Predigt · 17. Sonntag nach Trinitatis · 16. Oktober 2011 · Pfarrer i.R. Lorenz Wilkens

Posted by on Okt 26, 2011 in Predigten | No Comments

Markus 9, 14 – 27

Liebe Gemeinde,


ein junger Mensch wird von einem „sprachlosen“ Geist
beherrscht; der treibt ihn zu epileptischen Anfällen. Der
Junge spricht nicht. Sein Geist ist unkommunikativ. Er baut
ihm keine Brücke zu den Mitmenschen. Er verweigert sich der
Empathie; er ist zu ihr nicht fähig und nimmt sie von anderen
nicht an. Er ist unschöpferisch. Der Geist Gottes erhob sich
aus der Finsternis des Chaos und fuhr auf sie zu. Dann sprach
er sein Schöpfungswort. Er schuf die Dinge und ihre Ordnung.
Er machte sich ein Gegenüber, um sich zu erkennen und zu
verwandeln. Daran hindert den Jungen der sprachlose Geist. Er
hält ihn in sprachloser Isolation gefangen. In gegenwärtiger
Sprache ausgedrückt: Der Junge leidet an Autismus. Das ist
eine seelische Krankheit, die die von ihr betroffenen Menschen
schon in der frühen Kindheit zu Rückzug und Isolation
verurteilt und die Entwicklung ihres Bewußtseins lähmt. In
manchen Fällen kommen in der Pubertät eines solchen Kranken
Krampfanfälle hinzu, die der Epilepsie ähnlich sind.


Einen solchen Kranken bringt sein Vater zu Jesus, der, vom
Berge der Verklärung zurückgekehrt, von der Menge mit großer
Erregung begrüßt wird. Ich möchte sagen, der junge Mann wird
eingetaucht in die Euphorie, die manische Stimmung der Masse.
Der Vater berichtet Jesus, er habe ihn vorher zu den Jüngern
gebracht; die aber hätten ihn nicht zu heilen vermocht – und
dies, obwohl Jesus sie zuvor zu zweien ausgesandt hatte, „und
sie auszogen und verkündigten, man solle umkehren. Und sie
trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und
heilten sie.“ (Mc 6, 12) Warum konnten sie diesen „dämonisch“,
d. i. psychisch Kranken nicht heilen?


Davon berichtet der Vater Jesus, der darüber in Zorn gerät.
„Du ungläubiges Geschlecht! Wie lange muß ich euch noch
ertragen!“ (v. 19) Sie konnten den Jungen nicht heilen, weil
sie keinen Glauben hatten. Sie haben zwar vorher „viele
Dämonen hinausgeworfen“ – viele psychisch Kranke geheilt. Doch
vor d i e s e r Krankheit – Autismus und Epilepsie – hatte
ihr Glaube versagt. Vor diesem Geist, der gänzlichen
Zerstörung des kommunikativen Vermögens, versagte ihre
Sprache, ihre Fähigkeit zur Kommunikation.


Dann läßt Jesus den Kranken zu sich bringen. Der sieht ihn und
reagiert auf seine Gegenwart mit einem weiteren epileptischen
Anfall. Es heißt, der Dämon „zerrte ihn hin und her, er fiel
zu Boden, wälzte sich und schäumte.“ (v. 20) Daran zeigt sich,
daß er von dem Vermögen, Geist und Seele eines anderen
Menschen zu empfinden, überhaupt nicht frei ist. Es führt ihn
in diesem Fall zu der denkbar heftigsten Reaktion. Doch dort,
wo Jesus in anderen Menschen Wißbegierde, Sympathie und
Hoffnung hervorruft, äußert sich bei dem Kranken nur Angst,
panische Angst. Sie treibt ihn zu äußerster Abwehr. Diese Art
der Reaktion ist Jesus nicht fremd. Auch der erste, den er je
geheilt hat, war ein psychisch Kranker – in der Synagoge von
Kapernaum. Der schrie, als er Jesus sah: „Was haben wir mit
dir zu schaffen, Jesus von Nazareth! Bist du gekommen, uns zu
vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!“ (Mc 1,
24) Wir können annehmen, daß auch in der Art, wie der
autistisch kranke Junge Jesus empfand, Erkenntnis seiner
Heiligkeit enthalten war. Und eben diese Erkenntnis trieb ihn
in seine Angst hinein, und die Angst in seinen Anfall. Denn es
war Schuldangst – nicht anders als bei dem ersten psychisch
Kranken, dem Jesus begegnete. Bei ihm hatte sich die Angst an
der Art gezeigt, wie er Jesus anschrie. Er zitierte nämlich
aus einer alten Geschichte: der von Elia, der einer in Israel
herrschenden Hungersnot entkommen war und bei einer Witwe in
Zarpath, nördlich von Israel, Zuflucht gefunden hatte. Während
er ausging, erkrankte ihr Sohn auf den Tod. Als Elia
zurückkam, schrie ihn seine Mutter mit den Worten an: „Was
habe ich mit dir zu schaffen, Gottesmann? Du bist zu mir
gekommen, um an meine Schuld zu erinnern und um meinen Sohn zu
töten!“ Ihr Sohn wird hernach von Elia geheilt. (1. Kön 17)


