Predigt · 20. Sonntag nach Trinitatis · 17. Oktober 2021 · Pfarrer Michael Hufen

Posted on Okt 16, 2021 in Predigten

Prediger 12, 1 – 7

Liebe Gemeinde,

James Bond und die Puhdys in einer Predigt.

Sie schmunzeln. Ja das geht – hoffe ich,

und es wird auch gut lutherisch „Gesetz und Evangelium“

und das alles mit einem Bibeltext, der beim ersten Lesen klingt wie die Anmoderation eines Seniorennachmittags mit der Apothekenrundschau in der Hand.

Zu verdanken habe wir diesen etwas wilden Gedankenritt einem Text aus einem biblischen Buch, bei dem sich so manche Leserin und mancher Leser in den zurückliegenden zweitausend Jahren schon mal gefragt hat, warum es überhaupt in der Bibel steht. Es sei nicht fromm genug, sagt man. Dabei lehnt der Verfasser nur die fromme Vertröstung auf das Jenseits ab und ist mit seinen Sprüchen ganz im Hier und Jetzt der Menschen. Und das ziemlich ernsthaft. „Windhauch“ sei unser Leben, eitel und vergänglich unser Streben nach Glück. Und doch oder gerade deshalb, schreibt er ganz am Ende des Buches – im Anschluss an unseren Predigttext: Lasst uns am Ende die Summe von allem hören:

Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.

Doch bevor wir dazu kommen, hat uns der Autor eine Art Rätsel aufgegeben:

Die Hüter des Hauses zittern und die Starken krümmen sich und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind. Finster werden, die durch die Fenster sehen, die Türen an der Gasse schließen sich, die Stimme der Mühle wird leise, wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt.

Was ist es? Eine ganze Reihe von Theologen hat sich schon an der Interpretation jedes einzelnen Bildes versucht – eine Auflösung dieser rätselhaften Worte aus dem Buch Prediger, oder Kohelet wie es in der hebräischen Bibel heißt, gibt es gleich.

Prediger – wahrscheinlich werden sie sich erinnern – „Ein jegliches hat seine Zeit“ – da kommen wir auch schon zu den Puhdys – wem die nichts sagen, eine der erfolgreichsten Rockbands der DDR: die hatten einen großen Hit mit „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt“ aus dem Film „Die Legende von Paul und Paula“.

„Ein jegliches hat seine Zeit“ – wie auch andere Verfasser der sogenannten Weisheitsliteratur versucht auch Kohelet die Widersprüchlichkeit der Welt, das Immerwiederkehrende im Leben zu beschreiben und fragt, ob nicht all unser Tun letztendlich vergeblich ist.

Selbst die Suche nach Weisheit – eitel und ein Versuch den Wind einzufangen.

Die Hüter des Hauses zittern und die Starken krümmen sich und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind. Finster werden, die durch die Fenster sehen, die Türen an der Gasse schließen sich, die Stimme der Mühle wird leise, wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt.

Die Auflösung : Die Hüter des Hauses, das sind die Arme; die Starken sind unsere Beine; die Müllerinnen, die müßig stehen, weil schon viele fehlen, sind unsere Zähne. Die finster werdenden Fenster: die Augen, die sich schließenden Türen: die Ohren, der weiß blühende Mandelbaum unsere Haare, die beladene Heuschrecke: der schwere Gang und schon ist des Rätsel Lösung klar: das Alter!

Eine ziemlich genaue Beschreibung der uns alle irgendwie, früher oder später treffenden Alterungserscheinungen. Doch Kohelet beschreibt ohne Klage. „Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist.

Das Leben ist so. Wir beschreiten einen vorgezeichneten Weg und auch wenn wir noch so viel in die Gesundheit und Fitness unseres Körpers investieren, wenn wir auf die Ernährung achten, nicht Rauchen und nicht Trinken; wenn unser Leben nicht nur Unfall oder schwere Krankheit vorzeitig beendet wird, werden wir alle den Verfall, den Verlust an selbstverständlichen Fähig- und Möglichkeiten unserer leiblichen Existenz erleben.

Sollten wir uns nun vor dem Altern fürchten?

