Bedingungen als ein wehrloses erbärmliches
Kind,
aus Fleisch und Blut wie jeder gewöhnliche Mensch,
als ein Mensch, den man sehen und anfassen kann,
spüren und hören,
mit dem man reden kann und über den man sich freuen und ärgern
kann – so kommt doch Gott nicht daher gelaufen.


Das ist doch eine Gotteslästerung – Gott ist doch kein Mensch.


Und der Mensch, der von sich behauptet, ein Sohn Gottes zu sein
gehört in die Irrenanstalt.


Er untergräbt die Autoritäten und die Macht der Gesetzeshüter.


Dem gegenüber standen die Anhänger Jesu,
die von ihm erzählten, wie sie sich durch seine Zuwendung und seine
Liebe zum ersten mal in ihrem Leben als wertvolle Menschen
erfuhren,
wie sie heil wurden von ihren Gebrechen,
wie ihr Rückgrad wieder aufgerichtet wurde,
wie sie aus ihrer Lethargie und ihrer Hoffnungslosigkeit aufwachten
und neues Leben in ihren schon halbtoten Körpern spürten,
wie sie sich als Kinder Gottes und seine Erben erlebten
und die Kraft des Heiligen Geistes spürten


und ebenso Menschen aufrichten und heilen konnten,
wie sie es von ihrem Meister erfahren hatten.
Wie er sie in ihre Nachfolge berief und ihnen Kraft und Vollmacht
verlieh,
und sie so ihre Gotteskindschaft völlig neu und wunderbar erlebten.


In diesen Machtkampf gerät nun der geheilte blinde Mensch
und er ahnt, dass viel auf dem Spiel steht.


Während die Pharsäer Jesu Macht und Vollmacht ablehnen
und ihn ihrerseits der Sünden bezichtigen,
verteidigt der Geheilte ihn.


Er hält sich an das, was er selbst erlebt hat: „Ob Jesus ein Sünder ist,
weiß ich nicht;
eines aber weiß ich, dass ich blind war und nun sehend bin.“
so antwortet er auf die Vorwürfe der Gesetzshüter.


Diese Auseinandersetzung mündet in unseren Predigttext, den wir am
Anfang hörten:


Dem armen Mann geht es nach seiner Heilung nicht viel besser als
vorher.
Er wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen.
Stand er vorher als Blinder am Rande der Gesellschaft,
so steht er nun als Sehender am Rande der Gesellschaft.


„Und es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten.“

Ja, Jesus geht nicht einfach weiter, nachdem er den Blinden geheilt
hat.
Das Schicksal dieses Mannes ist ihm nicht egal.
Er sucht und findet ihn.
Und nun kommt es zu der bedeutenden Rede zwischen ihnen beiden.
„Glaubst du an den Menschensohn?“ fragt Jesus ihn.
Jesus fragt nach seinem Glauben.
Was glaubst du, wer oder was dich geheilt hat?


War es Scharlatanerie?
War es ein medizinisches gutes Handwerk?
War es vielleicht nur Blendwerk?
Was glaubst du, wer oder was dich geheilt hat?


Der Mann bewegt sich noch auf unsicheren Füßen,
denn das Wunder und all das, was er danach erlebt hat,
hat ihm den Boden unter den Füßen weggerissen.


„Herr, wer ist es, dass ich an ihn glaube?“
Wer bist du? – diese direkte Frage wagt er nicht zu stellen.


Und Jesus antwortet auch direkt: Ich bin es!,
sondern er sagt vorsichtig und einfühlsam:
„Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es.“


Ja, du kannst ihn sehen und hören,
du kannst mit ihm reden und ihn anfassen,
er hat dich berührt und geheilt.


Der Menschensohn hat in Jesus von Nazareth Gestalt angenommen,
der Menschensohn, als der vollkommene Mensch, in dem Gott sich
der Welt offenbart hat
ist sichtbar und erfahrbar geworden in dem heilenden und liebenden
Menschen.


Und er wird über all da sichtbar, wo Menschen diese Liebe weiter
geben,
wo Gebeugte aufgerichtet werden
und Entrechteten ihr Recht zurück gegeben wird,
wo Misshandelten ihre Würde wieder hergestellt wird,
wo Stumme ihren Mund auftun und Blinde sehend werden.


Und Jesus sprach:
„Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit die, die nicht
sehen, sehend werden und die sehen, blind werden.“
Amen.