Liebe Gemeinde, ich sagte, in der Angst des autistischen
Jungen war Schuldangst. Damit erhebt sich indessen die Frage,
worin die Schuld eines psychisch Kranken bestehe, wegen derer
er mit seiner Krankheit bestraft werde? Nein, die Krankheit
ist selbst die Schuld. Aber es handelt sich nicht um eine
moralische Schuld, sondern die Schuld ist nichts anderes als
Verweigerung des Lebens aus Angst. Angst vor dem Leben – Angst
vor der Zumutung der Kommunikation, der Einladung zu ihr,
Angst vor den freundlichen Winken, die überall in der Welt auf
sie hinweisen, daher gnadenloser Rückzug von Sprache und
Empfindung. Die Verweigerung des Lebens ist Schuld vor Gott,
denn er gibt einem Menschen das Leben, damit es durch
Kommunikation erwärmt, erhellt und zum Wachstum angeregt
werde. Und woher kommt die Angst? Liebe Gemeinde, die Ahnung
der Witwe von Zarpath bestand zu Recht: Die Angst vor dem
Leben, die Lebensverweigerung entsteht in der Seele des Kindes
nicht grundlos, nicht rein von sich aus, auch wenn die Eltern
ihre Ratlosigkeit in diesen Eindruck fassen mögen, sondern die
Lebensverweigerung hat es von seinen Eltern, von seiner
sozialen Umgebung geerbt, sie ist ihm durch Kälte, Stumpfheit,
Übersehen, an ihm Vorbeisehen, Fehlen von Empathie, die
gespenstische psychische Lähmung, die durch Verleugnung eines
Konflikts entsteht, und also Angst, vererbt worden.


Und nun die entscheidende Frage: Wie kann Jesus davon heilen?
Es sagt selbst: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ (v. 23)
Aber dieser Satz ist auf bezeichnende Weise mehrdeutig.
Glauben – ja, aber an wen? Vertrauen – ja, aber wem? Glauben
an Gott oder Glauben an sich selbst? Das sagt Jesus nicht. Nur
Glauben – Glauben absolut. Was ist das? Unterscheidet Jesus
gar nicht zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an sich
selbst?


Über diese Frage wird uns ein Licht aufgesetzt durch die
Antwort des Vaters: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Anders übersetzt: „Ich vertraue; hilf meinem Mangel an
Vertrauen!“ Das ist zunächst die Wiederholung des Appells, der
Bitte um Heilung des Sohnes. Allein es liegt noch mehr darin:
Denn der Vater versteht Jesus nicht wie folgt: „Wart’ nur ab,
ich werde dir zeigen, was m e i n Glauben vermag.“ Sondern
er findet durch den Satz Jesu in sich selbst den Glauben
aufgerufen, angeregt und bestätigt. Daher schreit er: „Ich
glaube.“ Und darnach: „Hilf meinem Unglauben!“ Er erkennt, daß
es zu der Heilung des Kindes nicht nur des Glaubens Jesu,
sondern auch seines eigenen Glaubens bedarf. Der Glaube wird
gar nicht verstanden, wenn man ihn nur als Vermögen, als
Besitz eines einzelnen versteht, sondern er ist eine soziale
Angelegenheit, soziale Energie. Wenn der Glaube in einem
Menschen liegt und von ihm ausgeht, so will er doch immer
sozial werden. Denn Glaube – das ist das Vertrauen auf den
Sinn der Schöpfung – auf ihre Richtung zur Freude hin und zum
Wachstum, zugleich zur Selbsterkenntnis des Menschen durch
Begegnung mit seinem schöpferischen Grund. Es ist der Mangel
an Glauben, der psychisch Kranke krank macht, daher kann ihre
Krankheit überhaupt n u r durch Glauben geheilt werden.
„Alles ist möglich dem, der glaubt“: Die ganze Welt liegt
offen vor ihm, es gibt keine Grenze der Lebens-Anregung, er
wird überall erkannt und zum Wachstum, mithin zur Weitergabe
seines Glaubens angeregt werden. Die Welt ist nirgends mit
Brettern zugenagelt. (Hegel)