Der französische Philosoph Michel de Montaigne schreibt dazu in seinen Essais „Die ganze Erleichterung, die ich in meinem Alter finde, ist die, dass es viele der Begierden und Bekümmernisse abtötet: die Sorge um den Lauf der Welt, die Sorge um den Besitz, die Sorge um das Ansehen – die Sorge um mich“

Als wenn er den letzten Vers unseres Predigttextes vor Augen hat: „Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.“

Kohelet schreibt aber nicht (nur) für ein hochbetagtes Publikum am Ende des Lebens, sondern er schreibt an die Jugend :

In den Versen direkt vor und am Anfang unseres Predigttextes heißt es:

So freue dich, junger Mensch, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. Lass Unmut fern sein von deinem Herzen und halte das Übel fern von deinem Leibe; denn Jugend und dunkles Haar sind eitel. Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«“

Kohelet schaut auf das ganze Leben, das Alter mit all seinen Beschwernissen, und wehmütig schaut er auf die Jugend und das Streben nach Glück.

Auch hier wieder: alles ist eitel, trügerisch.

Ob wir Jüngeren – zur Jugend gehöre auch ich nicht mehr – uns bewusst sind, was auf uns zu kommt?

Woody Allen hat einmal auf die Frage, wie er mit seiner Sterblichkeit umgehe geantwortet, „Ich bin dagegen!“

Kohelet hebt in all seiner Lebensklugheit den mahnenden Zeigefinger: „und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.“

Nicht resigniert, sarkastisch oder zynisch wie allzuoft die Auseinandersetzungen oder Ratschläge zwischen den Generationen klingen. Auch er kennt die Mahnungen der großen Denker schon seiner Zeit im 3.Jahrhundert vor Christus vor der zügellosen, ungebildeten Jugend, die auf jeden Fall alles, was die Alten erschaffen haben, durchbringen wird.

Nein, darum geht es nicht!

Sondern: lebe dein Leben, aber mach es richtig.

Der weise alte Mann schaut mit all seinen Erfahrungen und seinem Wissen zurück und es geht ihm ein Licht auf.

Ja, lebe dein Leben: genieße, aber bedenke doch schon, dass du dabei Verantwortung trägst, bedenke die Konsequenzen und bedenke, dass du Rechenschaft ablegen musst.

Darüber, wie ich Gebote eingehalten habe oder was ich mit meinem Leben gemacht habe??

Mit diesem einen Leben auf der Erde das ich nun mal nur habe.

Dieses Leben über das Cesare Pavese sagt: „Es ist schön zu leben, weil Leben anfangen heißt, immer in jedem Augenblick“

Unser Leben besteht aus unzähligen Herausforderungen und Niederlagen, aus Freuden und Sorgen, wir bauen auf und reißen ein, lieben und hassen, lachen und weinen.

Lebe ich dieses Leben, um jemand zu sein, ordne ich meine Handlungen einem Zweck unter? Verzichte ich jetzt, um später glücklich und gesund zu sein?

Oder vertraue ich darauf, dass Gott – vor dem alles offenbar werden muss – eben auch hier und jetzt bei mir ist, dass er mich einlädt, seine Liebe und Freundlichkeit wie ein Kind anzunehmen.

Ich kann mein Leben perfekt planen und ich kann auch verdrängen, dass es doch darauf ankommt, selber glücklich zu sein und andere glücklich zu machen, für andere zur Gabe Gottes zu werden, zu zeigen, dass doch nicht alles nur Haschen nach Wind ist.

Im letzten James Bond Film gibt es eine Gedenkminute für den Geheimagenten ihrer Majestät, bei der M einen Text von Jack London zitiert: „Die eigentliche Funktion des Menschen besteht darin, zu leben, nicht zu existieren. Ich werde meine Tage nicht damit verschwenden, sie zu verlängern. Ich werde meine Zeit nutzen.“

Was man laut Kohelet dabei nicht tun sollte, das sagt er im vorletzten Vers seines Buches: „mein Sohn, lass dich warnen: Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde“

Um dann im letzten Vers zusammenzufassen: „Lasst uns am Ende die Summe von allem hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für alle Menschen. Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles, was verborgen ist, es sei gut oder böse.“

Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, ganz eitel.

Vielleicht lächelt er dabei. Kohelet schließt die Augen, sieht das Licht und er spürt den Frieden Gottes, der größer ist als all unsere menschliche Vernunft und Vorstellungskraft.

Amen