Predigt · 10. Sonntag nach Trinitatis · 8. August 2010 · Pfarrerin Renate Kersten

Posted by on Aug 16, 2010 in Predigten | No Comments

Genesis 12, 1 – 3

Und Gott sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner
Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir
zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich
segnen und dir einen großen Namen machen und du sollst ein Segen
sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich
verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf
Erden.


Liebe Gemeinde,

„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ So einfach, so klar
ist das Leben. In hellen Momenten weiß ich, dass es so ist. Gott ist da
und ich bin da und alles ist gut. Der Weg liegt klar vor mir, zumindest
die nächsten Schritte, und es kann losgehen. So ging es Abram. So
geht es Menschen, wenn sie als Paar zueinander finden. So geht es
vielen Eltern, wenn das Kind gerade geboren ist. Alles ist gut. Der
Segen Gottes ist zu greifen. Wie auch immer wir uns die Entstehung
der Welt vorstellen: Hier ist zu spüren, dass sie eine Seele hat, und
dass es ein großes Wohlwollen gibt, ein Ja zu uns, das größer ist als
unsere kleinen Herzen.
Wir wissen, dass das schon einen Tag später ganz anders aussehen
kann. Wenn das Kind die Nächte durch schreit, wenn die Augenringe
tiefer werden, wenn der helle, klare Moment in die Ferne rückt, kann
das alles wie verschwunden scheinen. Ist das, was wir täglich erleben,
tatsächlich Segen Gottes? Manchmal fragt man sich: Wo ist er denn
nun?
Abram hörte von der unendlichen Größe des Segens. Alle Menschen
sollten davon berührt werden. Doch das erste Anzeichen der
Verheißung, das eigene Kind, blieb aus, jahrelang. War der helle
Moment Selbsttäuschung? Das große Wohlwollen der Schöpfung, Gott
selbst, nur eine Konvention, um uns Menschen zu zähmen? Oder – ist
der Segen zu klein? Oder – hat Gott uns die Erde überlassen, sie
einfach hingestellt, und müssen wir das Ganze selbst in die Hand
nehmen? Müssen wir den Segen selbst bewirken? Oder – ist Gott
eben doch nicht für alle da, sondern nur für besonders Erwählte? Und
wer wäre das schon? Gibt es einen großen Gott für alle – oder
Göttchen für jede Gelegenheit? Kurz: Kann ich mich als Mensch
bedenkenlos dem Göttlichen anvertrauen oder nicht?
An der Vertrauensfrage kommt keine Zeit und kein Mensch vorbei –
und niemand klärt sie ein für allemal.

Abram, der sich vertrauensvoll auf den Weg machte, sah später für
lange Zeit keine Möglichkeit, dass sich Gottes Versprechen erfüllen
könnte. Ich stelle mir vor, dass die lichte Klarheit immer mehr zur
schönen Erinnerung wurde. Als der verheißene Sohn Jahr um Jahr
ausblieb, nahm er zusammen mit seiner Frau die Sache selbst in der
Hand und praktizierte zusammen mit der Magd eine frühe Form der
Leihmutterschaft. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die Bibel verurteilt das nicht, sie beschreibt es. Den hellen Moment der
Gottesgegenwart verlieren Menschen, immer wieder – und kehren
zurück, so wie auch Abraham zur Verheißung und zum Gottvertrauen
zurück fand.
Wir alle haben einen langen, spannenden Weg uns, auf dem sie
herausfinden, welches Vertrauen trägt. Können wir den hellen
Gottesmoment zur Grundlage eines ganzen Lebens machen?


Die Frage, ob der Segen reiche oder nicht, ob wir Gott vertrauen
können oder nicht, ist kein Sonntagsthema am Rand des wirklichen
Lebens. Wir denken heute an unsere, der Christinnen und Christen,
Geschichte mit dem Judentum. Über Jahrhunderte ist es uns nicht
gelungen, Gott zu vertrauen, dass sein Segen groß und weit ist, dass
er rätselhaft sein kann, und dass er sich anderen anders zeigen kann
als uns. Das fehlende Vertrauen zu Gott wurde zu Misstrauen unter
Menschen, wurde zu Verdächtigungen, Entrechtung, Pogrom und,
gerade im 19. Jahrhundert, zu antisemitischer Hetze von deutschen
Kanzeln. Es waren helle Momente, als die Kirche aufwachte und
formulierte: Es gibt eine bleibende Erwählung des ersten Gottesvolkes.
Gottes Segen, so glauben wir heute, reicht für alle Menschen. Und
dafür müssen sie nicht einheitlich glauben.