Darnach wird berichtet, daß die Volksmenge zusammenlief. Sie
waren von Jesus fasziniert, und nun gespannt, ob er die Probe
seiner Heilungsmacht bestehen würde. Und er nimmt die
Herausforderung an. Es heißt: „Er schrie den unreinen Geist
an: Sprachloser, tauber Geist, ich ordne an, komm aus ihm
heraus und geh nicht mehr in ihn ein!“ Und dann schrie der
Geist der Krankheit, zerrte ihn und verließ ihn. Seltsame
Reihe von Schreien; sie eint die drei Hauptpersonen der
Geschichte; sie alle schreien. Zuerst der Vater: „Ich glaube –
hilf meinem Unglauben“, dann Jesus, endlich der Kranke. Was
sind das für Schreie? Was drückt sich darin aus, daß sie alle
schreien? Doch ebenso seltsam: Warum schreit Jesus, wenn der
Kranke, wie Jesus selber sagt, taub ist? Hier hilft die
sprachliche Beobachtung, daß das für ‚schreien’ gebrauchte
griechische auf ein hebräisches Wort verweist, das ebenfalls
schreien bedeutet, aber oft von Gott gebraucht wird, wenn er
Menschen tadelt oder ihnen etwas gebiet. Jesus schreit wie
Gott – doch zugleich wie der Kranke und sein Vater. Sein
Schrei liegt in der Mitte zwischen dem des Vaters und dem des
Sohnes. Er liegt in der Mitte zwischen Gott und Menschen. Er
vermittelt zwischen ihnen. Der Schrei Gottes hat etwas mit dem
Schreien der Menschen gemeinsam. Er geht zutiefst sowohl auf
den Hilferuf des Vaters als auch die Schuldangst des Kranken
ein. Er verharrt ihnen gegenüber nicht in gleichgültiger
Erhabenheit, sondern fährt in sie hinein, übernimmt sie, die
Schuldangst und den Hilferuf, vereinigt sie miteinander, und
indem er sie miteinander vereinigt, löst er den Bann. Die
Macht aber, die den Bann löst, ist Erkenntnis: Jesus
e r k e n n t in dem Haß- und Angstschrei des Kranken den
Hilferuf. Er ist nicht fixiert auf die Schuld in der
Krankheit. Darum stößt sie ihn nicht ab und reizt ihn nicht
zur Wut. Dazu, daß er nicht auf die Schuld fixiert ist, hat
ihm der Vater geholfen – mit seinem um Hilfe flehenden Schrei.
Jesus hat empfunden, wie in der Angst des Vaters der Glaube
aufstieg; er kann daher erwarten, daß auch in der Schuldangst
des Kranken der Glaube aufsteigen werde. Diese Erwartung
bestimmt ihn, sich mit einem Schrei an einen Tauben zu wenden.
So stellt sich die Serie der Schreie als eine Choreographie
des Glaubens heraus, des aufgerufenen, angeregten,
aufkeimenden, bestätigten, identifizierten Glaubens, der, als
identifiziert, vom Vater zu dem Sohn weitergegeben werden
kann. Und dadurch wird der Sohn geheilt, denn die Krankheit
des Sohnes war dadurch entstanden, daß es Vater und Mutter
nicht gelang, eine Brücke zwischen ihnen und dem Sohn
herzustellen, so daß er sich entwicklungslos, in stummer
Verlorenheit, in sich selbst verbarg – Autismus -, vielleicht
weil auch die Brücke zwischen seinen Eltern beschädigt und
kaum haltbar war.


Liebe Gemeinde, wir sollen in diesem Wechselspiel des Glaubens
das Werk Gottes erkennen; das zeigt sich an dem Wort, das hier
für den Schrei Jesu und sonst vom Schelten und Gebieten Gottes
gebraucht wird – griechisch – epitimân -, hebräisch ga’ar.
Gottes Wirken – das ist nicht der Akt eines über die Welt
erhabenen, in seiner Souveränität einzigen und daher einsamen
Gottes; sondern es ist die Dynamik, das Hin und Her des
Lebensmutes in der Gesellschaft; Gottes Sache ist die
Entschiedenheit ihres Ziels – das Geheimnis seines Wesens.


Ich will nicht übergehen, daß die Volksmenge die Heilung
zunächst nicht begriff. Sie glaubten, der Kranke sei durch die
Begegnung mit Jesus getötet worden. Die Volksmenge wurde wie
soghaft zu dem Wahn getrieben, die Schuld habe in dem
Schicksal des Kranken den Sieg davongetragen. Dieser Wahn
macht auf das aufmerksam, was in der Faszination, die Jesus
auf die Menge ausübte, nicht Glaube war, sondern nur der
Fluchtimpuls, das Verlangen, wenigstens in der Vorstellung,
wenn auch nur für die Zeit ihrer Versammlung, dem
kümmerlichen, durch Schuld belasteten Leben zu entfliehen.

Davon befreit der Schluß der Geschichte, wenn Jesus die Hand
des Kranken ergreift und ihn aufrichtet, und er lebt. So öffne
Gott auch uns die Augen für das, was uns leben läßt – den
Lebensmut, der schöpferisch ist, weil er das Gegenüber und
mithin die Zumutung der Selbsterkenntnis nicht nur erträgt,
sondern von selbst aufsucht und darnach verlangt. Amen.