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Predigt · 2. Sonntag nach Trinitatis · 9. 6. 2024 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz · Epheser 2, 17 – 22

Posted on Jun 11, 2024 in Predigten


Liebe Schwestern und Brüder,
der Brief an die Epheser stammt von einem uns unbekannten
Verfasser,
der ein guter Schüler des Apostel Paulus war
und seine Briefe und seine Theologie sehr gut kannte.
Wahrscheinlich ist es ein Rundbrief, der zwischen den einzelnen
Gemeinden in Ephesus weitergegeben wurde
und zur Stärkung und Erbauung dienen sollte.


Entstanden ist er gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus.
Die große Katastrophe der Zerstörung des jüdischen Tempels
und des jüdischen Staates im Jahre 70 liegt hinter ihnen,
der Apostel Paulus war schon lange verstorben
und die zweite Generation nach Christus versuchte,
in den christlichen Gemeinden ihre Erinnerung an die Lehren Jesu
lebendig zu erhalten.


Ephesus war in der Antike eines der bedeutendsten Städte Kleinasiens
und beherbergte mit dem Tempel der Arteme eines der sieben
Weltwunder.
Es befindet sich in der heutigen Türkei an der türkischen Westküste –
der Ägäis.
Paulus selbst kannte die Gemeinde in Ephesus sehr gut,
besuchte sie auf seinen Missionsreisen mehrere Male
und blieb wohl auch ca. 3 Jahre bei ihnen.


Nun – etwa ein halbes Jahrhundert später – haben sich in ganz
Kleinasien christliche Gemeinden gegründet, die zum Teil sehr
gemischt und bunt waren.
Angangs verbreitete sich die christliche Botschaft vorwiegend unter
den jüdischen Mitgliedern, den sogenannten Judenchristen,
später fand diese Botschaft immer mehr Anhänger bei den Heiden,
also bei der nichtjüdischen römischen Bevölkerung,
den sogenannten Heidenchristen.


Da kam es natürlich zu Spannungen zwischen den Alteingeborenen
und den Hinzugekommenen.


Die Judenchristen, die aus dem Volke Israel kamen und sich
streng an ihre traditionellen Vorschriften in ihren
Essgewohnheiten und den Kultvorschriften hielten,
gerieten in Konflikte mit den Heidenchristen,
die sich durch die jüdischen Bräuche und Vorschriften bevormundet
und in ihrer Freiheit eingeschränkt sahen.


Traditionalisten und Liberale –
Einheimische und Zugewanderte prallten da aufeinander.
Dass es da zu Konflikten kommt, wundert niemanden.


Der Apostel Paulus war von der genialen Idee entflammt,
dass die Kriege, die Konflikte, die Spannungen,
die auf dieser Erde zwischen den Völkern und zwischen den
Menschen bestehen,
zu überwinden wären, wenn sich alle Menschen zu dem einen
jüdischen Gott bekehren würden,
der doch alles in allem ist
und sich der Welt in Jesus von Nazareth gezeigt hat.


Er sah die Menschheit so wie sie ist –
aufgespalten in Völker, in Religionen und in Kulturen,
die rivalisierend und sich gegenseitig bekämpfend
einander den Lebensraum und die Würde streitig machten.


Das war ein schrecklicher Zustand,
und Paulus teilte mit unzähligen Menschen vor und nach ihm die
Sehnsucht nach Frieden, nach Versöhnung, nach Gerechtigkeit.


Und in diese Sehnsucht hinein erschien ihm der auferstandene
Christus,
der nicht nur zu seinem Volk, den Juden,
sondern zu allen Völkern der Welt kommen will,
um sie miteinander und mit Gott zu versöhnen und zu befrieden und
so Gottes neue gerechte Welt Wirklichkeit werden zu lassen.


Paulus und seine Schüler und Schülerinnen nach ihm,
waren überzeugt davon, dass,
wenn alle Völker den einen universalen Gott anbeten,
der alle Götter dieser Erde in sich vereinigt,
und der durch Jesus Christus auch den Heiden zugänglich ist,
sich dann die Verheißung der Engel bei der Geburt Jesu
verwirklichen wird,
dass Friede auf Erden sein wird zwischen allen Völkern.


Alle Menschen werden sich dann als Kinder Gottes erkennen,
alle werden den einen Gott anbeten,
keiner wird mehr seinen Gott gegen den anderen Gott ausspielen,
und den Namen Gottes missbrauchen für machtpolitische und
militärische Zwecke –
die Menschheit wird befriedet sein – sie wird gerettet sein.


Und das heißt, dass alle ethnischen, religiösen, sozialen und
geschlechtlichen Unterschiede aufgehoben sind, weil sich alle in der
Familie Gottes gleichermaßen geliebt und gewürdigt sehen.


Denn „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch
Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in
Christus.“ Gal. 3,28


So hat es Paulus in seinem Brief an die Galater geschrieben, so soll es
sein.