Heute erscheint die Frage nach dem Segen in neuen Gewändern. Das
Wort „Segen“ spielt darin keine Rolle mehr. Inhaltlich sind wir aber
wieder bei den Urgeschichten angekommen, bei Abraham und der
Frage nach dem Überleben. Segen war in dieser Urzeit kein Begriff
aus einer abgespaltenen religiösen Welt. Segen hieß Wohlstand,
Reichtum, soziale Kontakte, große Familie, Respekt, Wertschätzung,
Gesundheit, Bildung, langes Leben. Vor diesem Hintergrund führen wir
seit einigen Jahren eine einzige Segensdiskussion, die unser
Vertrauen herausfordert. Es gibt viele Stimmen, die stillschweigend
davon ausgehen, dass es eben nicht für alle reicht. Kleine Sätze, in
denen die Vertrauensfrage schon beantwortet ist. Innerkirchlich
begeben wir uns seit Jahren in Verteilungskämpfe, als ob es nicht für
uns und unsere beiden großen Nachbargemeinden zusammen reichen
könne. Und außerhalb beherrscht das gleiche Denken die Disskussion.
„Wie wollen Sie ihr Kind fit machen gegen die Konkurrenz von
Milliarden Chinesen?“ hörte ich neulich in einem Interview. Eine Frage,
die implizit voraussetzt, dass es eben nicht für alle reichen wird.
Solche Sätze begegnen mir überall. Kniegelenk- und Hüftoperationen,
Bezahlung von Ärztinnen gegen Bezahlung von Pflegenden,
Mindestlohn gegen Arbeitsplätze, Eliteförderung gegen Integration,
jung gegen alt, Zuwanderer gegen Menschen, die immerhin schon seit
zwei Generationen am Ort leben, Ost gegen West, Nord gegen Süd.
Was kann man Gott schlimmeres unterstellen, als dass es nicht für alle
reicht? Dass er nicht für uns sorgt? An der Vertrauensfrage
entscheidet sich, ob wir ein zweites, gewaltsames Mittelalter über die
Erde kommen lassen. An der Vertrauensfrage entscheidet sich, wie
gelebt wird, und nicht zuletzt, wer zu welchen Bedingungen überlebt.
Am Grundvertrauen zum Leben, zu Gott.

Ich kann nicht verschweigen, dass die Bibel beide Positionen kennt:
Die Angst, der Segen könne nicht reichen. Isaak, der einen Sohn
segnet und dann sagt: Für den zweiten reichts nicht mehr. (Der dann
aber ebenso sein Glück macht.) Und immer wieder gibt es in der Bibel
die Gelassenheit, dass der Segen groß und überfließend und
unendlich ist. In der Geschichte von Abraham wird das immer wieder
wiederholt. Und dann gibt es das dritte, den Schlüssel: die
Verknüpfung des Segens mit Bedingungen, die sich in Kürze auf den
Nenner bringen lassen: Wer gesegnet ist, muss Segen weitergeben.
Wem Gott vergibt, der soll Menschen vergeben. Wer Großzügigkeit
erfahren hat, der darf nicht geizig sein. Denn wenn einer Segen und
Reichtum empfängt und für sich verschließt, dann bricht etwas. Dann
fließt der Segen an dieser Stelle nicht weiter.


Am Anfang der Bibel steht der große Segen. Es gab noch kein
Judentum, kein Christentum, keinen Islam, es gab nicht einmal die
Gewissheit, ob es einen Gott gebe oder viele. Aber dieser helle
Moment war da. Ein Mensch, Abraham, der für einen Moment begriff,
wie unendlich groß und liebevoll Gott ist, und der in seinem Herzen
wusste: Ich bin gesegnet – und ein Segen soll ich werden. Alle werden
davon etwas abbekommen, und die meisten davon werde ich nie
kennen lernen.


Ein kleines Tor für göttliche Liebe und Gotteskraft sind wir Menschen.
Gesegnet und ein Segen. Amen