Predigt · 12. Sonntag nach Trinitatis · 18. August 2013 · Pfarrer i.R. Lorenz Wilkens

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Markus 8, 22 – 26

Liebe Gemeinde,
bevor Jesus sich entschloß, zur Teilnahme am Pessach-Fest und
zur Entscheidung über sein Leben die Hauptstadt Jerusalem
aufzusuchen, hielt er sich am See Genezareth auf; nach
Darstellung des Markus-Evangeliums unternahm er von dort mit
seinen Jüngern einige Wanderungen, die ihn aus dem jüdischen
Gebiet hinaus nach Norden führten, das Gebiet von Tyrus und
Sidon, das der Zehn Städte (Dekápolis), sowie die Gegend von
Cäsarea und Philippi (am Nordlauf des Jordan). Man kann
vermuten, daß ihn nach Abstand von dem Land seiner Herkunft
verlangte, dem Abstand, den er benötigen mochte, um endgültige
Klarheit über seine Bestimmung zu gewinnen. Denn von seinem
Aufenthalt in der Gegend von Cäsarea und Philippi wird zuerst
berichtet, er habe seine Jünger gefragt, wofür das Volk ihn
halte. Nach ihren verschiedenen Antworten – „Johannes den
Täufer“, „Elija“, „einen der Propheten“ – setzt er das
Gespräch mit der Frage fort, wofür sie, die Jünger, ihn
hielten. Ohne Zögern antwortet Petrus: „Du bist der Christus“ der Messias! Darauf antwortet Jesus mit der Ankündigung
seines Leidens, seines Sterbens und seiner Auferstehung.
Darüber kommt es zum Konflikt mit Petrus, der ihm solche Rede
verbieten will, weil sie sich in seinen Augen zu der Würde und
Aufgabe des Messias nicht fügt. Mit äußerster Schärfe weist
Jesus die Vorhaltung des Petrus zurück: „Fort mit dir, Satan,
geh mir aus den Augen! Denn nicht Göttliches, sondern
Menschliches hast du im Sinn!“


Die Geschichte von der Heilung des Blinden, über die wir
nachdenken sollen, begibt sich unmittelbar vor der Wanderung
Jesu in die Gegend von Cäsarea und Philippi, unmittelbar
mithin vor der Ankündigung seines Leidens und seinem
Zusammenstoß mit Petrus. Behalten wir die Frage nach einem
möglichen inhaltlichen Bezug zwischen beiden Abschnitten im
Auge! Hinzu kommt, daß das Markus-Evangelium unmittelbar vor
der Heilung des Blinden berichtet, wie Jesu die Jünger wegen
Mangels an Einsicht rügt. Sie befinden sich mit ihm in einem
Boot auf dem See Genezareth und bemerken, daß sie nur ein Brot
auf die Fahrt mitgenommen haben. Er bemerkt ihre Sorge und
sagt: „Was macht ihr Euch Gedanken darüber, daß ihr kein Brot
habt? Begreift ihr noch nicht und versteht ihr nicht? Dann
erinnert er sie an die Speisung der Fünftausend und wiederholt
darauf seine Frage. „Versteht ihr noch immer nicht? … Augen habt ihr und seht nicht, und Ohren habt ihr und hört nicht!“1
Auch diese Geschichte mag zum Verständnis der Heilung des
Blinden beitragen.


Sie findet noch in der vertrauten Umgebung statt, am Nordufer
des Sees Genezareth, in der Stadt Bethsaida. Man bringt einen
Blinden zu Jesus und bittet ihn, ihn zu berühren – offenbar in
der Hoffnung, er werde dadurch geheilt werden. Und Jesus nimmt
ihn beiseite; er nimmt ihn bei der Hand und führt ihn aus dem
Dorf hinaus. Dann spuckt er ihm in die Augen, legt ihm die
Hände auf und fragt ihn, ob er etwas sehe. Er schlägt die
Augen auf und antwortet: „Ich sehe Menschen, wie Bäume
umhergehend.“ Darnach legt Jesus ihm die Hände auf die Augen,
und er sieht und ist wiederhergestellt, und sieht alles
vollkommen klar. Und Jesus weist ihn an, in sein Haus
zurückzukehren, aber nicht ins Dorf zu gehen.