Das war der Traum, von dem Paulus und seine Schüler und
Schülerinnen beseelt war
und der ihn unermüdlich in alle nur erreichbaren Länder getrieben
hat, um diese frohe Botschaft allen Völkern zu bringen.


Wir schauen heute nach 2000 Jahren zurück und stellen fest,
dass sich dieser Traum nur bedingt erfüllt hat,
ja dass er sogar oft genug verraten und verloren wurde.


Aus dem Angebot der Überwindung von Grenzen, Religionen und
Ethnien entwickelten sich wieder neue Grenzen und Barrieren
gegen andere Religionen, gegen andere Konfessionen, gegen
andere Kulturen und Traditionen.


Zwischen den drei Abrahamitischen Religionen, die sich alle drei
auf den einen Gott berufen,
wie auch zwischen den christlichen Konfessionen spielen sich
verbissene Macht- und Glaubenskämpfe ab, bis heute.


Hat sich deshalb diese Idee, dieser Glaube erübrigt?


Ja – wenn wir diesen Glauben nur an unsere menschlichen
Fähigkeiten und Leistungen binden würden.


Nein – wenn wir alles von Gott erwarten, ihn um Kraft und
Beistand und um den Heiligen Geist bitten.


Aus unserer Kraft schaffen wir das nicht,
aber die Kraft des Heiligen Geistes können wir nicht
unterdrücken.


Er verschafft sich Raum, weht da, wo er will und wo wir ihn
nicht mehr erwarten.


Er beruft immer wieder Menschen in seine Nachfolge,
führt zusammen, wo man sich getrennt hat,
versöhnt, wo man sich gehasst hat,
schafft einen Neubeginn, wo man nur noch das Ende sah.


Die Überlebensfähigkeit der christlichen Kirche ist von der
Bereitschaft ihrer Mitglieder abhängig, ob und wie sie sich in die
Nachfolge Jesu berufen lassen.


Die Kirche hat in dieser Welt die Aufgabe, sich für Versöhnung,
Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen,
und sich an der Kernbotschaft Jesu zu orientieren – die
Bergpredigt und das heißt:
die Option der Gewaltlosigkeit, der Barmherzigkeit, der Sanftmut,
der Hunger nach Gerechtigkeit und die Feindesliebe zu verkünden
und zu leben.
Pazifisten – Friedensstifter – zu sein, ist der Auftrag der Kirche.


Sie hat dem Wahnsinn dieser Welt, der sich auf Gewalt, Hass und
Vergeltung gründet, etwas entgegenzusetzten
und das ist das Versöhnungswerk Jesu Christi,
der Gott mit der Menschheit versöhnt hat
und so den Weg vorgegeben hat,
wie auch Frieden auf der Erde möglich sein kann.


Liebe Schwestern und Brüder, wenn Vertreter und Vertreterinnen
einer christlichen Kirche, welcher Konfession auch immer,
zur Gewalt und zum Hass gegeneinander aufrufen,
dann ist das eine Sünde wider den Heiligen Geist.


Die weltlichen Fürsten und Generäle haben ihre eigenen Regeln
und Gesetzmäßigkeiten, wie sie die Welt regieren
und die wir durchaus auch verstehen und akzeptieren können,


Wir als christliche Kirche aber haben alles Handeln und Denken
an der Botschaft Jesu zu messen.
Und das bedeutet für uns einen unabhängigen Blick auf die
Realität,
frei von politischen oder gesellschaftlichen Interessen.
Das bedeutet eine unabhängige kritische Beurteilung der Lage
und ein eigenständiges Denken und Handeln.


Helmut Ganser, ein Brigadegeneral a.D., Dozent an der
Führungsakademie der Bundeswehr, sowie militärpolitscher
Berater der Deutschen Botschafter bei der Nato und bei den
Vereinten Nationen, hat im Mai diesen Jahres in der katholischen
Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ auf die Frage der atomaren
Abschreckung folgenden Satz geschrieben:
„Die friedensethischen Stimmen dürfen insbesondere in diesen
Zeiten nicht verstummen. Sie sollten gehört und gelesen werden.
Und noch einmal: Es kann nicht die Aufgabe der Bischöfe sein,
Realpolitik theologisch zu untermauern. Es gibt bei diesen
fundamentalen Fragen keine eindeutigen Antworten, keine klare
Kante, sondern eher gewundene Wege aus der Gefahr. Denn bei
der nuklearen Abschreckung geht es um existentielle
Schicksalsfragen, die ein Höchstmaß an Vorsicht und
Verantwortungsbewusstsein …..erfordern. Geistlicher Rat kann
dabei hilfreich sein.“


Liebe Schwestern und Brüder,
bitten wir um den Heiligen Geist, dass wir erfüllt werden von der
Botschaft der Versöhnung und des Friedens,
bitten wir um die Erkenntnis,
dass wir alle in Jesus Christus nicht mehr Gäste und Fremdlinge
in dieser Welt sind,
sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten,
da Jesus Christus der Eckstein ist.

Amen.