Liebe Gemeinde, der Bericht führt zunächst zu zwei Fragen, der
einen, was darin als Mittel der Heilung vorgestellt werde, der
anderen, aus welchem Grund Jesus das Erscheinen des Geheilten
in der Öffentlichkeit ausschließen wolle. Zur ersten Frage:
Als Mittel der Heilung wird eine körperliche Verbindung
zwischen Jesus und dem Blinden angenommen. Ihr Medium ist der
Speichel.2 Man soll wohl denken, er enthalte den Geist Jesu,
seine besondere Art zu leben, seinen Lebensmut. Der übertrage
sich durch das Spucken auf den Blinden, und dadurch werde
seine Heilung bewirkt. Sie werde durch Handauflegung bestätigt
und bestärkt. Somit zu der zweiten Frage: Der Geheilte soll
sich in der Öffentlichkeit nicht sehen lassen. Offenbar ist
sie mit etwas der Heilung und ihrem Sinn Abträglichem
behaftet. Diese Weisung Jesu fügt sich in die Reihe der
Stellen ein, an denen er einer geheilten Person befiehlt,
davon nicht zu erzählen. Die Öffentlichkeit, die Masse
(óchlos), wie sie im Markus-Evangelium regelmäßig genannt
wird, kann nach der Auffassung Jesu die Heilung nicht richtig
verstehen. Schon im ersten Kapitel des Evangeliums begegnet
sein Verlangen nach Einsamkeit, Rückzug von der Masse. Er geht
in die Wüste, um zu b e t e n . Die Masse ist von ihm
fasziniert, sie drängt zu ihm und bringt ihm „alle Kranken“
(Mc 1, 32), allein sie versteht ihn nicht. Darin teilt er das
prophetische Schicksal, das dem Jesaja während seiner Berufung
von Gott vorausgesagt wurde. „Sie haben Augen und sehen nicht,
Ohren, ohne zu hören.“ Was fehlt der Masse zum Verständnis
Jesu? Warum führt die Faszination, die er ausübt, zu einem
Mangel an Verständnis, einem verzerrten Verständnis? Auf diese Frage erteilt unsere Heilungsgeschichte eine unmißverständliche
Antwort: Der Masse fehlt die bis ins Körperliche
reichende, auch körperlich ausgedrückte Verbindung mit seinem
Geist. Sie macht ihn zu ihrem Idol, zu ihrem Zustand gehört ja
die Gier nach einem Idol, aber eben damit verfehlt sie ihn,
sie verfehlt seinen Geist, seine besondere Lebens-Klarheit.
Und nun lassen Sie mich deutend hinzufügen: Das Verlangen der
Masse zielt nicht auf Gegenseitigkeit, nicht auf das
Gleichgewicht freier Geister, ich möchte sagen: Es zielt nicht
auf das Gleichgewicht im B u n d . Ja, sie will sich von
Jesus vereinnahmen lassen, allein man kann mit gleichem Recht
sagen: Sie will i h n vereinnahmen, sie will ihn zu ihrem
Symbol machen, einem Symbol, dessen suggestive Gewalt sie
fortan von aller Mehrdeutigkeit befreien soll, allem
Unverstandenen, d. i.: aller Schuld. Man kann, kaum
vereinfachend, sagen: Dieser Zustand der Masse ist die
Krankheit, von der Jesus heilt.


Dagegen kann eingewandt werden: Aber die Masse entsteht doch
erst durch Jesus, durch die Anziehungskraft, die er mit seiner
Lehre und seinen Heilungen ausübt! Dieser Einwand muß uns auf
die Frage bringen, aus welchem Leben die Menschen zu ihm
zusammenströmen, zu ihm förmlich hingesogen werden. Dazu zwei
Dinge: Erstens lebten die Menschen damals, anders als wir
Heutigen, in den engen, kleinen Gemeinschaften der
Großfamilie, der Dörfer, deren Umgebung sie überwiegenden
Teils ihr Leben lang nicht verließen. Zweitens wurde ihr Leben
von der herzlosen, zynischen Ungerechtigkeit entstellt, die
das römische Imperium ihnen auferlegte; denken Sie allein an
die Willkür und Korruption, die das Wesen der Steuerpacht
ermöglichte und von der ausnahmslos alle, wenige aktiv, alle
passiv, betroffen waren. Versuchen wir nun, diese beiden Dinge
zusammenzudenken: das Leben in der unentrinnbaren Enge der
Familie und die allgemein durch eine Ungerechtigkeit, die
‚normal’ erschien, verdüsterte gesellschaftliche Atmosphäre.
Es ergibt sich die Vorstellung eines Lebens mit stets
gefährdetem Freiheitsraum für das Bewußtsein, eines Lebens,
erstarrend in ambivalenten Beziehungen, gefangen in dem Wahn,
es werde überall von feindlichen Mächten umwittert. Zu diesem
Zustand mochte der Hang gehören, besonders schwache, sensible
Mitglieder der Familie als unheimlich, ‚dämonisch’ zu
empfinden und nach diesem Maß für das Unglück verantwortlich
zu machen. Sie wurden psychisch – und häufig, durch
‚Niederschlag’, auch körperlich krank. Und dieser Zustand war
es, in den Jesus, wie vor ihm Johannes, mit seinem
Freiheitsruf, seinem Ruf von Erlösung durch Umkehr, eintrat
und eingriff. Daß dieser Aufruf sich als Impuls der
Massenbildung verwirklichte, kann kaum verwundern.


Aber eben – er wollte sie nicht. Er wollte das Leben im Bund,
in seinem Gleichgewicht. Darum erschrak er vor der
Faszination, die er selbst ausübte; er erschrak vor der Massenhypnose. Er erkannte, daß die Art, wie die Masse ihn zum
Idol machte, nur die Kehrseite ihres Hangs war, die Sensiblen
zu ‚dämonisch’ Kranken zu stigmatisieren. Daher war ihm
bewußt, daß er sich der Schwachen, der Sensiblen besonders
annehmen mußte. Er mußte ein Bündnis mit ihnen eingehen. Darum
wird in unserer Geschichte berichtet, er habe den Blinden bei
der Hand genommen und aus dem Dorf hinausgeführt.


Lassen Sie mich diese Deutung durch Hinweis auf ein
überraschendes exegetisches Détail bekräftigen: Von dem
vormals Blinden heißt es, er habe nach seiner Heilung alles
vollkommen deutlich gesehen. Zur Bezeichnung dieser
Deutlichkeit findet sich im griechischen Urtext ein
merkwürdiges Wort: telaugôs. Es bedeutet wörtlich übersetzt:
‚fernhin scheinend, leuchtend’. Man müßte den Satz, zu dem es
gehört, mithin wie folgt übersetzen: „Er sah alles mit fernhin
leuchtendem Blick.“ Dazu ist ferner zu bemerken, daß dies Wort
telaugôs nur ein einziges Mal im Neuen Testament vorkommt –
eben an unserer Stelle. Endlich ist denkwürdig, daß es in der
Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments
ein Wort übersetzt, das in der hebräischen Bibel ebenfalls nur
ein einziges Mal vorkommt: bahîr, d. h. leuchtender Schein,
Lichtglanz – im Buch Hiob 37, 21. Ich gebe die Stelle in ihrem
Kontext wieder:


„Begreifst du das Schweben der Wolken, die Wunder dessen, der
alles weiß? Du, dem die Kleider zu warm sind, wenn die Erde
still liegt unter dem Südwind, kannst du wie er die
Wolkendecke ausbreiten, fest wie einen gegossenen Spiegel?
Belehre uns, was wir ihm sagen sollen, nichts können wir
vorbringen in der Finsternis. Muß man ihm sagen, was ich rede?
Muß man ihm kundtun, daß einer etwas sagt? Eben sah man das
Licht nicht, den Schein (bahîr), der hinter den Wolken
leuchtet, doch dann fuhr ein Wind vorüber und fegte sie weg.
Von Norden kommt goldener Glanz, von furchtbarer Hoheit ist
Gott umgeben. Schaddai begreifen wir nicht, er ist erhaben an
Kraft und reich an Gerechtigkeit.“ (Hiob 37, 16 – 23)3


Und nun darf man als gewiß annehmen, daß es sich bei einem
Wort, das sowohl in der hebräischen Bibel als auch im Neuen
Testament nur einmal vorkommt, um eine bewußte Bezugnahme
handelt. In unserem Fall entscheidet sie über die Deutung. In
dem Blinden erscheint nach seiner Heilung die Sehkraft wie das
Licht Gottes selbst, „erhaben an Kraft und Gerechtigkeit“.
Wenn der Geheilte die Augen aufschlägt, erscheint in ihnen ein
Abglanz des Lichts Gottes und seiner Herrlichkeit. Sie sind
schön wie das Himmelslicht. Jesus hat in ihm den Menschen
wiederhergestellt, das Ebenbild Gottes. Ich möchte sagen, er hat ihm durch die körperliche Verbindung den Zugang zu seinem
unmittelbaren Selbstbewußtsein neu eröffnet, ihm mit seiner
Erwartung der Liebe, die sich nicht in Aggression verkehrt,
wenn sie nicht erfüllt wird, die bleibt und bleibend weiß, daß
sie im Recht, daß sie die Quelle der Gerechtigkeit ist. Darin
besteht die Heilung. Mithin ist die Heilung eine Aufklärung –
neue Eröffnung des göttlichen Lichts, neue Öffnung der Augen
und Ohren, die dem Volk verschlossen waren, zu dem Jesaja
sprechen sollte, die selbst den Jüngern Jesu verschlossen
waren.


Liebe Gemeinde, es bleibt die Frage, was das aufgeklärte
Bewußtsein unserer Tage, was die wissenschaftliche Medizin zu
all dem sagt. Ich bin auf diesem Gebiet Laie und will mich
gern zurückhalten. Doch so viel möchte ich sagen: Der Begriff
der Heilung umfaßt mehr als die rein naturwissenschaftlich
begründete Beseitigung von Zuständen des Körpers oder der
Seele, die als krank gelten. Im Begriff der Heilung liegt auch
Wiederherstellung der menschlichen Integrität. Nimmt man aber
diese Aufgabe ernst, so verbindet sie sich unwillkürlich mit
der Sorge um die Integrität der Gesellschaft – Gerechtigkeit.
Dazu helfe uns Gott. Amen.

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1 Mit diesen Worten erinnert Jesus an die Berufungsvision des Propheten
Jesaja: „Geh, und spricht zu diesem Volk: Hören sollt ihr, immerzu hören,
begreifen aber sollt ihr nicht! Und sehen sollt ihr, immerzu sehen,
verstehen aber sollt ihr nicht!“ (Is 6, 9)
2 Auch von Rabbinen werden durch Speichel bewirkte Heilungen berichtet. Cf.
J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus Band. 1. Zürich, Einsiedeln, Köln und
Neukirchen-Vluyn 1978. z. St.

3 Das Wort bahîr ist im übrigen durch den Titel eines Buches bekannt, das
der jüdischen Mystik angehört: Sefer ha-Bahir. Cf. G. Scholem, Die jüdische
Mystik in ihren Hauptströmungen (1941). Frankfurt am Main 1967, S. 80f.
Sein erster Satz ist das Zitat von Hiob 37, 21.